Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.08.2013
Siebzig russische Juden werden ab Oktober 1990 in einem Ort der soeben aufgelösten DDR untergebracht. Wie reagieren die Einheimischen? Mit dieser Frage erforschte eine deutsche Ethnologin über anderthalb Jahre ein deutsches Dorf. Susanne Spülbeck legt hier die erste sozialwissenschaftliche Studie über die Situation nach der Wende in Ostdeutschland vor, die auf der ständigen Teilnahme der Forscherin am Alltag basiert. So ist sie Pionierin, Grenzgängerin, die sich in einer Zwischen-Welt aufhält und zu orientieren sucht. Ein solcher Aufenthaltsort birgt einige Überraschungen, für die Forscherin, aber auch für den Leser. Ihre Studie zeigt: Fremdenfurcht und Ausländerfeindlichkeit lassen sich hier erst im Kontext der subtilen Auswirkungen staatlicher Überwachung verstehen.
Autorentext
Susanne Spülbeck, Dr. phil., Jg. 1963, leitet blickwechsel GmbH und führt hier kulturwissenschaftliche Forschungen in Unternehmen und Organisationen durch. Sie ist Dozentin für Organisationsethnologie an der Universität St. Gallen und der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Leseprobe
I. Einleitung Fragestellung Eine Gruppe von Flüchtlingen trifft in einem ostdeutschen Dorf ein. Es sind siebzig russische Juden, die ab Oktober 1990 in Winterfeld, einem Ort im Südwesten der soeben aufgelösten DDR, untergebracht werden. Die vorliegende Studie fragt nach den Reaktionen der Einheimischen. Im Rahmen einer ethnologischen Feldforschung, die die kontinuierliche Teilnahme der Forscherin am sozialen Geschehen im Ort über einen Zeitraum von 16 Monaten einschloss, sollte dem Prozess der gesellschaftlichen Produktion von Einstellungen in ihrem Referenzrahmen nachgegangen werden. Die hierbei gewählte Perspektive betont im Gegensatz zu anderen Vorgehensweisen die besondere Relevanz des Kontextes. Es soll im Folgenden deshalb weniger darum gehen, sprachlich geäußerte Symbolisierungen, die von subjektiven Einstellungen und kollektiven Selbst- und Fremdbildern reden, als isoliert interpretierbare Gegenstände zu dokumentieren, die auf konsistente Subjekte verweisen. Vielmehr versucht der hier gewählte Ansatz Bedingungen zu benennen, unter denen Vorurteile als diskursives Handeln produziert und tradiert werden. Es geht dabei darum, sich in Dialog und Begegnung dem Sinn anzunähern, den ein solches Handeln für Subjekte haben kann. Im Zentrum dieser Bemühung um sinnvolle Interpretation sozialen Handelns steht nicht die Analyse von Dorf, Staat, privater und veröffentlichter Meinung im Sinne klar abgrenzbarer und voneinander getrennter Bereiche. Vielmehr geht es um Prozesse der Bedeutungskonsitution, die kein "an sich" kennen, sondern stets Produkte komplexer Interaktion sind. Die Feldforschung fand im Kontext der Wende statt. Die totalitäre Ordnung der DDR hatte eine genaue Unterscheidung von Gut und Böse, von falschem und richtigem Verhalten vorgegeben und war darauf angelegt gewesen, den Bürgern öffentliches Aushandeln von Normen- und Wertorientierungen abzunehmen. Ihre Auflösung hatte Orientierungsverluste und häufig die Umkehrung von Status zur Folge. Eine staatliche Ordnung, die alle Lebensbereiche durchzogen hatte, war mit einem Mal abgeschafft. In dem entstandenen Vakuum waren im dörflichen Kontext entschiedene Versuche zu beobachten, Ordnung als eine Inszenierung eindeutiger Verortungen und Rollenverteilungen zu rekonstruieren. Der Versuch, den Flüchtlingen eine eindeutige Rolle in dieser Inszenierung zuzuweisen, bedeutete, das Eigene und das Fremde in ein Verhältnis hineinzureden, in dem beides seinen festumrissenen Platz hätte. In einem ersten Schritt gilt es, diese Suche nach sozialer Orientierung und einer verbindlichen sozialen Ordnung im historischen Kontext der Wende auszuleuchten. Die Konfrontation mit Fremden stellt notwendig eine Herausforderung dar. Fremde symbolisieren die Möglichkeit anderer Lebensweisen und können deshalb eine Bedrohung der bislang als verbindlich erklärten Regeln bedeuten, für die vorher ein Geltungsbereich