Leben im Moment?

Leben im Moment?

Einband:
Paperback
EAN:
9783593397641
Genre:
Sozialstrukturforschung
Autor:
Florian Stoll
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.10.2012

Die brasilianische Moderne unterscheidet sich grundlegend von den europäischen und nordamerikanischen Sozialformationen. Dies arbeitet Florian Stoll exemplarisch mit einer an Bourdieu angelehnten mehrdimensionalen Analyse der sozialen Milieus in der Großstadt Recife heraus. Die Beschreibung der sozialen Schichtung und der Lebensverhältnisse der Milieus ist darüber hinaus ein Beispiel für die theoretische und methodische Ausdehnung sozialwissenschaftlicher Forschung auf außereuropäische Kontexte.

Autorentext
Florian Stoll, Dr. phil., ist Postdoc-Mitarbeiter an der TU Darmstadt.

Leseprobe
Einleitung Inzwischen hat auch eine breite Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum den wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens bemerkt. Aber immer noch werden in den Medien meist nur einzelne Aspekte des größten Landes Südamerikas aufgegriffen und normalerweise genauso unpassend wie unzusammenhängend nebeneinander gestellt (siehe auch Busch 2010: 13-15): Zwar wird die neue wirtschaftliche Stärke Brasiliens zur Kenntnis genommen, aber trotzdem wird das Land vor allem mit Fußball und mit dem Leben an den Stränden verbunden. Diese Vorstellungen werden in den Medien oft relativ unvermittelt der Armut und der Gewalt in den Favelas gegenübergestellt. Darüber hinaus wird auch noch häufig über die Mega-City São Paulo und über die Abholzung der Regenwälder am Amazonas berichtet. Anhand der genannten Beschreibungen ist es jedoch schwer, sich den Alltag und die Lebensbedingungen der verschiedenen sozialen Milieus in Brasilien zu erschließen. Alle zuvor genannten Phänomene gibt es tatsächlich. Nur werden diese Ausschnitte der brasilianischen Realität in deutschen Medien meist losgelöst voneinander betrachtet und können daher kaum in einen größeren Kontext eingeordnet werden. Diese isolierte Wahrnehmung einzelner Besonderheiten verhindert aber ein Verständnis von Brasilien als moderner Sozialformation und verrät wenig über die Sozialstruktur oder über den Alltag der Bevölkerung. Jedoch werden die beschriebenen Phänomene nicht zufällig einzeln herausgegriffen und nebeneinander gestellt, denn Brasilien ist tatsächlich viel komplexer und in vielen Hinsichten widersprüchlicher als europäische Staaten oder die USA. Unterschiedlich stark technisch und ökonomisch entwickelte Bereiche existieren in Brasilien oft nebeneinander oder hängen sogar eng zusammen. Schon wegen der enormen regionalen Unterschiede und wegen der von europäischen Staaten oder von den USA abweichenden historischen und kulturellen Einflüsse ist Brasilien nicht so leicht zu fassen wie die genannten Länder. Dazu kommen viele ökonomische und politische Veränderungen während der letzten Jahrzehnte. Aber gerade die Besonderheiten Brasiliens würden die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Land interessant machen. Jedoch findet in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften - ähnlich wie im Fall anderer Schwellenländer - keine größere Debatte über Brasilien als nichtwestliche Sozialformation statt. Eine Auseinandersetzung mit Brasilien lohnt sich auch wegen der gestiegenen Bedeutung des Landes im internationalen Kontext: Die von Goldman Sachs als BRIC-Staaten bezeichneten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China werden in naher Zukunft eine noch wichtigere Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Aus dieser Gruppe dürfte Brasilien trotz riesiger Unterschiede zu Europa und zu den USA das Land sein, das dem Westen in vielen Hinsichten am ähnlichsten oder zumindest kulturell am leichtesten zugänglich ist. Auch die Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum vergeben vielversprechende Möglichkeiten, solange die Beschäftigung mit Brasilien auf einen kleinen Kreis von ExpertInnen begrenzt bleibt: Einerseits kann so der Global Player Brasilien nur von außen und vor allem fast nur auf Grundlage quantitativer Daten beurteilt werden, anhand derer die Unterschiede in Sozialstruktur, Kultur und in anderen Bereichen meist nur oberflächlich beschrieben werden können. Andererseits wird durch die Ignoranz gegenüber Brasilien und gegenüber anderen Schwellenländern auch die Chance vergeben, die Besonderheiten der europäischen Moderne und Entwicklungen in westlichen Ländern aus einer anderen Perspektive zu reflektieren. Eine sozialwissenschaftliche Analyse von Brasilien als eine unter anderen Voraussetzungen entstandene, aber auch entwickelte Form von Moderne könnte in vielen Fällen als Vergleichsmodell für bestimmte Veränderungen in europäischen und nordamerikanischen Ländern dienen. Wie ein Blick auf das moderne Brasilien auch die Wahrnehmung westlicher Staaten schärfen könnte, hat Ulrich Beck bereits im Jahr 1999 gezeigt, als er den Begriff Brasilianisierung (1999) in die deutschsprachigen Sozialwissenschaften einführte. Für Beck ist Brasilianisierung der "Einbruch des Prekären, Diskontinuierlichen, Flockigen, Informellen in die westlichen Bastionen der Vollbeschäftigungsgesellschaft." (1999: 8) Beck beschreibt eine wichtige Entwicklung in den europäischen Wohlfahrtsstaaten, da befristete Arbeitsverhältnisse, Zeitarbeit und eine Kultur des Jobbens in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen haben: "Damit breitet sich im Zentrum des Westens der sozialstrukturelle Flickenteppich aus, will sagen: die Vielfalt, Unübersichtlichkeit und Unsicherheit von Arbeits-, Biographie- und Lebensformen des Südens." (ebd.) Beck gelingt es, den hohen Anteil informeller Arbeit in Brasilien theoretisch zu fassen und so mit einem zentralen Moment der brasilianischen Sozialstruktur neue Entwicklungen in Europa zu reflektieren. Damit geht er einen entscheidenden Schritt über die oft klischeebeladene Darstellung Brasiliens in den Medien hinaus und beschäftigt sich ernsthaft mit dem Land als entwickelter Sozialformation. Aber auch Beck vertieft seine Analyse brasilianischer Besonderheiten leider nicht weiter, da er mit Brasilianisierung nur eine Tendenz in europäischen Ländern illustrieren will. Genau an dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an und versucht, ein komplexes Bild der brasilianischen Sozialformation zu zeichnen: Welche sozialen Milieus gibt es in Brasilien - genauer: in Recife im Bundesstaat Pernambuco? Welche Lebensbedingungen bestimmen den Alltag jedes Milieus? Welchen Einfluss besitzen Arbeitsteilung, Sozialstruktur und weitere Dimensionen? Was sind wichtige ökonomische, historische und kulturelle Elemente jedes Milieus? Welche Bedeutung besitzen die hohe Ungleichheit und die Tatsache, dass Brasilien als letztes Land in Europa und in den Amerikas die Sklaverei erst im Jahr 1888 abschaffte? Welche Milieus sind wie in die von Beck als "politische Ökonomie der Unsicherheit" (ebd.) bezeichneten Arbeitsverhältnisse eingebunden? Auf diese und weitere Fragen will die vorliegende Studie zumindest einen Ausblick geben.

