Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.06.2014
Anders als es ein verbreiteter wirtschaftswissenschaftlicher Modellplatonismus behauptet, ist "Konkurrenz" kein naturwüchsiger Ausdruck individueller Nutzenmaximierung. Wie Menschen um knappe Güter konkurrieren - sei es Geld, Macht, Prestige oder auch die Anerkennung wissenschaftlicher Wahrheiten - und ob dieser Wettbewerb als fair und legitim akzeptiert wird, hängt vielmehr von vielfältigen kulturellen Voraussetzungen, institutionellen Arrangements und sozialen Praktiken ab. An ausgewählten Beispielen der europäischen Geschichte untersuchen die Autoren den Wandel der Praxis, der Rechtfertigung und der sozialen Wirkung von Konkurrenz und Wettbewerb; sie geben der Gegenwartskontroverse um die Entfesselung der Konkurrenz in der globalisierten Welt damit die nötige historische Tiefendimension.
Autorentext
Ralph Jessen ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Köln.
Leseprobe
Konkurrenz in der Geschichte Einleitung Ralph Jessen Moderne Gesellschaften sind Konkurrenzgesellschaften. Wettbewerb ist ein fast allgegenwärtiger Handlungsmodus zur legitimen Verteilung knapper materieller und symbolischer Ressourcen aller Art. Als primärer Ort der Konkurrenz gelten Märkte, aber ebenso spricht man von "Wettbewerbsdemokratien", von der internationalen "Konkurrenz der Mächte", von konkurrierenden wissenschaftlichen Theorien und vom medialen Aufmerksamkeitswettbewerb. Für den Sport sind agonale Inszenierungen konstitutiv, und nicht geringe Teile des Showgeschäfts leben von der Erzeugung oder Simulation von Wettbewerbssituationen. Sowohl auf der Makroebene internationaler Staatenbeziehungen als auch auf der Mesoebene von Organisationen sowie nicht zuletzt auf der Mikroebene kleinräumiger sozialer Interaktion finden sich vielfältige kompetitive Praktiken. Individualisierung, Kommodifizierung und "Vermarktlichung" haben seit der "Großen Transformation" zur Moderne zu einer fortschreitenden Entgrenzung des Wettbewerbs geführt. Vor allem seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts scheint sich das Prinzip der Konkurrenz immer rascher in alle Lebensbereiche ausgebreitet zu haben: Die Individualisierung in den postindustriellen Dienstleistungsgesellschaften, die langjährige Dominanz des neoliberalen Paradigmas, die Kommunikationsrevolution des Internets, die Erosion traditioneller Sozialmilieus, die Globalisierung der Finanz- und Güter-, Arbeits- und Wissensmärkte, stark gestiegene Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen an ökonomische Akteure, der Rückzug (sozial-)staatlicher Regulierungsansprüche und schließlich der Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen mit ihren etatistischen, egalitaristischen und antikompetitiven Gesellschaftsidealen alles das hat die hegemoniale Geltung des Wettbewerbsprinzips in nahezu allen Dimensionen der Gesellschaft gefestigt. Die wachsende Reichweite dieser "Verwettbewerblichung" über den engeren Bereich des Ökonomischen hinaus lässt sich leicht mit Beispielen aus ganz unterschiedlichen Sphären der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik illustrieren drei Stichworte müssen hier genügen, um die Breite des Phänomens abzustecken: So haben erstens konkurrenzorientierte Verfahren der Leistungsbewertung und Ressourcenallokation seit den 1980er Jahren im Bildungs-, Hochschul- und Wissenschaftssystem stark an Bedeutung gewonnen. Mehr oder weniger transparente Rankings zu Lehr- und Forschungsleistungen gehören seit den 1990er Jahren zum Alltag der akademischen Disziplinen und Universitäten, ein wachsender Teil der Forschungen wird über Drittmittel finanziert, die unter Wettbewerbsbedingungen eingeworben werden, und die "Exzellenzinitiative" hat die Ressourcenkonkurrenz unter den Universitäten explizit zum wissenschaftspolitischen Steuerungsinstrument gemacht. Die PISA-Studien der OECD trugen mit ihren komparativen Ranglisten maßgeblich dazu bei, dass Bildungspolitik immer häufiger in den Kategorien eines internationalen "Standortwettbewerbs" um "human capital" verhandelt