Emotionen und soziale Strukturen

Emotionen und soziale Strukturen

Einband:
Paperback
EAN:
9783593389110
Genre:
Sozialstrukturforschung
Autor:
Christian von Scheve
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.03.2009

Die Angst vor dem sozialen Abstieg oder der Freudentaumel bei einem gewonnenen Fußballspiel: Emotionen sind nicht nur Ausdruck von Individualität und Persönlichkeit, sondern auch des sozialen Miteinanders und der gesellschaftlichen Verhältnisse. Im Rückgriff auf neurowissenschaftliche, psychologische und soziologische Emotionstheorien weist Christian von Scheve die tiefgreifende soziale Strukturierung von Affekten und Emotionen nach, zeigt den Einfluss von Gefühlen auf das soziale Handeln und analysiert die Regulation und soziale Kontrolle von Emotionen. Der Autor macht damit deutlich, wie wichtig Emotionen für die Entstehung und Reproduktion sozialer Ordnung sind.

Autorentext
Christian von Scheve, Dr. rer. pol., ist Juniorprofessor am Exzellenzcluster »Languages of Emotion« der FU Berlin.

Leseprobe
1. Akteure, Emotionen und Gesellschaft Menschen leben in Gesellschaft anderer Menschen. Sie bilden Gemeinschaften, Gruppen, und Organisationen, gehen persönliche Beziehungen miteinander ein, haben gemeinsame Ziele, Überzeugungen und Erinnerungen, kooperieren miteinander, arbeiten gegeneinander, lieben und hassen einander. Neugeborene finden nicht etwa eine Welt vor, die dem sprichwörtlichen "unbeschriebenen Blatt" gleicht, sondern vielmehr einem Roman, in dem sie zwar die Protagonisten sind, der aber in weiten Teilen bereits geschrieben zu sein scheint, noch bevor sie die ersten Sätze sprechen können. Regeln sind aufgestellt, Verbote und Gebote ausgesprochen, Autoritäten vorhanden, Konventionen erlernt und Optionen oft Mangelware. Kurzum, die Möglichkeiten, den Rahmen und die Handlung dieses Romans selbst zu verändern, sind begrenzt. Die soziale Umwelt, in der Menschen aufwachsen, stellt sich je nach Betrachtungswinkel ganz unterschiedlich dar, aber selbst bei kleinem Winkel, unter dem sie relativ homogen erscheint, ist klar: Kein Mensch gleicht dem anderen, jeder besitzt ein eigenes Selbst mit eigenen Wünschen, Vorstellungen und Ansichten, die sich von denen der Mitmenschen mehr oder weniger unterscheiden. Wie lassen sich diese Beobachtungen miteinander vereinbaren, dass Akteure einerseits in einer Gesellschaft situiert sind, die durch ihre Ordnung und Struktur nicht nur den Rahmen für das Handeln, sondern oft auch für ganze Lebensläufe setzt, und andererseits die Akteure doch so unterschiedliche individuelle Eigenschaften aufweisen, die sie einzigartig machen? Wie existiert also die Gesellschaft im Individuum und wie das Individuum in der Gesellschaft? Wir bewegen uns geistig wie körperlich in einem eng geknüpften und verschachtelten Netz unterschiedlicher Formen der Vergesellschaftung, die auch diese Bewegungen selbst umfassen; dazu gehört die Familie genauso wie der Freundes und Bekanntenkreis, die Clique, Kollegen und Vereinskameraden oder Menschen, von denen wir lediglich indirekt, etwa über Medien, erfahren, zum Beispiel Politiker, Wissenschaftler oder Künstler. Durch jedwede Interaktion kommen wir in Berührung mit anderen Formen der Vergesellschaftung und deren speziellen Eigenschaften, so dass wir nur selten Teil einer einzigen Vergesellschaftungsform sind. Wie sehr sich diese Formen unterscheiden können, wird deutlich, wenn sie sich überlagern und wir an ihren Schnittstellen oder in einer uns fremden Gesellschaftsform agieren müssen. Alfred Schütz (1972) hat Letzteres in seinem Aufsatz "Der Fremde" eindrucksvoll geschildert, die Ethnologie stellt dazu etliche imposante Fallstudien bereit und auch die Kulturwissenschaften beschreiben dieses Phänomen. Die erstgenannten Aspekte ließen sich mit Blick auf die Probleme, die in Gegenwartsgesellschaften beispielsweise bei der Heimarbeit, also der Überlagerung der Lebenswelten Familie und Beruf, auftreten, soziologisch gut illustrieren. Trotz der Spezifität der verschiedenen Vergesellschaftungsformen sind diese keineswegs statisch, sondern einerseits in hohem Maße dynamisch, andererseits