Flucht in den Terror

Flucht in den Terror

Einband:
Paperback
EAN:
9783593387444
Genre:
20. Jahrhundert (bis 1945)
Autor:
Christina Jung
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.11.2008

Viele deutsche Kommunisten flüchteten nach 1933 in die Sowjetunion, wo sie die stalinistischen Säuberungen miterlebten. Ihre Autobiografien erzählen von enttäuschten Hoffnungen, Leiden und Irrwegen. Sie zeugen davon, wie politische Identität entsteht und bewahrt oder revidiert wird. Christina Jung untersucht die in den Texten sichtbaren Traditionslinien ebenso wie die Techniken der Selbstkonstruktion. Damit eröffnet sie neue Perspektiven sowohl auf die Gattung der Autobiografie als auch auf das Leben im Stalinismus.

Autorentext
Christina Jung, Dr. phil., ist Germanistin und promovierte an der Universität Marburg.

Klappentext
Viele deutsche Kommunisten flüchteten nach 1933 in die Sowjetunion, wo sie die stalinistischen Säuberungen miterlebten. Ihre Autobiografien erzählen von enttäuschten Hoffnungen, Leiden und Irrwegen. Sie zeugen davon, wie politische Identität entsteht und bewahrt oder revidiert wird. Christina Jung untersucht die in den Texten sichtbaren Traditionslinien ebenso wie die Techniken der Selbstkonstruktion. Damit eröffnet sie neue Perspektiven sowohl auf die Gattung der Autobiografie als auch auf das Leben im Stalinismus.

