Genre:
Sachbücher Regional- & Ländergeschichte
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
18.04.2013
Gibt es in den USA eine Kultur der Denunziation?
Denunziationen unterliegen auch in den USA einem moralischen Tabu. Sie gelten als geradezu unamerikanisch. Trotzdem war und ist die Denunziation allgegenwärtig, sie wurde verübt und bewertet, sie wurde verachtet oder als patriotische Pflicht gewürdigt. Olaf Stieglitz schildert, welche Rolle Überwachung und Spitzeltum seit dem Ende des 19. Jahrhunderts spielten und wie das jeweilige System der Denunziation organisiert wurde: ob beim Kampf gegen sexuelle Ausschweifungen oder organisierte Kriminalität, gegen politische Bewegungen oder den Terrorismus, ob für das FBI oder für Politiker wie den Senator Joseph McCarthy.
Damit öffnet sich der Blick auf ein tief in der US-amerikanischen Kultur verankertes Charakteristikum: die Angst vor inneren und äußeren Feinden und die Verpflichtung, die Gesellschaft vor diesen Feinden zu schützen. Erst aus dieser Geschichte heraus wird nachvollziehbar, warum heute der "Krieg gegen den Terror" weder vor der Aushöhlung der Verfassung und der Menschenrechte noch vor der Einspannung des Einzelnen in die Sorge um die innere Sicherheit haltmacht.
Denunziationen unterliegen auch in den USA einem moralischen Tabu. Sie gelten als geradezu unamerikanisch. Trotzdem war und ist die Denunziation allgegenwärtig, sie wurde verübt und bewertet, sie wurde verachtet oder als patriotische Pflicht gewürdigt. Olaf Stieglitz schildert, welche Rolle Überwachung und Spitzeltum seit dem Ende des 19. Jahrhunderts spielten und wie das jeweilige System der Denunziation organisiert wurde: ob beim Kampf gegen sexuelle Ausschweifungen oder organisierte Kriminalität, gegen politische Bewegungen oder den Terrorismus, ob für das FBI oder für Politiker wie den Senator Joseph McCarthy. Damit öffnet sich der Blick auf ein tief in der US-amerikanischen Kultur verankertes Charakteristikum: die Angst vor inneren und äußeren Feinden und die Verpflichtung, die Gesellschaft vor diesen Feinden zu schützen. Erst aus dieser Geschichte heraus wird nachvollziehbar, warum heute der "Krieg gegen den Terror" weder vor der Aushöhlung der Verfassung und der Menschenrechte noch vor der Einspannung des Einzelnen in die Sorge um die innere Sicherheit haltmacht.
"Das Buch zeichnet die Geschichte der Denunziation in den USA nach und liest sich so spannend wie ein Agentenkrimi ... Ein Buch, das nachdenklich macht - und dem viele Leser zu wünschen sind.", Deutschlandfunk, 06.05.2013 "Am Beispiel des 20. Jahrhunderts legt der Autor auf durchgehend überzeugende, mitunter brillante Weise dar, warum das Verraten, Anschwärzen und Anzeigen von Fremden wie von Freunden und Familienmitgliedern phasenweise zum politischen Alltag in den USA gehörte.", Damals, 01.10.2013
Vorwort
Gibt es in den USA eine Kultur der Denunziation?
Autorentext
Olaf Stieglitz ist Professor für Amerikanische Kulturgeschichte an der Universität Leipzig.
