Die Konstruktion von Inklusion

Die Konstruktion von Inklusion

Einband:
Paperback
EAN:
9783593391533
Genre:
Politische Soziologie
Autor:
Stefan Bernhard
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
28.02.2010

Stefan Bernhard untersucht die europäische Sozialpolitik aus soziologischer Sicht. Anhand der Entstehung der Inklusionspolitik zeigt er, wie sich die EU schrittweise die Kompetenz zur Definition von Kategorien, Begriffen und statistischen Instrumenten angeeignet hat. In direktem Wettbewerb mit den Mitgliedsstaaten arbeitet sie an der Konstruktion eines einheitlichen europäischen Sozialraums, der an die Seite des europäischen Wirtschaftsraums treten kann.

Ausgezeichnet mit dem Dissertationspreis 2010 der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Autorentext
Stefan Bernhard, Dr. rer. pol., arbeitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg.

Leseprobe
1. Einleitung "A sizable part of the Union's population remains socially excluded, since 16% of Europe's population is at risk of financial poverty, one in five lives in sub-standard housing, 10% live in households where nobody works, long-term unemployment approaches 4% and the proportion of early school leavers is over 15%." (CEC 2007a: 2) Das Zitat beschreibt soziale Problemlagen im gegenwärtigen Europa. Wir erfahren etwas über das Phänomen der sozialen Ausgrenzung, dass es existiert und dass es die Bevölkerung in Form von finanzieller Armut, Wohnungsproblemen, Arbeitslosigkeit und Bildung in unterschiedlichem Ausmaß betrifft. Damit scheint die Textpassage keineswegs außergewöhnlich. Dennoch sind zumindest drei Punkte bemerkenswert. Der erste Punkt ist, dass so unterschiedliche Probleme wie Armut, Wohnsituation, Arbeitslosigkeit und Bildung unter dem Obergriff der sozialen Ausgrenzung zusammengefasst werden; der zweite ist, dass sich die statistischen Kennzahlen auf die gesamte Bevölkerung Europas beziehen und nicht etwa auf einzelne Mitgliedstaaten; und schließlich ist erwähnenswert, dass es die Europäische Kommission selbst ist, die hier in einem offiziellen Dokument spricht und nicht etwa ein Wissenschaftler, der seine Forschungsergebnisse vorstellt. Die zitierte Beobachtung steht im Kontext einer langen und wechselhaften Entwicklung, die sie ermöglicht und die ihr Sinn verleiht. In den vorangegangenen vier Jahrzehnten hat sich ein europäisches Politikfeld entwickelt, in dem soziale Probleme routinemäßig als Teile eines zentralen Ausgrenzungsphänomens thematisiert werden und in dem die Beschreibungen zunehmend mit Statistiken fundiert werden, die die Europäische Union als ein soziales Ganzes fassbar machen. So kann man das Zitat tatsächlich als etwas ansehen, das unter spezifischen sozialen Möglichhkeitsbedingungen eine ganz gewöhnliche Äußerung geworden ist. Die Intention der Untersuchung Diese Arbeit ist aus der Überzeugung entstanden, dass solche Fragen bisher nicht genügend wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben und dies, obwohl sie für die Wahrnehmung und Entwicklung der europäischen Gesellschaft, in die wir hineinwachsen, nicht unerheblich sind. Es scheint fast so, als fielen sie zwischen den Interessenprofilen der beiden Disziplinen, die sich ihnen widmen könnten, wie durch ein grobmaschiges Sieb hindurch. Die Politikwissenschaft auf der einen Seite stellt diese Fragen nicht, weil sie ihr sekundär erscheinen. Die Soziologie auf der anderen Seite beschäftigt sich primär mit den Veränderungen der nationalen Gesellschaften in Europa sowie mit horizontalen Transnationalisierungsprozessen, die diese verändern. Die Institutionenbildung und -dynamik der EU wird oft mit falscher Bescheidenheit der Politikwissenschaft überlassen. In dieser Arbeit wird der Instrumentenkasten der Soziologie auf einen Gegenstand angewendet wird, der bisher überwiegend politikwissenschaftlich betrachtet worden ist. Die politische Soziologie, die dabei entsteht, hat zur Aufgabe, die Integration Europas mit anderen theoretischen Begriffen und - wo nötig - auch mit anderen empirischen Methoden zu durchleuchten. Sie zeigt, was der bisherigen Forschung entgangen ist und