Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.06.2010
Im Jahr 1904 begann das Deutsche Reich einen Krieg gegen die afrikanische Bevölkerung seiner Kolonie »Deutsch-Südwestafrika«, des heutigen Namibia. Bis heute erinnern sich Deutsche und Herero in Namibia an dieses zentrale Ereignis namibischer Geschichte. Larissa Förster untersucht die mündlichen Überlieferungen von deutsch- und hererosprachigen Namibiern und analysiert die Gedenkfeiern, die beide Gruppen seit den 1920er Jahren regelmäßig begehen. Sie stellt Entstehung und Wandel der beiden Erinnerungskulturen dar und entdeckt dabei zahlreiche Verflechtungen - sowohl im kolonialen wie auch im postkolonialen Kontext.
Die Kolonisierung Namibias durch das Deutsche Reich mündete 1904 in einen Kolonialkrieg: Herero erhoben sich gegen die deutsche Kolonialmacht; diese führte in der Folge einen erbitterten Krieg gegen große Teile der afrikanischen Bevölkerung des Landes. Bis heute erinnern deutsch- und hererosprachige Namibier an dieses zentrale Ereignis namibischer Geschichte. Larissa Förster untersucht die mündlichen Überlieferungen von Deutschen und Herero in Namibia und analysiert die Gedenkfeiern, die beide Gruppen seit den 1920er Jahren regelmäßig begehen. Sie stellt Entstehung und Wandel ihrer Erinnerungskulturen dar und entdeckt dabei zahlreiche Verflechtungen - im kolonialen wie im postkolonialen Kontext.
"(Eine) glänzende Studie, die auch durch ein hohes Maß an Selbstreflexion beeindruckt und durch eine klare Struktur und Sprache Lesevergnügen bereitet.", Neue Politische Literatur, 01.10.2012 "Försters Buch ist ein gelungenes, selbstreflektiertes und informatives Werk, das (...) einen innovativen Blickwinkel bietet.", Paideuma, 21.06.2012
Autorentext
Larissa Förster, Dr. phil., ist Ethnologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Internationalen Forschungskolleg Morphomata an der Universität Köln.
Leseprobe
I Einführung 1 Thema und Fragestellungen Im Januar 1904 brach in Deutsch-Südwestafrika, einer der vier afrikanischen Kolonien des Deutschen Reiches, ein Krieg aus. Mehrere Bevölkerungsgruppen des südwestlichen Afrika erhoben sich gegen die deutsche Kolonialverwaltung und leisteten Widerstand gegen die fortschreitende Kolonisierung. Betroffen waren das heutige Zentral- und Südnamibia und damit vor allem herero- und nama- bzw. damarasprachige Gruppen. Der Krieg dauerte annähernd vier Jahre. Unter Einsatz brutaler Methoden der Kriegführung und nicht zuletzt durch ihre technische Überlegenheit konnte die deutsche Kolonialmacht den Widerstand der einheimischen Bevölkerung brechen. Der Ausgang des Krieges schuf Machtverhältnisse zwischen Europäern und Afrikanern, die während der nächsten acht Jahrzehnte, das heißt bis zur Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990, fortbestehen sollten. Die langfristige und umfassende Entrechtung und Enteignung der schwarzen Bevölkerung sowie die räumliche Segregierung weißer und schwarzer Landesbewohner wurden zu Kennzeichen des (deutsch-)südwestafrikanischen Alltags. Erst 1990 wurde Namibia nach einem über dreißigjährigen Befreiungskampf mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft unabhängig. Die in der Kolonialzeit etablierten Strukturen wirken jedoch bis heute nach, etwa in der ungleichen Verteilung von Landbesitz zwischen weißen und schwarzen Namibiern, und in der Verarmung breiter Schichten der afrikanischen Bevölkerung. Sieger und Besiegte leben heute Seite an Seite als Bürger der Republik Namibia. Die Nachkommen deutscher Siedler, Soldaten und Kolonialbeamten, die vor dem Krieg, während des Krieges, aber auch nach dem Krieg ins Land kamen, bilden zusammen mit später eingewanderten Deutschen eine kleine, aber wirtschaftlich einflussreiche deutschsprachige Minderheit in Namibia (1,1 Prozent, das heißt circa 20.000). Die Nachkommen von Herero und Nama bzw. Damara stellen zwei von fünf größeren afrikanischen Sprachgruppen in Namibia dar und bilden innerhalb der Gesamtbevölkerung von circa 1,83 Millionen Einwohnern ebenfalls eine