Genre:
Philosophie-Lexika
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.04.2011
Eintöniger Alltag und mangelnde ästhetische Erfahrung führen dazu, dass Menschen ihre Welt als eng und ungenügend empfinden. Sie
leiden an der Gesellschaft und haben das Gefühl, nicht authentisch leben zu können. Mit diesem Befund als Ausgangspunkt untersucht Eva-
Maria Parthe solche "sozialen Pathologien" westlich-moderner Gesellschaften. Ausgehend von Axel Honneths Sozialdiagnose kritisiert
sie die gesellschaftlichen Praktiken, die ein solches Leiden erzeugen, und stellt heraus, dass der Zugang zu förderlichen Erfahrungsräumen
immer auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit ist.
Autorentext
Eva-Maria Parthe, Dr. phil., promovierte an der Universität Münster und arbeitet gegenwärtig als Gymnasiallehrerin in Bochum.
Leseprobe
1. Einleitung: Authentizität und Öffentlichkeit als Diagnose- und Kritikkonzepte "Allmählich zieht sich alles zusammen. Mit der Arbeitsstelle habe ich den Kontakt zu den Kollegen verloren. Meine alten Kollegen schimpfen gemeinsam über den Chef. Sie haben schlaflose Nächte wegen des neuen Projektantrags, wegen der Erweiterung ihres Verantwortungsbereichs. Ich schlafe nicht mehr, seitdem Tag und Nacht in der immer gleichen, trägen Öde ineinander verschwimmen, und manchmal schlafe ich nicht wegen der mich plötzlich überwältigenden Angst vor dem totalen Absturz. Über was soll ich mit denen noch reden? Nach dem Umzug in die kleinere, günstigere Wohnung fielen auch die netten Plaudereien im Hausflur weg. Nicht dass ich diesen Zufallsbegegnungen früher so viel Wert beigemessen hätte, jetzt aber fehlen sie mir. Zum Sport mag ich nicht mehr gehen. In der Umkleide wird dann über die letzten Urlaubserlebnisse erzählt, und über die Verhandlungen mit dem Autohändler. Das ist für mich alles ganz weit weg. Mein Auto hat den letzten TÜV nicht geschafft. Das war 's dann. Allmählich zieht sich alles zusammen. Die ersten Monate habe ich die freie Zeit noch genossen. Endlich mal wieder in Ruhe ein gutes Buch lesen! Jetzt ist mir die Zeit zu frei. Und überhaupt: Was hat man von freier Zeit, wenn alle anderen nie Zeit für einen haben? Und wenn sich die anderen am Wochenende beim schicken Italiener zum Essen treffen, schaue ich in die Glotze. Allmählich zieht sich alles zusammen. Meine Welt ist klein geworden, irgendwie eng." Langzeitarbeitslosigkeit birgt nicht bloß das Risiko der ökonomischen Armut. Der Verlust der Arbeitsstelle kann den Eintritt in eine Abwärtsspirale bedeuten, die den Betroffenen zunehmend in Isolation und Einsamkeit führt, eine Spirale, die, von der Frustration bis hin zur Resignation, von Ängsten bis zur Selbstaufgabe, zahlreiche psychische Risiken birgt. Die Stabilität eines aktiven, in vielerlei Sozialbezüge integrierten Lebens schwindet dahin. Öffentlicher Druck durch Stigmatisierung und Demütigung befördert den eigenen Rückzug. Was sich hier zusammenzieht, was "klein" und "eng" wird, ist der Erfahrungshorizont eines Menschen: Gleichsam klein und eng wird die erfahrbare Welt, wenn ein Mensch an immer weniger gesellschaftlichen Kontexten partizipieren kann. Klein, eng und in sich zusammengezogen kann der Erfahrungshorizont eines Men-schen werden, wenn die Fähigkeit, Erfahrungen machen zu können und offen für Erfahrungen zu sein, Schaden nimmt. Psychische Belastungen durch Isolation und Stigmatisierung sowie fortschreitende Resignation können die Erfahrungsfähigkeit des Subjekts beschädigen. Dieser hier angedeutete Phänomenkomplex kann philosophisch mit dem Begriff der sozialen Pathologie thematisiert werden. Wenn von solchen Pathologien die Rede ist, ist ein im weiten Sinne psychisches oder "seelisches" Leiden des Individuums unter - mit Axel Honneth gesprochen - gesellschaftlichen Fehlentwicklungen wie beispielsweise der Massenarbeitslosigkeit gemeint. Es geht also um ein Leiden, das seine Gründe we-sentlich in sozialen, gesellschaftlichen Prozessen findet und überindividuell erkennbar ist. Die philosophische Thematisierung solcher Leidensphänomene