aber so robust und kohärent, dass sie einer Vielzahl unterschiedlicher Handlungsstränge und Verhaltensmuster als Rahmen dienen. Vor diesem Hintergrund sind die zentralen Fragen der Soziologie, wie sich Formen der Vergesellschaftung konstituieren, welche Dynamiken sie aufweisen und welche Rolle der Akteur, sowohl individuell als auch im Kollektiv, dabei spielt. Die Struktur einer Vergesellschaftungsform - eines sozialen Aggregats oder Systems - entsteht nicht aus dem Nichts, sie ist keine naturgegebene Tatsache (obgleich sie einzelnen Akteuren aufgrund ihrer begrenzten Lebensspanne so erscheinen mag), sondern Ergebnis des handelnden Zusammenwirkens einer Vielzahl von Akteuren. Andererseits stellen soziale Aggregate aber auch gleichzeitig die Bedingungen und Möglichkeiten dieses handelnden Zusammenwirkens dar, indem sie Qualitäten wie Normen, Regeln oder Konventionen aufweisen. Diese Paradoxie, also die Beobachtung, dass ein Phänomen gleichzeitig Ursache und Wirkung ist, erinnert auf den ersten Blick an das "Henne und Ei"-Problem. Bei eingehender Betrachtung wird aber deutlich, dass es durchaus aufgelöst werden kann - die Soziologie und auch die Sozialpsychologie stellen dazu eine Vielzahl von Theorien und Modellen zur Verfügung. Fragen und Analysen zum Zusammenhang von individuellem Handeln und sozialen Strukturen sind innerhalb der Soziologie seit langer Zeit ein etablierter Forschungszweig, spätestens seit Adam Smiths (1776) prominenter These der "unsichtbaren Hand". Etwa seit den 1980er Jahren werden sie in der Regel unter dem Begriff Mikro-Makro-Link subsumiert, der sich vor allem im englischsprachigen Raum durchgesetzt hat (Alexander/Giesen 1987). Zu Beginn fußte die Forschung zum Mikro-Makro- Link auf dichotomischen Annahmen über die Mikro und Makroaspekte der sozialen Welt, das heißt über das individuelle Handeln und die gesellschaftlichen Strukturen. Diese dualistische Unterteilung der realen Welt ist mittlerweile einer Differenzierung und Verfeinerung gewichen, die sich zunehmend auf die analytische Ebene konzentriert und dabei die Wechselwirkungen zwischen den Ebenen zum Gegenstand macht. Die bisherige Kenntnis der Zusammenhänge von Sozialität und Individualität, von Handlung und sozialer Ordnung, von Selbst und Gesellschaft reicht aber trotz aller Bemühungen noch nicht aus, um soziale und subjektspezifische Phänomene wie zum Beispiel gesellschaftlichen Wandel, soziale Bewegungen, abweichendes Verhalten oder Kooperation und Solidarität abschließend erklären und verstehen zu können. Dabei nimmt die Aktualität der genannten Fragen stetig zu. Selten zuvor wurde dem Verständnis dieser Phänomene eine größere Bedeutung beigemessen als heute und selten gab es mehr Quellen, die einen rasanten und globalen Wandel gesellschaftlicher Ordnungen mit weit reichenden Konsequenzen für die Psyche und das Bewusstsein der Menschen konstatieren. Um in dieser Hinsicht weitere Fortschritte erzielen zu können, müssen neue beziehungsweise weiterführende Methoden und Konzepte entwickelt werden, so dass sich die Zusammenhänge zwischen dem individuellen Akteur, den Strukturen und Qualitäten sozialer Aggregate und der Entstehung und Reproduktion sozialer Ordnung besser erklären und verstehen lassen. Dabei wird der Erfolg dieser Entwicklungen davon abhängen, inwiefern sie nicht nur das eine in Abhängigkeit vom jeweils Anderen erklären können, sondern inwieweit sie in der Lage sind, auch die Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Ebenen zu erfassen und darzustellen. Obwohl es sich bei den untersuchten Gegenstandsbereichen der Handlungen und Strukturen um zwei offensichtlich distinkte, aber doch interagierende Kategorien handelt, die aus wissenschaftshistorischen Gründen vorrangig von unterschiedlichen Disziplinen, nämlich der Soziologie und der Psychologie untersucht werden, hat sich die Soziologie bislang überaus zurückhaltend gegenüber den Ergebnissen der Psychologie gezeigt, obgleich diese zumindest einen Teil der angesprochenen Wechselwirkungen gut abdeckt. Andererseits gehen von der Psy…


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