Leseprobe
Einleitung: Die Kultur der Denunziation in den modernen USA Die Menschen, so soll Julius Caesar gesagt haben, lieben den Verrat, aber sie verachten den Verräter. In dieser Annahme einer Ambivalenz von Neugier, Interesse und emotionaler Zustimmung einerseits sowie Ablehnung, Personifizierung und Abscheu andererseits liegt vielleicht einer der Gründe, warum über das Denunzieren als einer spezifischen, sehr persönlichen, sehr nahen Form des Verrats so gern und ausführlich Geschichten erzählt werden. Die Nähe ist es, die das beste, umfassendste, vertraulichste Wissen schafft, das verraten werden könnte. So hat auch die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn bemerkt: »Nur als Freund kann der Verräter zum Feind werden; nur als Freund trifft er den empfindlichsten Punkt und hat er das sorgsam gehütete Wissen.« Doch ist dieses offenbarte Wissen selten eindeutig. Gerade weil es dem Verborgenen entrissen werden soll, bedarf es einer Erzählung, die Sinn und Plausibilität stiftet. So entstandene Geschichten, das fällt auf, drehen sich zumeist ganz wesentlich um die Figur des Denunzianten oder der Denunziantin selbst, dieser augenscheinlich ebenso faszinierenden wie abstoßenden Person. Neben dem Wissen stehen mithin häufig Motivation und Rechtfertigung im Zentrum des Interesses, nicht selten geht es auch darum, die Handlungsweisen einer Person zu charakterisieren als falsch oder richtig, als Denunziation oder aber als etwas anderes, weniger Anstößiges, weniger Niederträchtiges, womöglich gar Ehrenhaftes. Derlei Erzählungen lassen sich für die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika während des 20. Jahrhunderts leicht identifizieren. So zum Beispiel die Erzählung über Linda Tripp. Während der 1990er Jahre arbeitete sie als Büroangestellte und Public-Relations-Fachkraft für mehrere Dienststellen der US-Bundesregierung in Washington, D.C.; 1996 für das Pentagon. Dort lernte die zu diesem Zeitpunkt 48-Jährige eine junge Kollegin kennen, die gerade vom Weißen Haus in das Verteidigungsministerium gewechselt war. Die beiden Frauen wurden Freundinnen, und die junge Kollegin erzählte Tripp unter dem Vorbehalt der Verschwiegenheit auch einige private Dinge, so etwa über ihre Liebesbeziehung zu einem hochrangigen Vorgesetzten im Weißen Haus. Irgendwann begann Linda Tripp damit, Notizen dieser Gespräche anzufertigen, und nicht viel später, im Herbst 1997, nahm sie Telefonate mit dieser Freundin auf Band auf. Über ihre Motive wurde später ausgiebig spekuliert, von Geltungssucht war die Rede, ebenso von Geld oder von juristischem Druck, dem sie ausgesetzt gewesen sei. Aber auch Verantwortungsbewusstsein sowie Patriotismus wurden als mögliche Gründe angeführt, denn gegen besagten Vorgesetzten liefen zu dieser Zeit umfangreiche Untersuchungen wegen Korruptionsverdachts. Sicher ist indes, dass Tripp ihre Aufzeichnungen Anfang 1998 den in dieser Sache ermittelnden Behörden und Ausschüssen zur Verfügung stellte und diesen kurz danach sogar die Gelegenheit gab, ein Gespräch der beiden Frauen über das prekäre Thema mitzuhören. Die Untersuchungsinstanzen machten ihre Erkenntnisse rasch publik, und aus einer privaten Affäre war ein politischer Skandal geworden, der die USA (und den Rest der Welt) über Monate beschäftigen sollte begierig, immer neue, schmutzige Details zu erfahren, doch stets verbunden mit einer Geringschätzung der vorgeblichen Denunziantin und ihre Komplizen. Die junge Kollegin übrigens, deren Vertrauen Linda Tripp täuschte, hieß Monica Lewinsky und ihr Vorgesetzter war Bill Clinton, der Präsident der Vereinigten Staaten. Denunziantinnen und Denunzianten hintergehen, so das gängige Urteil, Vertrauensverhältnisse, üben Verrat trotz scheinbar enger Bande von Loyalität, zersetzen Familienverbände, Freundschaften, berufliche Kollegialität und politische Solidarität. Wie stark und mächtig allein der Vorwurf des Verrats wirken kann, das vermag eine andere Begebenheit zu verdeutlichen. William Albertson war Kommunist aus Überzeugung, ein angesehenes Mitglied der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten (CPUSA) und in der Spitze ihrer New Yorker Vertretung. 1953, auf dem Höhepunkt der Welle antikommunistischer Repression, die man McCarthyism nennt, wurde er zu 60 Tagen Gefängnis wegen Missachtung des Gerichts verurteilt, denn er hatte sich geweigert, in einem Gerichtsverfahren die Namen weiterer Parteimitglieder zu nennen. William Albertson war standhaft geblieben, er hatte sich dem seinerzeit so oft geforderten Charaktertest des Verrats verweigert. Dennoch, im Juli 1964 konnte man in der Parteizeitung The Worker über ihn lesen: »Gefühllos und in boshafter Absicht verletzte er das in ihn gesetzte Vertrauen und spielte die Rolle eines Spitzels und Verräters gegenüber seinen Genossen, seinen Freunden, Frauen und Männern, allesamt überzeugte Verfechter von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Albertson führte ein Doppelleben, das er dem Verrat gewidmet hatte er gab sich als überzeugter Verteidiger der Interessen der Arbe…
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