Genre:
Deutsche Sprach- & Literaturwissenschaft
Autor:
Chaim Vogt-Moykopf
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.05.2009
Was ist jüdische Literatur? Kann dazu auch das Werk eines Schriftstellers gehören, der zum Christentum konvertiert ist, oder das eines nichtjüdischen Literaten? Der Autor beantwortet diese Fragen mit einer völlig neuen Lesart von Texten, die zeigt, dass es ein universelles jüdisches Denken gibt. In dessen Zentrum stehen die in der Wüste Sinai übermittelten Urschriften des Judentums, ihre Auslegungen und eine damit einhergehende »Textbesessenheit«. Mit poetischer Leidenschaft deckt Chaim Vogt-Moykopf scharfsinnig und wissenschaftlich fundiert »sinaitisches Denken« in den Werken deutschsprachiger Autoren wie Edmund Husserl, Theodor W. Adorno, Stefan Hermlin, Elfriede Jelinek und Franz Kafka auf.
Vorwort
Worte aus der Wüste
Autorentext
Chaim Vogt-Moykopf, PhD, hat an der Universität Montreal promoviert und lebt in Ottawa, Kanada. Er ist, wie er selbst sagt, »ein streitbarer Querdenker mit weltanschaulichem Eigensinn und einem Überschuss an begrifflicher und sprachlicher Spielfreude«.
Leseprobe
I. Einleitung Problemstellung Zwei aufeinander bezogene Fragen eröffnen die nachfolgende Untersuchung: Was ist jüdische Literatur und wie äußert sich biblisches jüdisches Denken in modernen Texten? Beide Fragen verweisen auf die Hypothese, dass die von Juden verfasste Literatur, unabhängig davon wie der jeweilige Autor sich als Jude definiert, in der Tradition eines Denkens steht, das sich aus der Thora nährt - ein Denken, das dem Offenbarungsort der Wüstenschrift entsprechend sinaitisches Denken genannt werden soll. Anders gesagt: auch die jüdische Moderne reflektiert sinaitisches Denken. Mit dieser Annahme soll demonstriert werden, dass die textuelle Identität der kleinste gemeinsame Nenner aller Juden ist, und dass sie sich auch in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur widerspiegelt. Jüdische Literatur wäre somit eine an den Elementen einer Denkkategorie gemessene Literatur. Die Behauptung, dass sich an Texten Identität festmachen lässt, mag auf den ersten Blick banal erscheinen, weil sich in jedem Text Identität manifestiert. Dies geschieht jedoch in der Regel über eine bestimmte Sprache, über die der Jude als Jude oberflächlich besehen nicht verfügt. Ein Jude, der regelmäßig auf Deutsch schreibt, kann dem deutschen Kulturkreis zugerechnet werden, weil er sich eines spezifischen Ausdrucksmittels bedient, das als solches ohne Hilfsmittel erkennbar ist. Seine Identität muss deshalb nicht notwendigerweise eine deutsche sein. Seine Werke sind jedoch im Deutschen angesiedelt. Weitaus schwieriger ist es, einen Text als der jüdischen Literatur gehörig einzustufen. Die Ausgangsfragen verweisen also wie jede Frage auf eine Verkettung bestimmter Prämissen. Sie behaupten ein jüdisches Denken, das gewissermaßen die Brücke zwischen der jüdischen Moderne und der jüdischen Antike bildet, weil es sowohl in den klassischen "religiösen" Texten des Judentums wie auch in den säkularen Schriften "aufgeklärter" Juden geortet werden kann. Probleme bereitet vor allem das Eigenschaftswort "jüdisch" als Ausdruck einer spezifischen literarischen Identität. Was heißt jüdisch? Da es weder eine jüdische Nation noch eine jüdische Sprache gibt, kann die literarische Zuordnung nicht nach sprachlichen und auch nicht nach nationalstaatlichen Kriterien erfolgen. Eine Klassifizierung nach religiösen Gesichtspunkten scheidet schon allein deshalb aus, weil sich die überwiegende Mehrheit der Juden nicht religiös definiert. Außerdem wäre die Reduzierung des Judentums auf eine Religionsgemeinschaft eine unzulässige Verengung des Identitätsrasters, weil die Halacha, wie das jüdische Recht heißt, die Zugehörigkeit zum Judentum an zwei Bedingungen knüpft, die mit Religion nichts zu tun haben. Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertiert. Der Übertritt ist jedoch keine Glaubens-, sondern eine Rechtsfrage. Wer Jude werden will, wird ausschließlich danach gefragt, ob er bereit ist, sein Leben nach den Gesetzen des Judentums auszurichten. Es wird also kein Glaubensbekenntnis, sondern der Eintritt in eine "juristische Gesellschaft" verlangt. Eine weitere Möglichkeit der Zuordnung bietet die Herkunft. Immerhin sehen sich die Juden in der überwiegenden Mehrheit bis heute als Volk. Sie ist jedoch die problematischste Methode und für die Bestimmung literarischer Identität am wenigsten geeignet. Denn die Feststellung, der Autor sei seiner Mutter wegen Jude, sagt nichts über sein Schreiben aus, es sei denn das Schreiben von Juden würde als erblich determiniert oder wie auch immer als abstammungsbedingt behauptet. Darauf haben sich jedoch nur Rassetheoretiker versteift, denen es darum ging, Juden als Individuen und als Gemeinschaft zu diffamieren. Allein die Nähe zum Antisemitismus nimmt daher der Verknüpfung literarischer Identität mit biologischer Realität jede Glaubwürdigkeit. Es liegt somit nahe, jüdische Identität auf ihre noetische Substanz hin zu befragen. Mit anderen Worten: Wodurch konstituiert sich jüdisches Denken? Welches sind die Elemente, die ein Denken als jüdisch erscheinen lassen? Wie äußert sich dieses Denken literarisch? Die Frage, wie solches Denken tradiert wird bzw. wie der betreffende Autor jüdischen Denkraum besetzt, mag von Interesse sein, ist jedoch nicht Gegenstand der Untersuchung. Es soll an dieser Stelle genügen, auf einige Publikationen zu verweisen, die sich mit diesem Thema befassen und ein Beleg dafür sind, dass Juden und Nichtjuden die Existenz jüdischen Denkens als selbstverständlich voraussetzen. Jüdisches Denken konstituiert sich der Überlieferung nach am Sinai mit der Übergabe eines Textes, der als Drehscheibe jüdischer Identität fungiert. Juden haben sich seit 3500 Jahren an diesem Text orientiert, das heißt ihr privates und gemeinschaftliches Leben auf der Grundlage der sinaitischen Schrift bis ins letzte Detail organisiert. Von der politischen Struktur ihres Zusammenlebens bis zum sexuellen Habitus, vom täglichen Speiseplan bis zur Kleiderordnung. Eine seiner Bestimmungen verpflichtet den Juden auf Auslegung, eine andere aufs Schreiben. Der Text soll interpretiert und angewandt werden. Diese Regel wird bis heute befolgt. Die Thora ist auf seit langem unüberblickbare Weise mehrtausendfach kommentiert und wird bis heute auf jede neue Lebensbedingung hin schriftlich "befragt", unabhängig von Zeit und Ort und unabhängig davon, ob es sich um politische, soziale oder rein private Fragen dreht. Gleichzeitig wurde an der mündlichen Überlieferung gearbeitet, wurden Mischna und Talmud zu den Herzstücken der rabbinischen Tradition und die kabbalistischen Texte zur Grundlage der mystischen Architektur jüdischer Identität. Thora, Talmud und Kabbala werden daher als die Säulen der jüdischen Identität gesehen. Anders gesagt: die jüdische Identität kann als textuelles Konzept verstanden werden. Der Text hat dabei die Funktion eines hermeneutischen Ich-Überbaus, verweist sozusagen auf eine bibliognostische Ontologie. Was sich in ihm niederschlägt, ist das Denken von Menschen, die sich seit Jahrtausenden an dem Basistext des Judentums abgearbeitet, geschult und dabei bestimmte Denkmuster und Denktechniken entwickelt haben, die teilweise ins "säkulare" Denken gerettet wurden und die sich unter anderem in Klischees wie "jüdisches Fragen", "jüdische Wortakrobatik" und "jüdischer Witz" widerspiegeln. Der Inhalt und die virtuelle Summe dieses Denkens, das seiner Ausgangsbasis wegen "das Denken Sinais" genannt werden soll, steht hier zur Debatte. Auf eine repräsentative Auswahl konstitutiver Elemente des sinaitischen Denkens wird allerdings verzichtet. Zum einen, weil kaum Einigkeit über den Umfang und die Art und Weise der Auswahl zu erzielen wäre. Zum andern, weil nicht der Eindruck erweckt werden soll, jüdisches Denken sei systematisch zerlegbar und auf einen Nenner zu bringen. Denken ganz allgemein darf nicht anders als Prozess gesehen werden, der sich aus immer neuen Eröffnungen speist und ununterb…
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