Bauhausstadt Dessau

Bauhausstadt Dessau

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593393148
Genre:
Stadt- & Regionalsoziologie
Autor:
Regina Bittner
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.10.2010

In Dessau steht das international renommierte Bauhaus. Aber ist die Stadt deshalb eine Bauhausstadt? Vielfach zerstört und wieder aufgebaut kämpft Dessau heute mit den Folgen des Zusammenbruchs der Industrie und dem damit verbundenen Bevölkerungsverlust. Zwischen der schrumpfenden Stadt und dem UNESCO-Welterbe der Moderne existiert eine Kluft. Zugleich kann eine Profilierung der Stadt nach innen wie nach außen nur mit dem Bauhaus gelingen. Die Autorin beleuchtet die innerstädtische Auseinandersetzung um eine legitime Sicht auf Dessau als Bauhausstadt. Damit liefert sie Einsichten in das komplexe Zusammenspiel zwischen Image und Imaginärem einer ostdeutschen Stadt, die um ein neues Selbstverständnis ringt.

Autorentext
Regina Bittner ist Leiterin des internationalen Bauhaus Kollegs der Stiftung Bauhaus Dessau.

Leseprobe
2. Schwierige Ortsbezüge: Sich Einrichten in Ostdeutschland Die Neuverortung Dessaus nach 1990 fand vor dem Hintergrund des doppelten Strukturbruchs statt, den Dessau als ehemaliges Zentrum der DDR-Chemie und des Maschinenbaus erlebt hat. Erstens: Wie viele ostdeutsche Industriestandorte sah die Stadt sich plötzlich mit den Konditionen globaler wirtschaftlicher Arbeitsteilung konfrontiert diesen Sprung ins kalte Wasser haben nur wenige Betriebe überlebt. Deindustrialisierung und hohe Arbeitslosigkeit sind insbesondere in monostrukturell aufgestellten Regionen, zu denen Dessau gehört, die Folge. Zweitens: Mit dem Fall der Mauer 1989 wurde ein gesellschaftlicher Systemwandel eingeleitet, der bis heute auf ganz unterschiedliche Weise die Städte und Regionen Ostdeutschlands prägt. Während die politische, institutionelle und wirtschaftliche Zusammenführung relativ schnell vonstatten ging, scheint die Frage nach der kulturellen Integration auch 20 Jahre danach immer noch aktuell. Die Persistenzen in den Normen und Deutungsmustern haben mittlerweile zu der Einsicht geführt, dass mit »Ostdeutschland« nicht nur die gemeinsam geteilte Vergangenheit vor 1989 angesprochen ist, sondern auch »Eigensinnigkeiten« reklamiert werden, die die Erfahrungen der Transformation als Ressource und Potenzial interpretieren. In diesem Kapitel wird es darum gehen, Dessaus Ringen um ein neues städtisches Selbstverständnis in den Kontext ostdeutscher Transformation einzubetten. Dabei steht im Zentrum der Ausführungen die Frage nach den spezifischen Modi der Verortung in Ostdeutschland, anders gesprochen: In welchem Verhältnis stehen nationale, regionale und lokale Bezüge zueinander, stellt man die Irritationen auf der räumlichen und zeitliche Ebene in Rechnung, die mit dem gesellschaftlichen Systemwandel einhergehen. Das Gesicht Dessaus, das berichten Reiseführer heute nicht ohne Stolz, hat sich noch nie so schnell verändert wie in den letzten 15 Jahren. Von Straßennamen, über Nachbarschaften, Wohnviertel bis hin zu Betrieben und ganzen Landschaften, die Orientierung in der Stadt verlangt ein ständig neues Navigieren im Stadtraum. Die alten Karten und mental maps leisten keine Orientierungshilfe. Aber auch auf der zeitlichen Ebene herrscht Konfusion: Ostdeutsche Lebenslaufmuster von der »Wiege bis zur Bahre« wurden abgelöst durch junge flexible Kleinunternehmer, die auch nach der zehnten Pleite immer noch den Mut zum Neuanfang haben, während der zahlenmäßig größte Teil der pensionierten Einwohner der Stadt in Vereinen »alte« Zeiten neu entdeckt. Die städtischen Jugendlichen hoffen an den wenigen Orten globaler Konsumkultur dieser »bleiernen Zeit« zu entkommen. Überlegungen zum Begriff der Transformation stehen am Anfang der Ausführungen. Für diese Arbeit wird, in Anlehnung an die im ersten Kapitel geführte Diskussion zum Habitus der Stadt, der Begriff der »Pfadabhängigkeit« aufgegriffen. Seit Ende der neunziger Jahre setzte sich auch in der soziologischen Transformationsforschung die Einsicht durch, dass lokale und regionale Eigenheiten