Die Verantwortung der Eliten

Die Verantwortung der Eliten

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593393803
Genre:
Politisches System
Autor:
Eike Bohlken
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
11.04.2011

Bonuszahlungen auch in der Krise und unverhohlene Klientelpolitik machen deutlich: Die Eliten in Wirtschaft und Politik werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht mehr gerecht. Vor diesem Hintergrund entwickelt Eike Bohlken eine philosophisch-normative Theorie, die den Eliten aufgrund ihrer Macht eine besondere Verantwortung zuschreibt. Er stellt den Begriff des Gemeinwohls ins Zentrum der politischen Ethik und arbeitet auf dieser Grundlage konkrete Gemeinwohlpflichten der Eliten in Politik, Wirtschaft, Medien, Kunst und Bildungswesen heraus.

Autorentext
Eike Bohlken, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Assistent am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover und Privatdozent an der Universität Tübingen.

Leseprobe
Einleitung Das Thema der Eliten und ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl ist zwar schon seit einigen Jahren Gegenstand öffentlicher Debatten, die Philosophie hat sich dabei bislang aber eher zurückgehalten. Dies ist insofern erstaunlich, als die Frage der guten oder gerechten Herrschaft ein Kernproblem der politischen Ethik darstellt, das sich - wie auch der Begriff eines "gemeinsamen Nutzens" - schon bei Platon und Aristoteles findet und seitdem durch die Philosophiegeschichte zieht. Mangelnde Expertise kann also kaum der Grund für die philosophische Zurückhaltung sein. Allerdings ist "Elite" kein philosophischer Begriff. Seiner wissenschaftlichen Herkunft aus der Soziologie und der Politikwissenschaft gemäß wird er vorwiegend in empirisch-deskriptiven Untersuchungen verwendet, in denen man zu ermitteln sucht, welche Personen auf der Grundlage welcher Voraussetzungen und Leistungen zu einer gesellschaftlichen Führungsgruppe zu zählen sind. Hinzu kommt, dass der Begriff der Elite aufgrund seiner affirmativen Verwendung im Faschismus und Bolschewismus gerade in Deutschland bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts als nicht mehr gesellschaftsfähig galt. Seit den 1990er Jahren ist allerdings eine Renaissance des Begriffs zu beobachten, die eng mit der neoliberalen Aufwertung des Konkurrenzprinzips verknüpft ist und sich nicht zuletzt in den hochschulpolitischen Vorzeigeprojekten der Exzellenzcluster sowie in der informellen Rede von Eliteuniversitäten niedergeschlagen hat. Die philosophische Zurückhaltung gegenüber dem Elitenbegriff ist ohne Zweifel dadurch zu erklären, dass er quer zu einigen Themen steht, welche die Debatten der politischen Philosophie in den letzten Jahrzehnten bestimmt haben. "Elite" wird nahezu emblematisch - und nicht zu Unrecht - mit Ungleichheit verbunden. Wer sich "gleiche Freiheit", "partizipative Demokratie" oder einfach nur "soziale Gerechtigkeit" auf die Fahnen geschrieben hat, wird daher in der Regel wenig Positives mit dem Elitenbegriff verbinden. Entgegen allen egalitären und radikaldemokratischen Wunschvorstellungen sind Eliten jedoch nicht nur mächtig und einflussreich, sondern auch schon aus organisatorischen Gründen in modernen Großgesellschaften nicht wegzudenken. Wenn diese Diagnose zutrifft, ist es sinnvoll, im Rahmen der politischen Ethik eine Theorie zu entwickeln, die danach fragt, wie das besondere Gestaltungspotenzial politischer, wirtschaftlicher und geistig-kultureller Eliten gesellschaftlich nutzbar gemacht oder eingehegt werden kann. Eine solche Theorie versucht diese Arbeit zu liefern. Sie fragt nach dem guten Gemeinwesen und meint damit einen gesamtgesellschaftlichen Zustand, der durch ein wohlgeordnetes komplexes In- und Gegeneinanderwirken gut gestalteter Institutionen und sich am Gemeinwohl orientierender personaler Akteure gekennzeichnet ist. An dieser Stelle ist es wichtig, einem Missverständnis entgegenzutreten, zu dem der Titel verleiten könnte. Wenn dort nur die Eliten genannt sind, so ist dies der thematischen Eingrenzung geschuldet, die ein Buch zu einer komplexen Materie verlangt. Ich gehe keineswegs davon aus, dass