Postsäkularismus

Postsäkularismus

Einband:
Paperback
EAN:
9783593500904
Genre:
Religions-Lexika
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.04.2015

Mit dem »Postsäkularismus« (Jürgen Habermas) verbindet sich die Frage, welche Rolle die Religion in freiheitlich-demokratischen, pluralistischen Gemeinwesen spielt. International renommierte Philosophen, Theologen und Sozialwissenschaftler erörtern, welche Bedeutung dem Begriff des »Postsäkularen« zukommt, ob das säkulare Zeitalter der Vergangenheit angehört, und wie es möglich ist, zwischen widerstreitenden religiösen, areligiösen und antireligiösen Überzeugungen eine gemeinsame politische Sprache zu finden. Mit Beiträgen von William Barbieri, James Bohman, José Casanova, Rainer Forst, Karl Gabriel, Friedrich Wilhelm Graf, Volkhard Krech, Hartmut Leppin, Detlef Pollack und Charles Taylor.

»Der vorliegende Band ist ein zentraler Beitrag, Möglichkeiten und Bedingungen des Glaubens in globaler Perspektive nochmals neu und interdisziplinär zu durchdringen.« Thomas Brose, Diakonia »Der vorliegende Band ist ein zentraler Beitrag, Möglichkeiten und Bedingungen des Glaubens in globaler Perspektive nochmals neu und interdisziplinär zu durchdringen.« Thomas Brose, Herder Korrespondenz - Monatsheft für Gesellschaft und Religion, 15.05.2016

Vorwort
Normative Orders

Autorentext
Matthias Lutz-Bachmann ist Professor für Philosophie sowie Vizepräsident an der Universität Frankfurt am Main.

Klappentext
Mit dem »Postsäkularismus« (Jürgen Habermas) verbindet sich die Frage, welche Rolle die Religion in freiheitlich-demokratischen, pluralistischen Gemeinwesen spielt. International renommierte Philosophen, Theologen und Sozialwissenschaftler erörtern, welche Bedeutung dem Begriff des »Postsäkularen« zukommt, ob das säkulare Zeitalter der Vergangenheit angehört, und wie es möglich ist, zwischen widerstreitenden religiösen, areligiösen und antireligiösen Überzeugungen eine gemeinsame politische Sprache zu finden. Mit Beiträgen von William Barbieri, James Bohman, José Casanova, Rainer Forst, Karl Gabriel, Friedrich Wilhelm Graf, Volkhard Krech, Hartmut Leppin, Detlef Pollack und Charles Taylor.

