Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
06.11.2014
Paare, Briefe, Körper, Tanz: Die vielfältigen Beiträge dieses Bands nähern sich mit großem Einfühlungsvermögen der facettenreichen Vergangenheit Europas seit der frühen Neuzeit. Wie durch ein Schlüsselloch geben sie den Blick frei auf ungewöhnliche Alltagsszenen, unerwartete Machtkonstellationen und neu zu deutende Beziehungsgefüge. Die Konzentration auf die Miniatur und das Vergnügen am Erzählen lassen ein vielschichtiges Geschichts- und Menschenbild entstehen - jenseits der einschlägigen Meistererzählungen.
Autorentext
Sandra Maß ist Professorin für transnationale Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Universität Bochum. Xenia von Tippelskirch ist Professorin für die Geschichte Religiöser Dynamiken an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Direktorin des Institut franco-allemand IFRA (SHS) / Institut français Frankfurt.
Klappentext
Paare, Briefe, Körper, Tanz: Die vielfältigen Beiträge dieses Bands nähern sich mit großem Einfühlungsvermögen der facettenreichen Vergangenheit Europas seit der frühen Neuzeit. Wie durch ein Schlüsselloch geben sie den Blick frei auf ungewöhnliche Alltagsszenen, unerwartete Machtkonstellationen und neu zu deutende Beziehungsgefüge. Die Konzentration auf die Miniatur und das Vergnügen am Erzählen lassen ein vielschichtiges Geschichts- und Menschenbild entstehen - jenseits der einschlägigen Meistererzählungen. Mit Beiträgen von Dirk Blasius, Franz-Josef Brüggemeier, Ute Daniel, Barbara Duden, Ute Gerhard, Lucian Hölscher, Hans Mommsen, Reinhard Rürup, Bernd Weisbrod und Heide Wunder.
Leseprobe
Vorwort Sandra Maß und Xenia von Tippelskirch "Wie die Falten auf dem Papiere, welche zuletzt gemacht worden, oder welche öfter gemacht werden, länger dauren als die übrigen, und sich unsern Augen leichter darstellen, so können wir uns auch derjenigen Dinge, welche wir zuletzt dem Gedächtnisse zu behalten übergeben, oder durch Wiederholung demselben einverleibet und nachdrücklicher eingedrücket haben, mit leichterer Mühe erinnern, als derer übrigen. Soll auch die Reihe der Falten sich leichter entwickeln, so muß man solche öfters falten, je öfter eine solche Faltung geschieht, je leichter werden sich solche Falten bey einer Gelegenheit entfalten. [] Aber, wird man sagen, wie kommt es, daß man, wenn man auch nicht krank ist, oft viele Dinge so vergißt, daß auch keine Spur von ihnen mehr übrig ist [], daher geschieht es, daß, wenn einige Theile von den Falten auseinander gehen, und neue Falten hinzukommen, endlich die Falten vergehen [], oder wenn die Falte entweder nicht stark genug gemacht, oder auch nicht tief genug eingedruckt worden." (Justus Christian Hennings, Geschichte von den Seelen der Menschen und Thiere, Halle 1774, S. 84f.) Die Analogie, die der deutsche Philosoph Justus Christian Hennings im 18. Jahrhundert zwischen dem Gedächtnis und den Falten zog, betont die Bedeutung der Falte und den Vorgang der Faltung. Die Papierfalte symbolisierte für ihn das Erinnerte. Je besser die Falte gesetzt sei, desto leichter sei sie zu nutzen (und zu erinnern). Er variierte also das tabula rasa-Motiv, mit dessen Hilfe Denker seit Jahrhunderten über das Funktionieren des Gedächtnisses reflektiert hatten, indem er die Wachstafel durch Papier ersetzte. Papier ritzt man nicht, sondern man faltet es. Die Metapher schien neue Aussagen über das nur schwer zu erfassende "Seelenleben" der Menschen zu ermöglichen. Die Faltenwürfe der Geschichte folgen diesem Metapherngebrauch des deutschen Philosophen nicht, auch wenn seine Analogie verführerisch klingt, assoziiert sie doch die Erinnerung in der Zeit mit einer räumlich verorteten Tätigkeit. Dies könnte eine geschmeidige Überleitung zur Geschichtswissenschaft sein. Faltenwürfe sind unserer Meinung nach jedoch nicht nur an der Kante, an der - räumlich gesprochen - aufgepolsterten Auswölbung von Interesse. Nicht allein das, was sichtbar heraussticht, glänzt, sondern