wird Sozial- oder auch Zeitdiagnose genannt. In der Tradition der Kritischen Theorie ist eine solche Diagnose stets eingebunden in den um-fassenderen Kontext einer kritischen Gesellschaftstheorie. So ist die unter der Metapher der "Kolonialisierung der Lebenswelt" bekannt gewordene Pathologiendiagnose bei Jürgen Habermas eingerahmt durch eine Gesell-schaftstheorie, in der die Ausdehnung der Systeme Wirtschaft und staat-lich-bürokratische Macht zu Lasten lebensweltlicher, verständigungsorientierter Handlungskontexte analysiert und problematisiert wird. Auch bei Honneth, der den Begriff der Pathologie wieder verstärkt in die gegenwär-tige Sozialphilosophie eingebracht hat, ist die Diagnose nur im Rahmen ei-ner kritischen Gesellschaftstheorie verstehbar, deren Normativität in einer moralphilosophischen Anerkennungstheorie ausgewiesen wird. Damit ist die Theorietradition benannt, in der die vorliegende Arbeit steht. Auf den folgenden Seiten möchte ich einen Beitrag zur philosophischen Sozialdiagnose und Gesellschaftskritik leisten. Diesen Beitrag verstehe ich als Ergänzung des Honnethschen Diagnoseansatzes, wobei der Habermassche Ansatz beinahe durchgängig eine zentrale Folie bildet, auf der ich die Auseinandersetzung mit Honneths Arbeiten führe. Die Zentralbegriffe meiner Arbeit lauten "Authentizität" und "Öffentlichkeit". Das Ziel meiner Arbeit ist es, diese beiden Begriffe zu Diagnose- und Kritikkonzepten auszuarbeiten. In den letzten beiden Jahrzehnten wurde der Begriff der Authentizität im Kontext der sogenannten Ethik des guten, gelingenden Lebens besonders durch Arbeiten des kanadischen Philosophen Charles Taylor in das philo-sophische Fachinteresse gerückt. Für Reflexionen über soziale Pathologien erweisen sich Taylors Überlegungen insofern als besonders anschlussfähig, als er den Begriff der Authentizität unter anderem im Zusammenhang des Freiheitsbegriffs, nämlich im Sinne einer verwirklichten inneren Freiheit diskutiert. Wenn die Rede von Pathologien wie zum Beispiel die einer Be-schädigung der Erfahrungsfähigkeit und von mit diesen einhergehenden Leidensphänomenen möglich sein soll, muss zumindest im Modus von Deutungsversuchen gewagt werden, über unbeschädigte, gleichsam gesun-de Verfassungen von Menschen zu sprechen (Honneth 2000b, S. 56-57). Als ein solcher Versuch können Taylors Ausführungen über Authentizität als innere Freiheit durchaus gelesen werden, wenngleich sie sprachlich weitgehend negativ formuliert sind. Taylor sieht diese verwirklichte innere Freiheit zum Beispiel in der Freiheit von inneren Zwängen oder von verzerrter Selbstwahrnehmung. Diese von Taylor formulierte Idee, Authentizität als innere Freiheit zu begreifen, reformuliere ich in meiner Arbeit über den Begriff der Erfahrung, wobei ich mich auf zentrale Aspekte des Freiheitsbegriffs stütze, den John Dewey in Kunst als Erfahrung (1988) entwickelt. Deweys im Kontext der philosophischen Ästhetik entwickelter Erfahrungsbegriff erweist sich als kompatibel mit den Taylorschen Ausführungen, da sich auch bei Taylor vertiefte Überlegungen finden, Authentizität im Sinne einer ästhetischen Selbstverwirklichung über die Expressionen und Artikulationen des Selbst zu deuten. Ideengeschichtlich stellt sich Taylor damit in die romantische Tradition, in der das ästhetische Ideal des Originalgenies im Hintergrund steht. Aus Deweys Erfahrungsbegriffs lassen sich insbesondere drei als ästhetisch zu qualifizierende formale Momente von alltagspraktischen Erfahrungen nennen, die für den Gedanken einer Verwirklichung der inneren Freiheit über Erfahrungen herangezogen werden können. Folgende drei formale Momente werde ich hierbei herausstellen: die Intrinsität von Er-fahrungen - Erfahrungen machen wir auch um ihrer selbst willen -, die Ganzheitlichkeit von Erfahrungen - Erfahrungen integrieren intellektuell-kognitive, praktisch-volitionale und emotionale Komponenten der Psyche - sowie die erfahrungsöffnende Qualität von Erfahrungen - Erfahrungen öffnen das …
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