Verletzte Identitäten

Verletzte Identitäten

Einband:
Paperback
EAN:
9783593501871
Genre:
Politische Soziologie
Autor:
Ana Mijic
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.10.2014

Seit der Unterzeichnung des "Allgemeinen Rahmenabkommens von Dayton über einen Frieden in Bosnien und Herzegowina" im Jahr 1995 schweigen in der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawiens die Waffen. Dennoch bestimmt seit nunmehr fast 20 Jahren ein "Nachkrieg" das Leben der Menschen. Ana Mijic zeigt, wie Serben, Kroaten und Bosniaken durch das Fortbestehen der alten Feindbilder an einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit gehindert werden. Jede Volksgruppe versucht, die eigene, durch die Konfrontation mit konkurrierenden Wahrheiten verletzte Identität zu heilen, indem sie sich beharrlich ausschließlich als Opfer von Vertreibung und Mord betrachtet.

Seit der Unterzeichnung des »Allgemeinen Rahmenabkommens von Dayton über einen Frieden in Bosnien und Herzegowina« im Jahr 1995 schweigen in der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawiens die Waffen. Dennoch bestimmt seit nunmehr fast 20 Jahren ein »Nachkrieg« das Leben der Menschen. Ana Mijic zeigt, wie Serben, Kroaten und Bosniaken durch das Fortbestehen der alten Feindbilder an einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit gehindert werden. Jede Volksgruppe versucht, die eigene, durch die Konfrontation mit konkurrierenden Wahrheiten verletzte Identität zu heilen, indem sie sich beharrlich ausschließlich als Opfer von Vertreibung und Mord betrachtet.

»Die in dieser Monographie vorliegenden Forschungen zur Selbstviktimisierung im Nachkriegsbosnien [lassen] für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen neue Blickwinkel und Facetten zu Tage treten [...], wozu vor allem die aufwändigen empirischen Analysen ihren gewichtigen Beitrag leisten.« Klaus-Jürgen Hermanik, H-Soz-Kult, 04.02.2016

Autorentext
Ana Mijic, Dr. phil., arbeitet derzeit als Lehrbeauftragte am Institut für Soziologie an der Universität Wien.

Klappentext
Seit der Unterzeichnung des »Allgemeinen Rahmenabkommens von Dayton über einen Frieden in Bosnien und Herzegowina« im Jahr 1995 schweigen in der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawiens die Waffen. Dennoch bestimmt seit nunmehr fast 20 Jahren ein »Nachkrieg« das Leben der Menschen. Ana Mijic zeigt, wie Serben, Kroaten und Bosniaken durch das Fortbestehen der alten Feindbilder an einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit gehindert werden. Jede Volksgruppe versucht, die eigene, durch die Konfrontation mit konkurrierenden Wahrheiten verletzte Identität zu heilen, indem sie sich beharrlich ausschließlich als Opfer von Vertreibung und Mord betrachtet.