es allein die Eliten sind, in deren Händen das Gemeinwohl liegt. Allerdings können sie einen unverzichtbaren Beitrag zur Realisierung desselben leisten, der es rechtfertigt, sie ins Zentrum einer eigenen Untersuchung zu stellen. Um deutlich zu machen, dass es sich hier tatsächlich nur um eine Konzentration auf einen Teil des Geschehens handelt, gebe ich an vielen Stellen Hinweise auf die korrespondierenden Gemeinwohlpflichten der nicht zu einer Elite gehörenden Mitglieder des Gemeinwesens. Die im Folgenden entwickelte Elitentheorie bildet somit nur ein Teilstück einer Theorie des guten Gemeinwesens. Eine weitere, teils methodische, teils thematische Einschränkung besteht darin, dass sich die in dieser Arbeit entwickelte Theorie des guten Gemeinwesens zunächst auf den Rahmen (national-) staatlich verfasster Gemeinwesen beschränkt. Der erste Teil des Buches entwickelt eine philosophisch-normative Elitentheorie, die ihren Ausdruck in dem Begriff einer Verantwortungselite findet. Im Anschluss an eine begriffsgeschichtliche Klärung des Elitebegriffs und eine kritische Diskussion der Theoreme der älteren Elitetheorie (Mosca, Michels, Pareto) werden die paradigmatischen Konzeptionen der jüngeren Elitentheorien nach dem Zweiten Weltkrieg (Machtelite, Wertelite, Leistungs- und Funktionselite) systematisch verglichen und auf ihre Anschlussfähigkeit für eine philosophisch-normative Elitentheorie überprüft. Die Diskussion führt auf theoretische wie praktische Defizite (Stichwort: Elitenversagen) der seit den 1960er Jahren die sozialwissenschaftliche Forschung dominierenden Konzeption der Funktionselite. Als Gegenkonzeption wird der Begriff einer Verantwortungselite entwickelt, der zwar an der funktionalen Differenzierung bereichsspezifischer Eliten und damit an einem Elitenpluralismus festhält, den Eliten der verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche aber aufgrund ihrer Macht und ihres Einflusses hinsichtlich der sozialen Gestaltung und einer gesamtgesellschaftlichen Vorbildwirkung eine besondere Verantwortung zuschreibt. Die postulierte Verantwortung der Eliten wird aber erst dann greifbar, wenn man einen Wertmaßstab benennen kann, der als Verpflichtungsgrund fungiert und Aussagen über den Grad ermöglicht, in dem sie wahrgenommen oder missachtet wird. Als Wertmaßstab der Verantwortung der Eliten wird in dieser Arbeit der Begriff des Gemeinwohls eingesetzt. Der zweite Teil lotet die Tragfähigkeit des Gemeinwohls als Grundbegriff der politischen Ethik aus. Eine historische Rekonstruktion des Gemeinwohlgedankens von der griechischen Antike bis in die Gegenwart liefert die Basis für eine systematische Klassifizierung und kritische Gegenüberstellung vier dichotomischer Auffassungen (apriori/aposteriori; substanziell/prozedural; material/formal; moralisch/funktional) und zweier Verwendungsweisen (positiv-präskriptiv/negativ-kritisch) des Gemeinwohls. Diese Vorarbeit ermöglicht eine fundierte Diskussion einer Reihe von Einwänden gegen den Gemeinwohlbegriff. Das Gemeinwohl sei ein vages und hoffnungslos unterbestimmtes Konstrukt und lade zu einer ideologischen Verbrämung ungerechter Verhältnisse ein. Des Weiteren bleibe es zwangsläufig im Bereich des Partikularen und liefere die Rechtfertigung für paternalistische Denk- und Regierungsformen. Wie sich zeigen lässt, treffen diese Einwände einige, aber nicht alle der systematischen Auffassungen. Übrig bleibt ein zweistufiger Gemeinwohlbegriff, der als basales Gemeinwohl die Produktion, Bereithaltung und langfristige Sicherung derjenigen (Gemeinwohl-)Güter betrifft, die sich in einer transzendentalphilosophischen Reflexion als die Bedingungen der Möglichkeit der Existenz des Menschen als Natur-Kultur-Wesen ergeben. Die ergänzende Stufe des melioren Gemeinwohls umfasst darüber hinaus diejenigen Güter, auf deren Produktion, Bereithaltung und langfristige Sicherung sich die Mitglieder eines Gemeinwesens in demokratischer Abstimmung verständigen. Der basale Gemeinwohlbegriff formuliert ein strikt inklusives Anspruchsverhältnis für jedes einzelne Mitglied des Gemeinwesens und schließt damit e…


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