Exklusion und Selbstbehauptung

Exklusion und Selbstbehauptung

Einband:
Paperback
EAN:
9783593391939
Genre:
Sozialstrukturforschung
Autor:
Stefan Thomas
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.05.2010

Wie kommt es dazu, dass junge Menschen auf der Straße leben, und wie empfinden sie ihr Leben im Abseits? Stefan Thomas entwickelt in seiner ethnographischen Studie eine "Theorie der Armut", in der soziale Aspekte - Exklusion - mit individuellen Aspekten - psychische Desintegration - verknüpft werden. Im Mittelpunkt stehen dabei junge Menschen, die in unserer von Individualisierung und Prekarisierung geprägten Gesellschaft kaum noch zurechtkommen.

"Eine durch und durch gelungene, lesenswerte und empfehlenswerte Studie.", Zeitschrift für Qualitative Forschung, 01.03.2012

Autorentext
Stefan Thomas, Dr. phil., Diplom- Psychologe, ist Dozent an der Freien Universität Berlin.

Klappentext
Wie kommt es dazu, dass junge Menschen auf der Straße leben, und wie empfinden sie ihr Leben im Abseits? Stefan Thomas entwickelt in seiner ethnographischen Studie eine »Theorie der Armut«, in der soziale Aspekte - Exklusion - mit individuellen Aspekten - psychische Desintegration - verknüpft werden. Im Mittelpunkt stehen dabei junge Menschen, die in unserer von Individualisierung und Prekarisierung geprägten Gesellschaft kaum noch zurechtkommen.