nicht eingegrenzt werden musste. Diese Bedrohung ergibt sich aus der Distanz des Fremden vom Eigenen, die es in kontrollierbare Formen aus dem Repertoire des Bekannten zu binden gilt, um die Gefährdung zu bannen. Georg Simmel brachte die eigentümliche Spannung von Fremdem und Eigenem auf den Punkt, wenn er sagte: "Der Fremde ist ein Element der Gruppe selbst, nicht anders als die Armen und die mannigfachen inneren Feind [sic!] - ein Element, dessen immanente und Gliedstellung zugleich ein Außerhalb und Gegenüber einschließt." In Winterfeld war zunächst der Versuch zu beobachten, den Flüchtlingen einen bekannten sozialen Platz im Dorf zuzuweisen. Es geht darum, nachzuzeichnen, mit welchen Strategien diese Aneignung der Fremden unternommen wurde. Welche Rolle spielte es dabei, dass die Fremden Juden waren? Auf welche bekannten Diskursmuster über Juden wurde zurückgegriffen und welche historischen Wurzeln hatten diese? In Westdeutschland hatte sich nach dem Nationalsozialistischen Völkermord eine Haltung entwickelt, die Schuld- und Schamgefühle den Opfern anlastete und in einen neuen Antisemitismus "wegen Auschwitz" mündete. Seine Tabuisierung in der Öffentlichkeit führte zu einer weitgehenden Kommunikationslatenz und zeigte sich eher in philosemitischen Haltungen. Über die DDR fehlen vergleichbare Untersuchungen. Welche Übertragungsmechanismen waren in einem ostdeutschen Dorf zu beobachten, das in der DDR mit staatlichen Diskursvorgaben - oder "master narratives" - über das nationalsozialistische Mordprogramm konfrontiert gewesen war? In welchem Verhältnis standen dörfliche Erinnerung an den Nationalsozialismus und staatlich propagierte Geschichtsdeutung und wie spiegelten sich diese Bewältigungsstrategien des Völkermordes auf lokaler Ebene in der Rede über die jüdischen Flüchtlinge? Die Wahl des Untersuchungsbereichs lehnte sich an die Tradition ethnographischer Dorfmonographien an. Der untersuchte Weltausschnitt wurde auf die Betrachtung einer relativ überschaubaren sozialen Einheit - eines Dorfes - eingeschränkt. Diese Beschränkung und der lange Untersuchungszeitraum gestatteten es, perspektivisch nicht bei der Dokumentation von statisch konzipierten Gegenständen wie "Meinungsbildern" u.ä. stehenzubleiben, sondern soziale Prozesse und Bedingungen zu beschreiben, in die die Produktion, Tradierung und Verwendung von sozialen Kategorien, Ausgrenzungsdiskursen und Stereotypen eingebunden sind. Bei der Darstellung wird deshalb des öfteren von Dingen die Rede sein wie "dörflicher Diskurs", "Alltagstratsch im Dorf" oder "im Dorf war zu hören" Ein deutsches Dorf am Ende des 20. Jahrhunderts - gleichviel, ob im Osten oder im Westen gelegen - ist aber alles andere als eine "closed corporate community", an die eine solche Wortwahl erinnern mag. Es erscheint fraglich, ob dem Begriff "Dorf" in diesem Konzept eine Wirklichkeit entsprich, die über das bloße heuristische Konzept hinausgeht. Das von mir untersuchte Dorf war weder als Wirtschaftseinheit, noch als eine abgrenzbare symbolische Welt zu beschreiben. Vielmehr erschien es auf den verschiedenen Ebenen der Massenkommunikation, der Verwaltung, der Arbeitsorganisation, der Güterversorgung, der infrastrukturellen Einbindung usw. vollkommen in die Strukturen des modernen Staates integriert. Praktisch alle Haushalte verfügten über Fernsehgeräte. Eine rapide wachsende Anzahl von Bewohnern war automobilisiert. Im Sinne einer insularen Alltagswelt war dieses Aggregat bereits seit langem dabei, sich aufzulösen. Auf diesem Hintergrund mag es manchmal wie eine Parodie klingen, wenn ich überhaupt noch von der untersuchten Siedlung als "dem Dorf" spreche. Und doch sind es die Anachronismen, die Brüche und Widersprüche der modernen Welt selbst, die uns in solchen Metaphern begegnen. Im modernen Kontext sind die in einer beliebigen sozialen Arena auffindbaren Diskursmuster nicht mehr losgelöst von den Bedeutungskonstruktionen zu verstehen, die im massenmedialen Diskurs vorgegeben werde…
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