Genre:
Sachbücher Politik
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.10.2004
Gründungsurkunde einer neuen Terrorreligion ? Bei allen Bemühungen, Motive und Hintergründe der Ereignisse des 11. September 2001 zu beleuchten, spielte bis jetzt die Analyse eines handschriftlichen arabischen Textes, der als einziger den Tätern zuzuordnen ist, keine nennenswerte Rolle. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Dokument ist ein wichtiger Beitrag zur Bestimmung des religiösen Fundamentalismus und terroristischer Gewalt.
Vorwort
Gründungsurkunde einer neuen Terrorreligion ?
Autorentext
Hans G. Kippenberg ist Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bremen und Fellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. Tilman Seidensticker ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Jena.
Leseprobe
Für das grauenhafte Massaker, das am 11. September 2001 19 junge Männer angerichtet haben, existiert ein Dokument, das ihnen als Anleitung für ihre Tat diente. Mohammed Atta, der die erste Maschine in den Nordturm des World Trade Center steuerte, war von Portland nach Boston geflogen und dort in eine Maschine nach Los Angeles mit der Flugnummer AA 11 umgestiegen. Dabei war eine seiner beiden Reisetaschen nicht mit umgeladen worden. Als man sie fand, entdeckte man in ihr zwei Dokumente. Eines war ein englisches Testament aus dem Jahre 1996, in dem Atta akribisch vorschrieb, was mit seinem Körper nach dem Tod zu geschehen oder vor allem nicht zu geschehen habe, damit er nicht verunreinigt werde. Ungleich spektakulärer ist ein mit der Hand geschriebener arabischer Text, der die Anschläge in ihrem Ablauf gedanklich vorwegnahm und in Phasen einteilte, die jeweils mit Rezitationen und Ritualen verbunden waren. Justizminister John Ashcroft und FBI-Direktor Robert Mueller haben laut abcNews.com am 28. September 2001 Kopien des vierseitigen arabischen Dokumentes aus Mohammed Attas Besitz auf einer Pressekonferenz an Journalisten verteilt. Außerdem wurden Scans der vier Blätter ins Netz gestellt. Der britische Observer veröffentlichte am 30. September 2001 eine englische Übersetzung der vier Seiten. Eine Übersetzung von Hassan Mneimneh erschien einige Monate später in Zusammenhang mit einem Artikel über das Dokument im New York Review of Books. Die Washington Post (WP) veröffentlichte am 28. September einen Artikel zu dem Fund mit dem Titel "In Hijacker's Bags, a Call to Planning, Prayer and Death", sprach allerdings von fünf Seiten. An anderer Stelle derselben Ausgabe (auf S. A 18) brachte sie "Auszüge aus dem fünfseitigen handgeschriebenen Dokument" in englischer Übersetzung. Die ersten beiden Auszüge kommen auf den vier arabischen Blättern nicht vor. Es liegt daher nahe anzunehmen, sie müßten auf dem fünften Blatt gestanden haben. In the name of God, the most merciful, the most compassionate In the name of God, of myself and of my family I pray to you God to forgive me from all my sins, to allow me to glorify you in every possible way. Remember the battle of the prophet ... against the infidels, as he went on building the Islamic state. Die WP deutete mit den Punkten an, daß die Auszüge keine vollständigen Zitate sind. AbcNews.com brachte am 28. September den zweiten Auszug mit genau den gleichen Worten einschließlich der Auslassungen und nannte die Quelle: "Sicherheitsbeamte [law enforcement officials] stellten ABCNEWS eine Übersetzung von zentralen Textauszügen zur Verfügung". Der erste Auszug der Washington Post weckte sofort Zweifel an einer muslimischen Herkunft. Welcher gläubige Muslim würde je sagen: "Im Namen Gottes, von mir selber und meiner Familie"? Für dieses Schriftstück fehlt aber das arabische Original, so daß eine Überprüfung nicht möglich ist. Auch eine Fehlübersetzung kann man nicht ausschließen. Das Schriftstück von Mohammed Atta war nicht das einzige. In Washington wurde in dem Auto eines anderen Tatbeteiligten, Nawaf al-Hazmi, eine weitere Kopie gefunden. CBS News veröffentlichte am 1. Oktober 2001 eine Übersetzung mit der Bemerkung: Es folgt