Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.11.2009
Das Verhältnis von Kirche und Zivilgesellschaft ist nicht minder bedeutsam und vielschichtig als das von Kirche und Staat. In diesem Band wird der Frage nachgegangen, wie katholische, protestantische und orthodoxe Kirchen in Europa die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen beeinflusst haben und wie sich soziale und politische Wandlungsprozesse auf die Kirchen auswirkten.
Autorentext
Arnd Bauerkämper ist Professor für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der FU Berlin. Jürgen Nautz war Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe (20142020) und außerordentlicher Universitätsprofessor für Wirtschaftsgeschichte am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien.
Leseprobe
Einleitung: Zivilgesellschaft und christliche Kirchen - wechselseitige Bezüge und Distanz Arnd Bauerkämper/Jürgen Nautz Die Position, Rolle und Aktivitäten der christlichen Kirchen sind seit dem Mittelalter durch einen Dualismus gekennzeichnet. Einerseits hat die kirchlichen Institutionen ihre tiefe Verwurzelung im religiösen Glauben geprägt, dem nicht nur die Kleriker, sondern in der Regel auch die Gläubigen verpflichtet waren. Der christliche Glaube, den Katholiken, Protestanten und Orthodoxe - trotz aller konfessionellen Differenzen - weitgehend teilen, ist deshalb als Fundament der Kirchen anzusehen. Sie haben ihre Aktivitäten durchweg der individuellen Seelsorge gewidmet. Andererseits ist die gesellschaftliche Rolle der Kirchen unübersehbar, die sich in ihren karitativen Aktivitäten besonders auffällig niedergeschlagen hat. Sie reichen von der Krankenfürsorge in den Hospizen des späten Mittelalters über die "Innere Mission" bis zur Hilfe, die Kirchen gegenwärtig den Opfern von Not und Gewaltherrschaft gewähren. Dabei haben sie soziale Initiativen und Bewegungen nicht nur aufgegriffen, sondern vielfach gefördert und zum Teil sogar hervorgerufen oder ermutigt. Die Kirchen haben sich aber nicht auf sozialpolitische und karitative Bereiche beschränkt. Vielmehr sind von vielen Vertretern der christlichen Kirchen zu unterschiedlichen Zeiten Bemühungen ausgegangen, ihr Engagement auch auf andere moralische, ethische und politische Problemstellungen auszudehnen. Im 20. Jahrhundert haben sie letztlich auf die Herausforderung der neuen religiösen Bewegungen reagiert und Fürsorge und Seelsorge miteinander verknüpft, so in ihren volksmissionarischen Aktivitäten. Diese gesellschaftlichen Aktivitäten kirchlicher Institutionen sind in den letzten Jahrhunderten wiederholt auf den Widerspruch von Amtsträgern und Gläubigen gestoßen, die für eine Beschränkung der Kirchen auf die individuelle Seelsorge eingetreten sind. Aus ihrer Sicht ist diese Aufgabe durch das zunehmende gesellschaftliche Engagement gefährdet worden. Das Verhältnis zwischen individueller Seelsorge und gesellschaftlicher Fürsorge ist in den christlichen Kirchen deshalb bis zur Gegenwart ebenso grundsätzlich umstritten geblieben wie in der theologischen Diskussion. Auch in der neueren Zivilgesellschaftsforschung ist die Rolle der Kirchen kontrovers diskutiert worden. Seit den 1980er-Jahren hat sich Zivilgesellschaft zu einem einflussreichen Konzept entwickelt, das die soziologische, politik- und geschichtswissenschaftliche Forschung ebenso beeinflusst hat wie die politische Diskussion. Dabei schien die "Praxis der Zivilgesellschaft" in den westlichen Staaten besonders geeignet, die vielfach als bedrückend empfundene Handlungslogik des Kapitalismus einzuschränken. Demgegenüber richteten Intellektuelle in den staatssozialistischen Diktaturen - vielfach vermittelt über das westliche Exil - in den Achtzigerjahren den Begriff gegen die Machthaber, um die Forderungen der "zweiten Gesellschaft" nach politischer Mitsprache zu begründen. Zivilgesellschaft ist aber nicht nur zu einem normativen Schlüsselbegriff, sondern auch zu einem analytischen Instrument geworden. Die Forschung zur Herausbildung und Transformation konkreter Zivilgesellschaften, die überwiegend allenfalls als Segmente oder Sektoren umfassenderer sozialer Formationen gefasst worden sind, hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten deshalb beträchtlich intensiviert. Zivilgesellschaft ist dabei zunächst überwiegend als Bereich zwischen der Privatsphäre und den Familien, dem Staat und der Wirtschaft gefasst worden. Allerdings ist das Verhältnis zur Ökonomie umstritten geblieben, da das Gewinnstreben einerseits dem Konzept eines über partikulare Interessen hinausgehenden gesellschaftlichen Engagements widerspricht, andererseits aber wirtschaftliche Aktivitäten durchaus wichtige zivilgesellschaftliche Werte wie Autonomie und Selbsthilfe, aber auch Rücksichtnahme auf andere Marktteilnehmer vermitteln. Diese bereichsbezogenen Konzeptualisierungen der Zivilgesellschaft sind in der weiteren Forschung zunehmend durch interaktionslogische Untersuchungsansätze ergänzt worden, die auf spezifische, zivilgesellschaftlichen Normen entsprechende Handlungsformen und ihre Träger zielen. Der Stellenwert von Religion und Kirchen ist in den beiden, sich weitgehend ergänzenden Forschungsrichtungen bislang wenig beachtet und kaum untersucht worden. Einzelne Studien haben aber die Erkenntnis vermittelt, dass die Beziehungen zwischen Zivilgesellschaften und den christlichen Kirchen in der historisch-sozialwissenschaftlichen Forschung ebenso umstritten geblieben ist wie in der theologischen Diskussion. Zudem haben vor allem Historiker wiederholt betont, dass das Verhältnis nicht nur variabel, sondern auch von spezifischen Konstellationen geprägt worden ist. Der Stellenwert und die Rolle der christlichen Kirchen in europäischen Zivilgesellschaften seit dem 18. Jahrhundert müssen deshalb hinsichtlich ihrer konkreten Kontexte untersucht und damit historisiert werden. Dabei sind die jeweilige institutionelle Konfiguration der Kirchen und ihr Verhältnis zu den Gesellschaften besonders zu beachten.
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