warum dieser Verlust nicht hingenommen werden kann. Was sind die sozialen Bedingungen der Möglichkeit des obigen Zitats? Diese Arbeit untersucht die Möglichkeitsbedingungen solcher und vergleichbarer Aussagen als Produkte eines emergierenden europäischen Politikfeldes. Anders formuliert geht es darum, die Entstehung und Veränderung des Komplexes aus Institutionen, Akteuren und Logiken der symbolischen Positionierungen zu rekonstruieren, die die Behandlung sozialer Probleme im Themenbereich von Armut, sozialer Ausgrenzung und Inklusion in der Europäischen Union möglich gemacht haben. Dabei soll im Einzelnen gezeigt werden,ik aus den ersten sozialpolitischen Impulsen des europäischen Integrationsprozesses herausgebildet hat. Dieser Entwicklungsprozess ist ein äußerst voraussetzungsvoller Vorgang, bei dem es nicht nur darum geht nachzuvollziehen, welche Beobachtungen auf europäischer Ebene gemacht werden, sondern auch darum, wer sie anstellt und nach welcher Logik die Beobachtungsleistungen produziert werden. Das Phänomen besteht aus zwei parallelen Konstruktionsprozessen, die sich gegenseitig bedingen: In dem Maße, wie neue Problemwahrnehmungskategorien konstruiert werden, entsteht aus den relationalen Positionierungen der Akteure, die dabei mitwirken, ein sozialer Raum beziehungsweise ein soziales Feld. In dem Maße, wie sich ein Raum von Produzenten herausbildet, kann sich eine produktive Konfliktlogik einstellen, mit der sich die Bewegungen der Akteure im sozialen Raum sowie ihre Produktionsleistungen verstehen lassen. Mit dem Feldbegriff schließt diese Untersuchung an die Arbeiten von Pierre Bourdieu an. Ein maßgeblicher Gedanke in dessen Werk ist die Überzeugung, dass der Soziologe dem Wesen des Sozialen nur durch gezieltes Fragen auf den Grund gehen kann. Bourdieu geht in der Tradition der französischen Epistemologie davon aus, dass soziologische Erkenntnis nur durch den Bruch mit der Alltagserkenntnis gewonnen werden kann (Bourdieu, Chamboredon und Passeron 1991). Der soziologische Blick muss sich soweit vom naiven Blick unterscheiden, dass er diesen zu seinem Forschungsgegenstand machen kann. Das Instrument dieser Distanzierung ist die wissentliche Konstruktion eines Forschungsobjekts, mit dem Wahrnehmungsobjekte erzeugt und sinnvoll kontextualisiert werden können. Für die hier betriebene Feldanalyse ist es daher unerlässlich, sich einen Begriff davon zu machen, was ein Feld ist und wie es funktioniert. Forschungspragmatisch gesehen stellt die Objektkonstruktion des Feldes sowohl die Heuristik vor, die den Forscher in der Forschungspraxis mit Forschungsinteressen und Anschlussfragen versorgt, als auch die Theorie der Funktionsweise des Sozialen, die er dabei voraussetzt. Wenn im Folgenden von der Emergenz eines politischen Feldes die Rede ist, heißt das, dass nicht erst mit der Feststellung begonnen wird, die Politik konstruiere ihre Gegenstände. Es heißt, dass wir uns auch mit der Konstruktion der Konstrukteure beschäftigen, und es heißt, dass wir den Blick von der Gegenwart der sozialen Praxis auf ihren Ursprung richten. Die Feldtheorie ist eine Heuristik, die das Soziale historisiert. Sie stellt der Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit, mit der sich die Alltagserfahrung aufdrängt, die systematische Dekomposition der Verhältnisse als geworden und gemacht gegenüber. Die Überlegungen zur Feldtheorie sowie die methodologischen Überlegungen zur Feldanalyse werden im dritten und im vierten Kapitel der Arbeit vorgestellt. Zu welcher Art von Forschung gelangt man, wenn man die europäische Institutionenbildung im Bereich Inklusionspolitik als politisches Feld untersucht, das sowohl die Produktion von Kategorien als auch die Konstruktion des sozialen Raums der Kategorienproduzenten umfasst? Die Antwort verweist darauf, dass das Inklusionsfeld einer der Orte ist, an dem die chronisch vorauseilende rechtliche und wirtschaftliche Integration Europas mit einer "symbolischen Ordnung" eingefangen wird (Münch 2006). Es verhandelt nicht zuletzt die Frage, wie die Gesellschaft, die a…


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