Leseprobe
Vorwort
Die hier versammelten Aufsätze gehen auf Veranstaltungen im Rahmen der Forschungen des Frankfurter Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" zurück. An erster Stelle ist hier die im Sommersemester 2011 durchgeführte Ringvorlesung zum Thema "Postsäkularismus" zu nennen, für deren erfolgreiche Realisierung ich herzlich der Arbeitsgruppe um Hartmut Leppin, Karl-Heinz Kohl, Thomas M. Schmidt und Susanne Schröter danke. Seit 2011 schlossen sich im Forschungsschwerpunkt "Postsäkularismus/Postkolonialismus" vielfache Workshops und Arbeitstreffen an. Stellvertretend nenne ich an dieser Stelle die Arbeitsgruppen um Susanne Schröter sowie um Thomas M. Schmidt, Uchenna B. Okeja und Julien Winandy. Frau Ursula Johannsen danke ich herzlich für Satz und Redaktion dieses Bandes sowie dem Direktorium des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" für die Unterstützung bei der Publikation.
Matthias Lutz-Bachmann 9. November 2014
Die Erschließung des Postsäkularen:
Drei Bedeutungen von "säkular" und deren mögliche Transzendenz
José Casanova
Jürgen Habermas ist einer der einflussreichsten Theoretiker der säkularen Moderne. Seine Konzeption gesellschaftlicher Rationalisierung und der Rationalisierung der Lebenswelt, seine Lehre von der Versprachlichung des Sakralen sowie seine Theorie der Öffentlichkeit gründen alle in einer grundlegenden Darstellung der Säkularisierung, die einerseits mit den Vorgängen westlicher Modernisierung intern verbunden ist und andererseits als letztes und am weitesten entwickeltes Stadium innerhalb eines allgemeinen evolutionären Stufenprozesses menschlicher Entwicklung verstanden wird. So gesehen sind "säkular" und "modern" in seiner Theorie immer synonym und untrennbar miteinander verknüpft gewesen.
Es ist deshalb bemerkenswert, dass Habermas nun einen neuen Diskurs zum Thema "postsäkulare" Gesellschaften angeregt hat, bemerkenswert insbesondere angesichts der Tatsache, dass er sich über Jahrzehnte hinweg dem neuen Diskurs der Postmoderne widersetzt hatte und auf dem Erfordernis bestand, das "unvollendete Projekt der Moderne" zu verteidigen und zu befördern. Da Habermas, wie man annehmen kann, noch nicht bereit ist, den Diskurs oder das Projekt der Moderne aufzugeben, muss man fragen, welchen Sinn mit einem modernen "Postsäkularen" verbunden werden kann. In welcher Weise ließe sich von modernen Individuen oder Gesellschaften sagen, sie seien "postsäkular"?
Im Folgenden möchte ich so vorgehen, dass ich erstens drei verschiedene Bedeutungen des Terminus "säkular" untersuche, denen drei verschiedene Interpretationen des Postsäkularen entsprechen. Zweitens möchte ich erkunden, in welchem Maße Habermas' Konzeption der Säkularisierung noch zu sehr den speziell europäischen Mustern der Säkularisierung verbunden bleibt, er also möglicherweise noch immer an einem zu engen Zusammenhang von Prozessen der Modernisierung und der Säkularisierung festhält. Schließen werde ich mit einigen Bemerkungen zur Idee einer postsäkularen Weltgesellschaft.
1. Drei Bedeutungen von "säkular"
Ich möchte eine analytische Unterscheidung zwischen drei verschiedenen Bedeutungen des Wortes "säkular" einführen - anders formuliert zwischen drei Weisen, auf die gesagt werden kann, man sei säkular -, denen dann drei verschiedene Interpretationen des Säkularisierungsprozesses entsprechen.
1.1 Bloße Säkularität: Leben in der säkularen Welt und in säkularen Zeiten
Hier ist "säkular" in der weitest möglichen Bedeutung des Terminus gemeint, die sich von der theologischen Umbildung des lateinischen "saeculum" durch das mittelalterliche Christentum herleitet. Ursprünglich bedeutete das lateinische Wort saeculum, wie etwa in per saecula saeculorum, nur eine unbestimmte Zeitspanne. Erstmalig bei Augustinus aber bezieht sich das "Säkulare" auf einen Zeitraum zwischen der Gegenwart und der eschatologischen Parusie, zu der Christen und Heiden zusammenfinden können, um ihren gemeinsamen Interessen als einer Bürgergemeinschaft nachzugehen. So verstanden besteht eine große Ähnlichkeit des Augustinischen Gebrauchs von "säkular" mit der modernen Bedeutung einer säkularen politischen Sphäre, eines demokratischen Rechtsstaates und einer demokratischen Öffentlichkeit, die gegenüber allen Weltanschauungen, religiösen wie nichtreligiösen, neutral ist. Eine solche Konzeption identifiziert das Säkulare nicht mit dem "Profanen" als dem Anderen des "Heiligen". Auch ist das Säkulare nicht das Andere des "Religiösen". Genau genommen handelt es sich bei ihm um einen neutralen Raum, an dem alle teilhaben können, die in einer Gesellschaft leben, welche entweder religiös gesehen nicht homogen oder multikulturell ist. Gemeint sind hier also Gesellschaften, die per definitionem verschiedene und sehr wahrscheinlich miteinander konkurrierende Auffassungen dessen auszeichnen, was "heilig" und was "profan" ist. Genau das war die Lebenssituation in der Spätantike. Der jüdisch-christliche Monotheismus hatte zu einer Entsakralisierung oder Entzauberung des pagan Heiligen geführt. Dass man den Christen das Epitheton "Atheisten" verpasste, war dann nur die Folge ihrer Weigerung, den "heidnischen" Göttern zu opfern oder den göttlichen Herrscher anzubeten. Das Heilige der Christen war das Profane der Heiden und umgekehrt.
Mit der Konsolidierung des westlichen mittelalterlichen Christentums und dem hegemonialen Siegeszug der christlichen Kirche wurde das Säkulare letztlich aber zu einem der Termini einer Dyade, dem Religiösen/Säkularen. Diese diente dazu, die gesamte raumzeitliche Wirklichkeit des mittelalterlichen Christentums in ein Binärsystem der Klassifizierung einzuordnen, das zwei Welten voneinander trennte: die religiöse, spirituelle und heilige Welt der Erlösung und…


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