Leseprobe
Einleitung: Traditionslinien (ex)kommunistischer Autobiographik Zenzi Mühsam - nach zwanzig Jahren nun als Zweiundsiebzigjährige wieder heimgekehrt aus den Kerkern der GPU und den Lagern Sibiriens. [] Was sie erzählte ist die Epopöe des zwanzigsten Jahrhunderts. Niemand wird sie schreiben. Unsere Wirklichkeit - die fast alltägliche Erfahrung - übersteigt alles, was ausschweifende Phantasie sich vorzustellen vermochte: Vor der geplanten Weltraumrakete wie den Gasöfen von Auschwitz und den millionenfachen Deportationen in Russland versagt die Vorstellungskraft. Man nimmt es nachgerade wie eine Naturkatastrophe hin, dass solche Schicksale zehntausendfach, hunderttausendfach eine Alltäglichkeit sind. Die Literatur kann das mit ihren gegenwärtigen Kunstmitteln nicht bannen. Der Roman ist neunzehntes Jahrhundert. Die Aussage des zwanzigsten Jahrhunderts wird vielleicht der dokumentarische Bericht sein. Alfred Kantorowicz I. Nachdem 1933 die Kommunistische Partei Deutschlands für illegal erklärt worden war, sahen sich ihre Mitglieder zunehmend dem nationalsozialistischen Terror ausgesetzt. Bereits am 3. März 1933 verhaftete die Gestapo den Parteivorsitzenden Ernst Thälmann. Bis zu diesem Zeitpunkt, so schätzt David Pike (1981: 82), befanden sich bereits 4.000 bis 10.000 mittlere und untere Funktionäre der KPD in Haft. Vor der wachsenden existentiellen Gefahr flüchteten Tausende Kommunisten aus Deutschland. Als politisch Verfolgte hofften viele von ihnen, im "Bollwerk des Antifaschismus" Zuflucht zu finden: der Sowjetunion. In dem Land der Hoffnung auf eine bessere, klassenlose Zukunft wähnten sie sich nicht nur in Sicherheit, sondern auch in ihrer ideologischen Heimat. Kein anderes Exilland wurde so deutlich aus politischen Gründen gewählt und war bei seinen Asylanten mit ähnlich großen Hoffnungen besetzt wie dieser sozialistische Staat. Hoffnungen freilich, die herb enttäuscht wurden. Denn die geschätzten 4.600 deutschen Arbeiter, Funktionäre, Kulturschaffenden und Intellektuellen, die in den Dreißigerjahren in die UdSSR entkamen, fanden sich dort in der paranoischen Atmosphäre der stalinistischen Parteisäuberungen wieder. Nach noch immer ungesicherten Angaben sollte die "größte Kommunistenverfolgung aller Zeiten" (Weber 1990: 15) rund 70 Prozent der deutschen Emigranten das Leben kosten. Die individuell erlebten Widersprüche und die aus den konkreten Repressionserfahrungen resultierenden Krisen der politischen und personalen Identität führten häufig unmittelbar nach Verlassen der Sowjetunion zum Bruch mit der Partei, vielfach mit dem Kommunismus überhaupt. Oft gelang es aber auch, das parteipolitische Engagement weiterzuführen. Davon und vom politischen Exil in der Sowjetunion, von Leidens- und Irrwegen durch Lager, von Verbannung oder gar Auslieferung an das nationalsozialistische Deutschland, erzählen zahlreiche Autobiographien kommunistischer und exkommunistischer Autorinnen und Autoren. II. Der skizzierte gemeinsame Erfahrungshorizont zwischen Faschismus und Stalinismus eröffnet zeit- und subjektgeschichtliche Dimensionen, die das Textkorpus ins Zentrum vielfältiger Problemfelder rücken. Sie resultieren sowohl aus den differenten ideologischen Klammern, die den Inhalt, die unterschiedlichen Entstehungsbedingungen und schließlich die moralisierende Rezeption der Texte geprägt haben, als auch aus der zur Aufarbeitung gewählten autobiographischen Gattung. In konzentrierter Form behandeln die hier zusammengeführten Werke im Modus des individuellen Erlebens historische Phänomene, die essentiell sind für die Signatur des 20. Jahrhunderts: erstens die kommunistische Idee mit den daran anknüpfenden internationalen Massenbewegungen, denen die Autoren über weite Teile ihres Lebens, in einigen Fällen gar bis an ihr Lebensende, verpflichtet waren; zweitens die Sowjetunion, die, solange sie bestand, als sozialistisches Experiment und mögliches Zukunftsmodell wahrgenommen und beurteilt wurde; und drittens das stalinistische Terrorsystem, das "Makroverbrechen" (Kraushaar 1996), welches das 20. Jahrhundert neben dem Faschismus hervorbrachte und in das die Autoren im sowjetischen Exil unmittelbar involviert waren. Nach dem Ende des "kurzen 20. Jahrhunderts" (Hobsbawm 2003), das im Wesentlichen durch die Existenz der Sowjetunion gekennzeichnet war, sind die genannten Phänomene Geschichte und damit überschaubarer Gegenstand der Geschichtsschreibung geworden. Dennoch scheinen der Stalinismus als "mystery" (Fitzpatrick 2000: 2) und der Kommunismus als "das große Enigma des 20. Jahrhunderts" (Koenen 1998: 14), als "Illusion" (Furet 1999) ebenso rätselhaft zu sein wie das gesamte 20. Jahrhundert. In dem Bemühen, dessen Widersprüchlichkeiten zu verstehen, kommt der Bewertung und Einordnung der Ideologien und Herrschaftssysteme eine zentrale Bedeutung zu. Diese aber machen die Debatte bis heute gleichzeitig zu einem politisch-ideologisch wie auch wissenschaftlich umkämpften Gelände. Die Diskussionen in der Forschung kreisen um die historische Bedeutung der Oktoberrevolution und, mit einem Blick auf die konstitutiven Momente der Bewegung, um die noch ebenso ungeklärte wie spannende Kontinuitätsfrage, nämlich ob die kommunistische Idee den Terror schon im Keim in sich trug oder ob die Herrschaft Stalins einen radikalen Bruch mit einem bis dato fortschrittlichen Projekt bedeutete. Um mit Ernst Blochs (1985: 449) viel zitierten Worten zu sprechen: "Hat sich der Marxismus im Stalinismus nur bis zur Unkenntlichkeit oder streckenweise auch bis zur Kenntlichkeit verändert?" Ist der Kommunismus eine "kriminogene Ideologie" (Courtois u. a. 1998), wofür die Autoren des Schwarzbuchs Kommunismus plädieren? Ist er zu definieren als der bisher "radikalste Versuch", eine Gesellschaft "in toto zu säubern", der als solcher "zutiefst gescheitert" ist (Koenen 1998: 432)? Bleibt nach dem "ruhmlosen Ende" der Sowjetunion von der Oktoberrevolution nichts als eine tabula rasa, die zu den weitreichenden historischen Folgen der Französischen Revolution in keinem Verhältnis steht (Furet 1999)? Rettete der Kommunismus in letzter Konsequenz ganz gegen seine Intention gar den Kapitalismus, da er ihn anspornte, "sich nach dem Zweiten Weltkrieg selbst zu reformieren", und durch das antifaschistische Bündnis mit seinem Gegner ebenso unfreiwillig die Demokratie, wie Eric Hobsbawm (2003: 22f.) meinte? Mit dieser Sichtweise setzte sich der britische Historiker dem Vorwurf aus, seinerseits etwas retten zu wollen, was längst verloren sei: das historische Gewicht der Oktoberrevolution. Daneben steht die sich immer weiter ausdifferenzierende Diskussion um die totalitären Weltentwürfe und die Frage nach ihrer Vergleichbarkeit, insbesondere begründet durch die Arbeitslagersysteme,…


billigbuch.ch sucht jetzt für Sie die besten Angebote ...

Loading...

Die aktuellen Verkaufspreise von 6 Onlineshops werden in Realtime abgefragt.

Sie können das gewünschte Produkt anschliessend direkt beim Anbieter Ihrer Wahl bestellen.


Feedback