Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
28.02.2015
Nach 1933 wurden zahllose Akademiker vertrieben, die gezwungen waren, im Exil beruflich wieder Fuß zu fassen. Berühmte wie Unbekannte waren dabei auf Hilfe von Einheimischen angewiesen. Neben Fallstudien deutschsprachiger Sozialwissenschaftler - Gustav Ichheiser, Paul F. Lazarsfeld, Joseph A. Schumpeter und Edgar Zilsel - analysiert Christian Fleck auch die Arbeit und Wirkung der in London und New York errichteten Flüchtlingshilfskomitees für Akademiker. Erstmals genutzte Archivbestände erlauben es, ein facettenreiches Bild dieser selbstlosen Hilfe für geflüchtete Wissenschaftler zu zeichnen.
»Die Studie Etablierung in der Fremde des Grazer Soziologen Christian Fleck wird künftig zu den wenigen Standardwerken zählen, die in der bisherigen Exil-Forschung vorgelegt wurden.«, literaturkritik.de, 30.11.2015 "In seiner stimmig konzipierten Studie gibt der österreichische Soziologe tiefe Einblicke in die institutionalisierte Hilfe für die nach Amerika ausgewanderten Wissenschaftler. Darüber hinaus erzählt Fleck auch die Geschichten jener Wissenschaftler, die anders als die Biografien berühmter emigrierter Forscher bisher wenig bekannt sind." Anne-Kathrin Weber Moderator:, Andruck - Das Magazin für politische Literatur, 02.03.2015 »Flecks Studie liefert einen wichtigen Teil zur Exil-Forschung. [] Die Fülle an Informationen ist systematisch aufgearbeitet und der Autor baut regelmäßig Resümees ein und zieht Schlüsse aus den dargestellten Informationen.« Miriam Rothe, socialnet.de, 15.12.2016
Autorentext
Christian Fleck lehrt Soziologie an der Universität Graz. Er war Fellow an der Harvard University (USA) und am Center for Scholars and Writers der New York Public Library sowie Gründungsdirektor des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich (AGSÖ), Präsident des Research Committee Geschichte der Soziologie der International Sociological Association (ISA) und von 2005 bis 2009 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS).
Leseprobe
Einleitung
Am 14. April 1933 berichtete die New York Times auf ihrer Titelseite unter dem Titel "Prussia dismisses Jewish Educators" darüber, dass die neue Regierung keine Zeit verliere, ein jüngst verkündetes Gesetz umzusetzen, wonach "Personen jüdischer Abstammung und Marxisten aus dem Beamtendienst zu entfernen seien"; "3 Marxist professors", heißt es im Untertitel, seien unter den ersten 16 Entlassenen. Der preußische Erziehungsminister Rust habe die Entlassung von Universitätsprofessoren angeordnet, von denen 13 jüdischer Abstammung seien. Der drahtlos übermittelte Exklusivbericht aus Berlin zählt dann fast alle Namen der Entlassenen auf:
"Dr. Kelsen of Cologne, Hermann Heller and Dr. Sinzheimer of Frankfurt-am-Main and Dr. Mark of Breslau; four economists, Emil Lederer and Moritz J. Bonn of Berlin, Dr. Loewe of Frankfurt-am-Main and Dr. Feiler of Koenigsberg; two professors of law, Dr. Kantorowicz of Kiel and Dr. Cohn of Breslau; two members of the Bonn medical faculty, Dr. Loewenstein and Dr. Alfred Kantorowicz, and two geologists, Dr. Gunther Nehm of Halle and Dr. Tillich of Frankfurt. The best known of them is probably Dr. Bonn, a disciple of Professor Hugo Brentano and a champion of economic liberalism. [] The educators outest today were known objectors to the new regime. All other professors will be requested to answer a questionnaire on their political beliefs."