und konzipiert wird. Inszenierte Wettbewerbe ein zweites Beispiel - gehören seit Jahren zu den besonders populären Formaten der Unterhaltungsindustrie sei es in den großen Casting-Shows des kommerziellen Fernsehens oder sei es in lokalen "poetry slams", die sich seit den 1990er Jahren als kompetitive Literaturperformance zunehmender Beliebtheit erfreuen. Auch wenn hier sicherlich Analogien zum Sportsystem auf der einen und zu älteren Formen des "Künstlerwettstreits" und künstlerischer Wettbewerbe auf der anderen Seite vorliegen, geben massenmediale Vermittlung, "Eventisierung" und populärkulturelle Rahmung diesen Aufführungen eine eigene, neue Qualität. Zugleich ist ihre Beliebtheit nicht nur ein Beleg für den hohen Unterhaltungswert kompetitiver Inszenierungen, sondern auch ein Indiz für die breite kulturelle Akzeptanz des Konkurrierens. Schließlich sei drittens die Thematisierungskarriere der Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit, Konkurrenz und Geschlecht erwähnt, die seit den 1980er Jahren eine anschwellende populäre wie wissenschaftliche Literatur hervorgebracht hat. Während Ratgeber "Karrierestrategien für freche Frauen" und "Neue Spielregeln für Konkurrenz- und Konfliktsituationen" anbieten oder "Zicken unter sich" betrachten, um "Lösungen im weiblichen Konkurrenzkampf" vorzuschlagen, befassen sich Sachbücher und sozialwissenschaftliche Texte aus kritischer Perspektive mit geschlechtsdifferenten Wettbewerbspraktiken und Karrierechancen in Unternehmen und Organisationen. Dies wirft ein Schlaglicht auf die Historizität von Konkurrenzkulturen, denn offenbar führte erst die wachsende Erwerbsintegration von Frauen bei gleichzeitiger Kontinuität geschlechtsspezifischer Chancenungleichheiten zu einer Infragestellung beruflicher Wettbewerbspraktiken, die bis dahin als quasi "natürliche Normalität" der Nicht-Thematisierung anheim fielen. Alles das sind Anzeichen für den Bedeutungsgewinn der Konkurrenz als Deutungsmuster, Handlungsorientierung und Praxis. Zur Gegenwartserfahrung gehören aber ebenso Unbehagen und Kritik an den universellen Geltungsansprüchen des Konkurrenzprinzips und Angst vor seinen destruktiven und asozialen Potentialen. Vermeintliche oder tatsächliche Exzesse des Wettbewerbs werden öffentlich skandalisiert, und der Verlust an Gemeinsinn und Solidarität wird beklagt. "Gerechtigkeit" ist seit einiger Zeit wieder ein Thema auf der politischen Agenda, und damit sind meist nicht die "Gerechtigkeits"-Versprechen des freien Wettbewerbs gemeint. Schon die in den 1990er Jahren einsetzende Diskussion um die Gefährdungen und Chancen der "Civil Society" war nicht zuletzt durch die Sorge um die nachlassende soziale Integration in einer individualisierten Konkurrenzgesellschaft motiviert. Ob die jüngste Krise der internationalen Finanzmärkte zu einer nachhaltigen Vertiefung dieser Skepsis führen wird, ist noch ungewiss. Die Prosperitäts- und Wohlstandsversprechungen der Verfechter eines sich selbst und den Spielregeln des freien Wettbewerbs überlassenen globalen Geld- und Gütermarktes haben jedenfalls erheblich an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Nach Jahrzehnten der Deregulierung und Entstaatlichung steigen wieder die Erwartungen an die Ordnungs- und Steuerungskapazitäten des Staates. Ob dies nur vorübergehende Stimmungsausschläge oder Vorboten eines längerfristigen Paradigmenwechsels sind, der zu einer Umwertung und neuen Einhegung des wirtschaftlichen Wettbewerbs führt, werden die kommenden Jahre zeigen. Doch um Zukunftsprognosen soll es in diesem Buch nicht gehen, ebenso wenig um eine Dogmengeschichte des wirtschaftlichen Wettbewerbs. Auch richtet sich das Interesse gar nicht primär auf Phänomene der Marktkonkurrenz. Die Gegenwartserfahrung liefert vielmehr die Anregung, um das Prinzip der Konkurrenz als soziale Praxis zum Gegenstand historischer Forschung zu machen. Die jüngsten Pendelschläge zwischen Freisetzung und Einhegung von Konkurrenz mögen aus der Perspektive der Zeitgenossen irritierend wirken -…
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