auch das, was zwischen zwei Falten liegt, was sich verbirgt oder verborgen wird, wenn ein Papier gefalzt, ein Rock gebauscht, eine Stirn gerunzelt, eine Schachtel gefaltet wird, schimmert und bedarf der aufmerksamen Rekonstruktion. Für manche Histori-kerinnen und Historiker gilt es gerade diese zwischen zwei Falten ver-steckten Räume aufzuspüren, zu analysieren und darzustellen. Dabei müssen sie sich wie Bildhauer, deren Können am Faltenwurf gemessen wurde, geschickt anstellen. Dieser Band, der zugleich Festschrift für Regina Schulte ist, versammelt viele dieser Historiker. Die Beiträge, die sich zumeist auf Miniaturen konzentrieren, suchen nach versteckten Details und nach vermeintlich Marginalem. Wie durch ein Schlüsselloch geben sie den Blick frei auf ungewöhnliche Alltagsszenen, auf Einzelheiten im Herrschaftsgebaren, auf unerwartete Machtkonstellationen und neu zu deutende Beziehungsgefüge. In und hinter den "Falten" der Geschichte entdecken sie Frauen und Männer, Arbeiter, Bürgerinnen und Adelige, Kinder und Erwachsene, mit jeweils eigenen Strategien und eigensinnigen Handlungsweisen. Die Konzentration auf die Miniatur und das Vergnügen am Erzählen und Erzählten, das die Polyphonie der Stimmen aufrechterhält, lassen ein vielschichtiges Geschichts- und Menschenbild entstehen - jenseits der sogenannten master narratives. Diese Perspektive hält die Beiträge zusammen. Wir gaben keinen thematischen oder zeitlichen Schwerpunkt vor, als wir die Beiträge sammelten. Die Autoren und Autorinnen wurden allerdings gebeten, über etwas zu schreiben, das sie mit Regina Schultes wissenschaftlicher Arbeit verbindet. Die thematische und zeitliche Spanne der Beiträge veranschaulicht die enorme Produktivität, die Regina Schultes beharrliches Befragen von Subjektivität in historischen Strukturen bei ihren Kollegen, Kolleginnen und Schülern auslöst. Regina Schulte ist eine Meisterin der Entfaltung. Nur selten gibt sie sich mit dem Offensichtlichen zufrieden. Sie sucht die "Orte der Einschließung und des Verbergens" auf, sie recherchiert die Gründe für zerbrechende Ordnungen im Recht, in den Normen, Handlungsweisen und in den Psychen der Menschen. Regina Schulte betrachtet Menschen an den vermeintlichen Rändern der Geschichte. Seit den Anfängen ihrer historischen Forschungen holt sie Prostituierte und Dienstmädchen, Kindsmörderinnen, Bauern und Brandstifter aus dem Schatten der Geschichtsschreibung und verleiht ihnen Subjektstatus. Schon früh schrieb sie Frauengeschichte ohne Positivismus und Konservierungsgeist. Sie liefert unerwartete Interpretationen und nimmt neue Perspektiven ein, wobei sie ein besonderes Gespür für die Komplexität der - mitunter die Grenzen des Erträglichen sprengenden - menschlichen Psyche zeigt. Die Menschen, auf die sie das Augenmerk lenkt, sprechen, handeln, sie leisten Widerstand, sie scheitern. Es sind allerdings niemals Aufdeckungsgeschichten einer vermeintlich verloren gegangenen Welt: Immer erwachsen die Subjekte aus ihrem sorgfältig rekonstruierten Kontext und in Auseinandersetzung mit denjenigen, die mit Macht und Herrschaft ausgestattet sind. In den Reibungen mit dem "Zentrum" konstituieren sich die Menschen als Subjekte der Geschichte, sie haben ihre eigene Strategie, ihre Sprache und ihre Handlungsweisen. Deshalb sind Regina Schultes Untersuchungen auch immer Analysen von Herrschaftsverhältnissen, ohne diese jedoch als übermächtig zu beschreiben. Denn die duale Konstruktion vom machtvollen Zentrum und den machtlosen margins gerät immer wieder ins Wanken, sie verschiebt sich oder löst sich auf. Nicht jedes eigensinnige Handeln gerät zum Widerstand. Dass sich Macht nicht nur in einer dichotomen "Oben-unten"-Struktur äußert, zeigen Regina Schultes Untersuchungen zu Müttern und ihren Kindern, ob es sich nun um Königinnen oder um Künstlerinnen handelt. Maria Theresia und Käthe Kollwitz geben beide ihre Kinder preis. Das Zentrum der Macht stell…
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