Inhalt
Inhalt Vorwort 8 Einleitung 9 1. Theoretischer Rahmen und Methode 21 1.1 Anpassung der Soziologie Bourdieus 21 1.2 Der zeitliche Habitus in Anschluss an Bourdieu 29 1.3 Aspekte des Umgangs mit Zeit in Brasilien 41 2. Historischer und soziokultureller Kontext 53 2.1 Historische Phasen Brasiliens 53 2.2 Besondere Merkmale des modernen Brasilien 66 2.3 Recife im brasilianischen und im regionalen Kontext 86 3. Die sozialen Milieus 99 3.1 Zur Methodologie der Milieubildung 99 3.2 Zur Geschichte der oberen, mittleren und unteren Milieus 118 3.3 Zusammenfassung von Kapitel 4 bis 9 137 4. Oberschicht: Beschleunigtes Leben mit wenig Freizeit 149 4.1 Die Position der Oberschicht in der Sozialstruktur 151 4.2 Die Stellung in der Arbeits- und Tätigkeitsteilung 157 4.3 Luxuriöser Lebensstil und distinguierter Habitus 160 4.4 Soziokulturelle Einflüsse auf die Oberschicht 166 4.5 Zeitlicher Habitus: Beschleunigtes Leben 170 4.6 Der zeitliche Habitus der Untergruppen 175 5. Obere Mittelschicht: Führungskräfte mit Balance aus Arbeit und Freizeit 183 5.1 Die Position in der Sozialstruktur 184 5.2 Arbeitsformen und Tätigkeiten der oberen Mittelschicht 188 5.3 Merk…


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