eine vollständige Übersetzung des arabischen Dokumentes, das in dem Auto von Nawaf al-Hazmi beim Dulles-Flughafen gefunden wurde. Er war an Bord von Flug 77 der American Airlines. Es ist ähnlich, aber nicht identisch mit dem Dokument, das man in Attas Gepäck fand, und mit Teilen eines Dokumentes, das im Wrack in Pennsylvania gefunden wurde. Die Übersetzung wurde von drei arabischen Wissenschaftlern für CBS News gemacht. Auch dieses Dokument bestand offensichtlich aus vier Seiten; der Text stimmt mit dem von Mohammed Atta überein. Abweichungen wirken wie Flüchtigkeitsfehler bei der Übersetzung. Ob es sich wirklich um einen weiteren selbständigen arabischen Textzeugen handelt? Alle im Internet publizierten arabischen Texte sind Reproduktion ein- und derselben Vorlage. Ob der Korrespondent vielleicht etwas falsch verstanden hat, als die Kopien des arabischen Originals verteilt wurden? Damit nicht genug. Laut Auskunft von Justizminister John Ashcroft wurden Reste eines dritten Exemplars desselben Dokumentes in der in Pennsylvania abgestürzten Maschine gefunden. Der SPIEGEL veröffentlichte am 1. Oktober 2001 eine deutsche Übersetzung - auf welcher Grundlage, ließ er offen - unter dem Titel: "Spirituelle Anleitung für den Selbstmordanschlag auf das World Trade Center" (SPIEGEL 40, 2001, 36-38). Sie wurde später in den Anhang des Buches von Stefan Aust und Cordt Schnibben 11. September. Geschichte eines Terrorangriffs übernommen. An beiden Stellen sind die vier Seiten jedoch in eine verkehrte Reihenfolge gebracht worden. Noch in der neuen dtv-Ausgabe von 2003 ist der Fehler nicht behoben. Ein authentisches oder ein gefälschtes Dokument? Obwohl der Fund sensationell genannt werden muß, spielte er bis heute in der Aufarbeitung der Anschläge keine Rolle. Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Am verständlichsten sind noch ethische Bedenken. Es ist nicht unproblematisch, Verbrechern nachvollziehbare Gründe für ihre Handlung zuzubilligen und auf diese Weise unschuldige Opfer - und sei es in einer indirekten Weise - für ihr Geschick mitverantwortlich zu machen. Es gab aber noch einen anderen Grund, das Dokument nicht weiter ernst zu nehmen. Er hängt mit den Zweifeln zusammen, den die Zitate aus der fünften Seite an der Echtheit des Dokumentes hervorgerufen haben. Direkt nach der Veröffentlichung der Übersetzungen machte der angesehene Kenner des Nahen Ostens Robert Fisk auf eine Aussage aufmerksam, die im Munde eines Muslims verdächtig klänge. Welcher gläubige Muslim würde von seinem Leben sagen: "Die Zeit des Spielens ist vorbei, es ist die wahre Verabredung gekommen"? (GA, S.1 §7) Doch ist dieser Schluß nicht zwingend, wie sich bei einer religionsgeschichtlichen Untersuchung des Dokumentes noch zeigen wird. Auch seien sprachliche Wendungen wie "100 Prozent" oder "optimistisch" in einem arabischen theologischen Text nicht denkbar. Fisk, der sich auf die Übersetzung bezog, kam zu einem vorsichtigen Schluß. Die Übersetzung lasse eine christliche Deutung dessen, was die Entführer der Maschine gefühlt haben müssen, erkennen. Fisk vermutet, daß die Übersetzer christliche Araber waren und sich dies in ihrer Übersetzung zeigt. Nimmt man alle Bedenken zusammen, steht zwar der erste Auszug der WP im berechtigten Verdacht, eine Fälschung zu sein. Diese Übersetzung stammte allerdings von FBI-Beamten, eine arabische Vorlage ist nicht bekannt. Es könnte sich auch um eine Fehllesung bzw. Fehlübersetzung eines fünften Blattes handeln. Denn daß der Text ohne eine basmala begann, ist nicht sehr wahrscheinlich. Insgesamt muß man festhalten, daß es bislang keine stichhaltigen Indizien für eine Fälschung gibt. Daß dennoch die Vermutung einer Fälschung so verbreitet ist, hängt wohl mit Verschwörungstheorien zusammen, die über den 11. September zirkulieren. Michael Barkun, der seit langem amerikanische Gruppen, die an die Macht von Verschwörungen glauben, erforscht, hat die Deutungen der Anschläge sowie der Reaktionen der US-Regierung darauf oh…
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