für den jeweiligen Wandlungsprozess dieser Räume entscheidend sind. Wie also Städte und Regionen auf die Herausforderungen des Strukturwandels reagieren, hat viel mit ihrer jeweiligen Geschichte, Kultur und Tradition zu tun. Im Gegensatz zu der stark an einer festgelegten Zielgröße ausgerichteten Transformationsperspektive im Sinne eines klar definierten Weges vom Sozialismus zum Kapitalismus westlicher Prägung wird hier der Begriff des »Umbruchs« (Michael Thomas) favorisiert, der die jeweils besonderen Gestaltungs- und Innovationsprozesse von Städten und Regionen in den Blick nehmen kann. Mit dem »Sonderfall Ostdeutschland« werden die spezifischen Transformationspfade der ostdeutschen Gesellschaft nach 1990 diskutiert. Damit sind besondere Konstellationen entstanden, die für die Art und Weise, wie sich Ostdeutsche zur wiedervereinten Nation, zur Region oder zu ihrer Stadt ins Verhältnis setzten, ausschlaggebend waren. Die Erfindung »Ostdeutschlands « als kollektives Identifikationsangebot wird hier als Resultat des Versagens nationalstaatlicher Integration im Sinne des Einlösens des Versprechens gleicher Lebensverhältnisse in Ost und West interpretiert. »Ostdeutschland« wird hier als kulturelles Konstrukt diskutiert, dass, obwohl es politisch-administrativ vollkommen bedeutungslos ist, ein Identifikationsangebot mit vielfältigen Konnotationen darstellt: Die behauptete Andersartigkeit bezieht sich weniger auf die DDR-Vergangenheit als vielmehr auf die Erfahrungen der Transformation. In welchem Verhältnis ostdeutsche Bezüge zu regionalen und lokalen Bezügen stehen, wird abschließend erörtert. Aus den komplexen Verflechtungen globaler, nationaler und lokaler Prozessdynamiken im Ergebnis der Transformation entstehen in Ostdeutschland, das wird am Beispiel ausgewählter Studien diskutiert, hybride Ortsbezüge, in denen das lokale auf unterschiedliche Weise recodiert wird. Zwischen Transformation und Umbruch Angesichts der offensichtlichen Unterschiede in den Entwicklungen der Länder Mittel- oder Osteuropas wird seit Ende der neunziger Jahre verstärkt die Bedeutung nationaler oder regionaler Unterschiede im Transformationsprozess diskutiert. Der Begriff der »Pfadabhängigkeit« spiegelt diese Aufmerksamkeit für jeweilige lokale und nationale kulturelle Voraussetzungen und Besonderheiten. Die ersten Jahre des Transformationsdiskurses waren jedoch wesentlich von einer, wie es Klaus Müller nennt, »Mythologie eines universalen Übergangs aller Transitionsländer zur Marktwirtschaft und Demokratie« geprägt (Müller 2004, 66). Hauptprinzipien des Paradigmas der Transition waren möglichst rasche Privatisierung, Liberalisierung und Demokratisierung. Dahinter verbarg sich die Vorstellung, dass sich die ost- oder mittelosteuropäischen Transformationsländer auf einer Art Nachholweg befinden würden. Zwar seien die Ausgangsbedingungen sehr unterschiedlich, aber die Richtung des Veränderungsprozesses sowie die Beschaffenheit des Ziels der Transformation seien weitgehend bekannt, da es sich ja um Spielarten gesellschaftlicher Modernisierung handelte. Das Theorem der »nachholenden Modernisierung« (Wolfgang Zapf ) ist in diesem Kontext lange Zeit richtungsweisend gewesen. »Transformation und Transition«, so Wolfgang Zapf, »sind Modernisierungsprozesse, die sich von offenen Modernisierungsprozessen dadurch unterscheiden, dass ihr Ziel bekannt ist: die Übernahme, Errichtung und Inkorporation von modernen demokratischen und marktwirtschaftlichen Strukturen.« (Zapf 1994, 138) Dieses Theorem der nachholenden Modernisierung stand vor allem deshalb auf dem Prüfstand, da es zum einen weitestgehend die Modernisierungsaspekte der ehemals sozialistischen Länder ignorierte. In diesem Zusammenhang wurde auch die normative Ausrichtung des Konzepts einer Kritik unterzogen. Ein zweites Dilemma der Transitionsrhetorik bestand darin, bis Mitte der neunziger Jahre von einer Zielgröße der Transition auszugehen, die am Idealbild des Kapitalismus westlicher Provenienz ausgerichtet war, die aber ignorierte, dass diese Gesellschaften sel…


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