Leseprobe
4. Junge Menschen mit Lebensmittelpunkt Straße Die soziale Entgrenzung von Armut macht diese gegenwärtig zu einem Problem, welches die Gesellschaft wieder im Gesamten betrifft, wobei besonders junge Menschen unter dieser Misere leiden (vgl. Butterwege 2000; Chassé, Zander & Rasch 2003; Zander 2005). Armut und Exklusion sollen in den Formen, in denen sie Macht über das Leben von Menschen gewinnen, anhand einer bestimmten Gruppe untersucht werden - junge Erwachsene am "Bahnhof Zoo" in Berlin. Angesichts der Vehemenz, mit der sie von allen zentralen Sphären individueller Lebensführung exkludiert sind, lässt sich ihr Schicksal in gewisser Hinsicht als ein Negativbild gelungener Individualintegration begreifen. Der Ausgangspunkt der gebrochenen Lebenswege liegt in fast allen Fällen innerhalb der Familie, wo die jungen Menschen wegen bedrückender Probleme, endloser Konflikte, emotionaler Verwahrlosung, extremer Gewalterfahrung von zu Hause abgehauen oder von dort verstoßen worden sind. Weil sie sich sonst nirgendwo hinzuwenden wissen, finden sie sich an den jugendkulturellen Szenetreffpunkten wieder, nutzen die Kriseneinrichtungen und Wohnprojekte, kommen vorübergehend in Heimen oder Psychiatrien unter, werden in Obdachlosenpensionen einquartiert oder wohnen in leer stehenden Häusern (Permien & Zink 1998: 102 ff.). Vom "Bahnhof Zoo" haben alle schon gehört, auch wenn sie nicht aus Berlin kommen, sodass sich viele, nachdem sie alles verloren haben, in der Hoffnung, irgendwo Anschluss zu finden, hierher aufgemacht haben (Permien & Zink 1996). Selbst wenn das Leben auf der Straße als letzte Option erscheint, weil die Anzahl der Alternativen nur gering ist, so handelt es sich dennoch um eine eigenständige Entscheidung. Denn der Bahnhof ist nicht allein vorläufige Endstation eines verfahrenen Lebensweges, sondern zugleich Erlebniswelt, Möglichkeit zum Gelderwerb und sozialer Treffpunkt (Degen 1995: 105; Simon 2000). Die Berührungsängste sind eher gering, da die meisten die den Alltag maßgeblich bestimmende Lebenssituation der Armut bis hin zur Wohnungslosigkeit miteinander teilen, sodass man sich mit Rat und Tat gegenseitig weiterhilft (Hansbauer 1998: 46 f.). Und dennoch wäre es nicht richtig, hier allein von einer eigenen, selbst gewählten Lebensform zu sprechen. Zu sehr sind die jungen Menschen damit überfordert, eigenständig ihr Leben zu führen, für zentrale Rahmenbedingungen ihrer Daseinssicherung (Wohnung, Arbeit, Sozialleistungen) zu sorgen und eine realistische Zukunftsperspektive zu entwickeln, die aus Armut und Randständigkeit wieder herausführt. Zudem bewirkt auch die Individualisierung eine Überforderung der jungen Menschen. Angesichts der Entstrukturierung der Lebensphase Jugend werden Sozialisations- und Biographieverläufe unübersichtlicher. Für die Individualintegration eigenständig zu sorgen, gestaltet sich schon mit Blick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit als schwierig (Ferchhoff 1999). Über das Sozialmilieu der Familie vermitteln sich keine eindeutigen Berufsorientierungen mehr. Vielmehr noch sind die Aufwärtsaspirationen von Jugendlichen aus sozial schwachen und bildungsfernen Schichten strikt beschränkt, was nicht selten in Demotivation mündet. Insbesondere aber droht aufgrund der Beschleunigung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse die Familie immer häufiger zu versagen, weil die Eltern in ihrer Verantwortung für die Kinder mit der Vermittlung von Wissen, Orientierung und Werten überfordert sind (Institut für Soziale Arbeit 1996: 24). Im Fall der jungen Menschen haben sich Problemdruck und Überforderungen schließlich so weit kumuliert, dass es ihnen mit Erreichen der Postadoleszenz nicht gelingt, sich um eine ausreichende Individualintegration zu kümmern, um die Gefahr von sozialer Ausgrenzung und Armut zu bannen. Obdachlosigkeit ist dann nur das äußerste Extrem eines sozialen Ausschließungsprozesses von immer mehr Lebensbereichen. Die Flucht auf die Straße ist daher als der Versuch zu werten, aus dem problembehafteten Lebenskontext auszubrechen und den massiven Schwierigkeiten und Nöten mit einem Schlag zu entgehen (Degen 1995: 6). Während die jungen Menschen schon mit Blick auf die Familie in einem belastenden Sozialisationskontext aufwachsen mussten, sind sie auf der Straße nur umso mehr mit den gesellschaftlichen Marginalisierungs- und Ausgrenzungstendenzen konfrontiert, wie sich diese in der materiellen Armut, Gewalterfahrung, Prostitution, Erfahrung mit Polizei und Justiz sowie im Drogenkonsum manifestieren (zum Beispiel Arnold & Stüwe 1992; Berger 1992; Jans 1990). Trotzdem muss der Lebenskontext Straße auch als ein Ort der Stabilisierung verstanden werden, weil der freie Fall heraus aus allen verbindlichen Lebensbezügen hier zunächst zum Stoppen kommt, indem die Straßenclique neue Formen sowohl der sozialen Integration als auch der Selbstbehauptung bietet. Für viele hat der "Bahnhof Zoo" über Jahre die Funktion eines Ersatzzuhauses gewonnen, wo sie gelernt haben abseits von den gesellschaftlichen Funktionsräumen ihren Lebensunterhalt zu sichern, ohne aber hier eine Perspektive gefunden zu haben, aus der Armut und Exklusion wieder herauszutreten (Britten 1995; Jogschies 1995). Mehr noch ist es aber gerade nicht die Obdachlosigkeit, die als zentrales Grundproblem der Straßenkinder-Problematik hervorsticht, weil die meisten der jungen Menschen eine Unterkunft haben. Ebenso müssen die moralischen Implikationen, die aus dem Themenkonnex von Betteln, Kriminalität, Prostitution und Drogenkonsum erwachsen, kritisch betrachtet werden. Entgegen der medialen Rezeptionshaltung handelt es sich gerade nicht um unschuldige Kinder, die der Unmoralität der Schattenwelten unserer Gesellschaft zum Opfer fallen. Aus der Sicht der Jugendlichen erscheint ihr eigenes Handeln kaum als abweichend, sondern als Teil ihrer tagtäglich erlebten Normalität und darin als wohl begründete Strategie zur Lebensbewältigung. Vielmehr sollte man von subjektiv funktionalen Bewältigungsstrategien und Handlungskompetenzen sprechen, mit denen sie dem sozialen Ausschluss aktiv begegnen und die Probleme ihrer Situation mit eigenen Mitteln zu lösen versuchen. So nutzen sie die Straße als Raum und Möglichkeit zur Führung eines eigenständigen Lebens, knüpfen Freundschaften und soziale Netzwerke, die ihnen zur gegenseitigen materiellen, sozialen und emotionalen Unterstützung dienen (Langhanky 1993). In der wissenschaftlichen Literatur hat sich zur Beschreibung dieser jugendkulturellen Lebensform mittlerweile der Sprachgebrauch "Junge Menschen mit Lebensmittelpunkt Straße" durchgesetzt (Alleweldt & Leuschner 2004; Lutz & Stickelmann 1999; DJI 1995: 138). Besonders an der Gruppe der jungen Erwachsenen (18-25 Jahre), die in…


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