Dieser Artikel ist mehrfach bemerkenswert. Journalistisch, nicht nur ob der in dieser Zeitung sonst seltenen Fehler und der eigenwilligen Nennung von Vornamen und Titeln (war für die beiden restlichen kein Platz mehr oder waren sie dem Berichterstatter aus Berlin nicht bekannt?), sondern auch, weil die im Untertitel genannten Marxisten rätselhafterweise im Text nicht mehr auftauchen - hat da jemand in der New Yorker Redaktion etwas gekürzt oder hinzugefügt? Historisch, weil der Artikel überhaupt und in dieser Detailliertheit, noch dazu auf der ersten Seite erschienen ist. Doch woher bezog der Autor überhaupt sein Wissen? Wurden die Entlassungen auf einer Pressekonferenz verkündet oder per Presseagentur mitgeteilt? Ja, es gab, wie man in William L. Shirers Buch nachlesen kann, Pressekonferenzen, doch ob diese Entlassungen bei einer solchen Gelegenheit kundgemacht wurden, ist unbekannt. Aus zeitlicher Distanz schließlich, weil die 14 angeführten Namen durchaus nicht zu den ersten gehören, die heute jemand nennen würde, der einige Namen der von den Nazis vertriebenen Wissenschaftler aufzuzählen aufgefordert würde; selbst in den Disziplinen, die in dem Bericht hervorgehoben werden, tauchten vermutlich andere Namen eher auf.
Über kaum eine Epoche meinen interessierte Nachgeborene besser Bescheid zu wissen als über jene der Nazi-Herrschaft. Das gilt mittlerweile auch für die Wissenschaften, die lange Zeit zu den zurückhaltend bearbeiteten Feldern zählten. Nahezu jede Universität des ehemaligen Herrschaftsbereichs der Nazis hat sich mittlerweile in Form von Veranstaltungen und Publikationen mit diesem Thema auseinandergesetzt und sich dabei auch jener erinnert, die an der Fortsetzung ihres Studiums oder an der Weiterführung ihrer Forscherlebens gehindert wurden. Preise, Institute, Gebäude tragen die Namen derer, die damals ausgegrenzt, benachteiligt und vertrieben oder ermordet wurden. Die Erinnerungskultur hat sie an den früheren Orten ihres Wirkens symbolisch wieder ins Recht gesetzt. So sehr das zutrifft, kann man - an den zitierten Zeitungsbericht anschließend - doch einige Aspekte benennen, die vergleichsweise weniger Beachtung gefunden haben: Was wurde aus jenen, die der Möglichkeit beraubt wurden, ihre bis dahin eingeschlagenen Lebenswege dort fortzusetzen, wo sie sie begonnen hatten? Wohin gingen diejenigen von ihnen, die den Schergen des Regimes entkamen? Wer und was half ihnen, in der unvertrauten Umgebung Fuß zu fassen? In Biografien, die eher über Berühmtheiten als gewöhnliche Wissenschaftler geschrieben wurden, und in einigen wenigen Darstellungen kleinerer Gruppen Gleichgesinnter können wir Antworten suchen; Nachschlagewerke, in denen die Lebensstationen weniger Prominenter verzeichnet sind, können wir konsultieren und das Internet offeriert uns heute in Form von Wikipedia und Ähnlichem eine schier unglaubliche Vielzahl an Einträgen über Personen, über die man noch vor wenigen Jahren kaum in der Lage war, auch nur biografische Eckdaten in Erfahrung zu bringen. Wie bei einem vielteiligen Puzzle ist es aber auch hier ein weiter Weg, bis das angestrebte Bild sich abzuzeichnen beginnt.
Um Fragen wie die eben formulierten geht es in diesem Buch, das sich dem Thema allerdings nicht in der ganzen Breite widmen wird, sondern eine zentrale Problemstellung untersuchen will, die als Etablierungsprozess in der Fremde bezeichnet wird. In den Jahren nach 1933 verließen mehrere Zehntausend Personen, die universitäre Bildungsabschlüsse besaßen oder zumindest ein Universitätsstudium begonnen hatten, den expandierenden Nazi-Herrschaftsbereich; wie viele es waren, wird sich genau nie feststellen lassen, weil diese Personengruppe sehr heterogen zusammengesetzt war, weil einige, die ihr beim Weggang aus Europa noch zuzurechnen waren, sich in der Fremde anderen Berufen zuwandten, und andere, die vor der Vertreibung noch nicht diesen Berufen nachgingen, hinzukamen. Fast alle gingen, weil sie gehen mussten, weil ihnen die Studienberechtigung entzogen worden war, sie entlassen worden waren oder ahnungsvoll das Weite suchten, solange das noch möglich war. Eine Minderheit der vertriebenen Bildungsbürger war zum Zeitpunkt ihrer Flucht, Emigration, Auswanderung oder des formellen Landesverweises ihren jeweiligen Fachkollegen im Ausland bekannt - ein Bericht der New York Times über die geplante Eröffnung einer "University in Exile" in New York, an der "fifteen Jewish and liberal professors recently ousted from German universities" beschäftigt werden sollten, erwähnte im Zus…
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