Leseprobe
1. Krisen des Nachkriegs - eine Einleitung Im Juni 2009 waren in verschiedenen bosnisch-herzegowinischen Städten ganze Straßenzüge mit Plakaten zugekleistert, die das Konterfei von Radovan Karadi? zeigten und die Aufschrift trugen: "Wir glauben, dass Du nicht schuldig bist. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Präsident!" . Der Name Radovan Karadi? ist für viele Menschen, auch außerhalb der Region, untrennbar verbunden mit grauenhaften Verbrechen, die während des Krieges (1992-1995) in der ehemaligen Teilrepublik der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) begangen wurden. Zu dieser Zeit war Karadi? der Präsident der so genannten serbischen Republik in Bosnien-Herzegowina. Im Jahre 1996 sprach das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag, das ICTY (The International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia) einen Haftbefehl gegen ihn aus. Die Anklage: Er soll während seiner Amtszeit Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit befohlen haben und dabei unter anderem für den Genozid in Srebrenica verantwortlich sein. Zwölf Jahre nach Erhebung der Anklage, im Juli 2008, wurde Karadi? in Serbien verhaftet und wenige Tage später an das Haager Tribunal überstellt. Die Plakate wurden von Mitgliedern der serbisch-nationalen Gruppierung Izbor je na (Wir haben die Wahl) verbreitet, die sich unter anderem für die Unabhängigkeit der Republika Srpska - der serbisch dominierten Entität in Bosnien-Herzegowina - einsetzten. Der damalige Vorsitzende der Gruppierung gab gegenüber der Internationalen Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch eine Erklärung zu der Aktion ab: "In this way we are showing that we have not forgotten the person who deserves the credit for establishment of Republika Srpska and defense of the Serbian people. We have undertaken this action in order to show that we have not forgotten him. We wished him a happy birthday, which is a civilized act. We are hoping that Radovan Karadi? will be glad to see this [] Radovan Karadi? is a political visionary, humanist and peacemaker. He fights for the truth. So, help us god, the Hague Tribunal will render a verdict of not guilty after it sees the evidence he presents." (BIRN BiH - Balkan Investigating Reporting Network 2009) Während sowohl die internationale Politik als auch die anderen Bosnierinnen und Bosnier die Festnahme und die Auslieferung Karadi?s an das ICTY feiern, kommt es vor allem in Belgrad und in Banja Luka zu mitunter gewaltsamen serbischen Protesten: "Svi smo mi Radovan Karadi?." - "Wir alle sind Radovan Karadi?." steht auf den Plakaten der serbischen Demonstranten zu lesen. Nachdrücklich verdeutlichen diese Worte die ausgeprägte Identifikation der Menschen mit dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher. "So lange ich lebe, soll mir bloß niemand erzählen, dass Radovan Karadi? und Radko Mladi? Verbrecher sind." (Martens 2012) - dies sind nicht etwa die Worte eines Demonstranten. Medienberichten zufolge handelt es sich hierbei um ein im Jahre 2007 geäußertes Statement des 2012 gewählten serbischen Präsidenten Tomislav Nikoli?. In seiner Rolle als Staatsoberhaupt Serbiens plädierte er im Herbst 2012 dafür, Radovan Karadi? und Ratko Mladi? so lange als unschuldig zu betrachten, bis vom Gericht das Gegenteil bewiesen werde. Diese Aufforderung, die Unschuldsvermutung zu respektieren, entspricht im Kern einem zentralen Prinzip der Rechtsstaatlichkeit. Und gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass sie irritiert; nicht nur jene, denen während des Krieges großes Leid durch serbische Gewaltakte zugefügt wurde, sondern auch eine interessierte internationale Öffentlichkeit mit ihrem je eigenen Wissen darüber, was geschah, mit ihrer je eigenen Wirklichkeit. Ein strukturell ähnlich gelagerter Fall findet sich auch auf kroatischer Seite. Am 15. April 2011 wurde der ehemalige kroatische General Ante Gotovina vom Haager Tribunal zu 24 Jahren Haft verurteilt. Die Anklagepunkte gegen Gotovina umfassten unter anderem Vertreibung, Deportation und Mord von Serbinnen und Serben als Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zuge der militärischen Aktion Oluja (Operation Sturm) im August 1995. Von den deutschen Medien kaum beachtet - in Österreich war der Fall medial weitaus präsenter - protestierten nach der Urteilsverkündung durch das Tribunal weltweit zehntausende Kroaten. In Tränen aufgelöste Menschen, zerrissene Europaflaggen, Plakate mit Bildern des Verurteilten untertitelt mit "Heroj" (Held) sowie scheinbar grenzenloses Unverständnis waren nicht nur in verschiedenen kroatischen und bosnisch-herzegowinischen Städten zu sehen, sondern auch in Berlin, New York, Den Haag, Sydney oder Melbourne. Ein Nationalheld, eine Ikone des domovinski rat, des Vaterländischen Krieges, wurde zum Kriegsverbrecher degradiert. Und nicht nur das: Schon die Anklage Gotovinas versetzte dem kroatischen Selbstbild, demzufolge die Kroaten ausschließlich als Opfer serbischer Aggressionen und serbischer Gräueltaten zu betrachten sind, einen nachhaltigen Schlag. Der rein verteidigende Charakter ihres Krieges wurde von anderen, von außenstehenden Dritten, nicht anerkannt. Die unmittelbare Reaktion darauf war eine tiefe Ablehnung jener, von denen man sich selbst zurückgewiesen fühlte. Die kroatische Botschaft in Richtung Europäischer Union lautete nun schlicht "Nein, danke!" Im…


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