Minderheit (Nama/Damara: 13 Prozent, das heißt circa 238.000; Herero 8 Prozent, das heißt circa 146.000). Obwohl im postkolonialen Namibia die Bedeutung ethnischer Zugehörigkeit aufgrund der Geschichte der Apartheid und im Zuge des nation-building von offizieller Seite eher heruntergespielt wird, ist sie im namibischen Alltag nach wie vor von Bedeutung. Es gibt wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Netzwerke, die in erster Linie auf ethnischer Zugehörigkeit beruhen. Weiße und schwarze Namibier, aber auch die Angehörigen der einzelnen europäischen und afrikanischen Sprachgruppen bleiben im privaten Alltag nicht selten unter sich. Der Krieg von 1904-1908 stellt einen wichtigen Aspekt namibischer Geschichte dar, der Deutsche, Herero, Nama und Damara in Namibia miteinander verbindet, aber auch voneinander trennt. Auch in alltäglichen Diskursen über historische und ethnische Identität wird er immer wieder thematisiert. Während der deutschen und südafrikanischen Kolonialzeit haben deutsch-, herero- und nama- bzw. damarasprachige Namibier sehr unterschiedliche Erinnerungskulturen in Bezug auf den Krieg von 1904-1908 entwickelt. In den diversen Erinnerungspraktiken wurden und werden sowohl die damaligen wie auch die gegenwärtigen Machtverhältnisse zwischen den drei bzw. vier Gruppen thematisiert, aber auch ihr Verhältnis zur jeweiligen staatlichen Macht wie auch zu Deutschland. Als im Jahr 2004 durch verschiedene Gedenkveranstaltungen an den hundert Jahre zurückliegenden Kriegsausbruch erinnert wurde, wurden die Unterschiede zwischen den erinnerungskulturellen Praktiken von Deutschen, Herero, Nama und Damara besonders sichtbar. Doch zeigte sich auch, dass Verweise, Verbindungen und Verflechtungen zwischen ihnen bestehen, die sich über die letzten hundert Jahre hinweg entwickelt und verändert haben. Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit zwei der drei bzw. vier betroffenen Gruppen: mit deutschsprachigen und hererosprachigen Namibiern. Sie vergleicht deren Erinnerungskulturen, das heißt diejenigen kulturellen Praktiken beider Bevölkerungsgruppen, die die Erinnerung an den Krieg zum Gegenstand haben. Neben einem synchronen Vergleich spielt die diachrone Perspektive eine besondere Rolle. Grundlage der vorliegenden Arbeit ist die dichte Beschreibung der Erinnerungsinhalte und -praktiken deutsch- und hererosprachiger Namibier.
Inhalt
Inhalt Dank Einführung Thema und Fragestellungen Theoretische und methodische Verortung Zwischen Vergleich und Verflechtungsgeschichte Erinnerungskultur und Landschaft Erinnerungsorte Erinnerungsrituale Vorbemerkungen zu Orthographie und Anonymisierungen Historische Dimensionen Zur Einführung in die Region: Die Situation vor dem Krieg Der Krieg von 1904-1908 und die Nachkriegszeit Die Aufteilung des Landes bis 1990 Entwicklungen seit der Unabhängigkeit Die Region heute: Sprachgemeinschaften und lokale Akteure Deutsche: Farmerfamilien, Farmerverein und conservancy Herero: Okakarara, kommunale Dörfer und kommunale Farmer Grenzgänger Feldforschung in der Region Feldforschungsorte Probleme des Vergleichs: Die heterogene Datenlage Chancen des Vergleichs: Grenzüberschreitung als Methode Archivarbeit Zum Aufbau der Arbeit Erinnerungsorte Deutschsprachige Namibier Gesprächspartner und Gesprächssituationen Erzählkultur Das Thema: "Der Hererokrieg" Der zentrale Topos: "Die Schlacht am Waterberg" Die lokale Version: Die Gefechte um Hamakari Ritualisierte Ortsbegehung: Gräberfahrten und Schlachtfeldtourismus Am Rande des Erinnerungshorizonts Hererosprachige Namibier Gesprächspartner und Gesprächssituationen Erzählkultur Das Thema: "Der Krieg der Herero mit den Deutschen" Der zentrale Topos: "Das Gefecht von Ohamakari" und seine Folgen Der Krieg als Familiengeschichte Ortsbegehungen mit der Ethnologin: Erzählungen über Rückzug und Flucht Ein Erinnerungsort - zwei konkurrierende Erzählungen? Deutsche Versionen: Helden versus Bestien Herero-Versionen: Helden versus Helden Schweigen statt…
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