Kopftuch und Karriere

Kopftuch und Karriere

Einband:
Paperback
EAN:
9783593501963
Genre:
Sozialstrukturforschung
Autor:
Svenja Adelt
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.09.2014

Über die breit thematisierte Kopftuchdebatte hinaus untersucht Svenja Adelt die Kleidungspraktiken und Identitätskonstruktionen berufserfahrener Musliminnen, die das Kopftuch tragen. Die vielfältigen Laufbahnen und teils überraschenden Äußerungen der Frauen zeichnen ein Bild jenseits von Stereotypen. Sie enthüllen aber auch Dilemmata, mit denen sich manche Kopftuch tragende Berufstätige konfrontiert sieht und die eng mit den Ansprüchen, Zuschreibungen und Idealen von Religion und moderner Gesellschaft verbunden sind.

Autorentext
Svenja Adelt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunst und Materielle Kultur der TU Dortmund.

Leseprobe
1. Einleitung Zu Beginn meiner Beschäftigung mit dem muslimischen Kopftuch im Sommer 2006 - damals noch für die mündliche Magisterprüfung - waren die Konsequenzen der Kopftuchdebatte noch sehr präsent. Auch mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes war der Streit um das muslimische Kopftuch der Lehrerin im Klassenzimmer in den Bundesländern nicht beendet, acht hatten in der Folge entsprechende Gesetze erlassen. Als vorerst letztes Land hatte Nordrhein-Westfalen gerade im Juni 2006 ein Gesetz verabschiedet, das Lehrerinnen und Lehrern verbot, "politische [], religiöse [], weltanschauliche [] oder ähnliche äußere Bekundungen ab[zu]geben, die geeignet sind, die Neutralität des Landes gegenüber Schülerinnen und Schülern sowie Eltern oder den politischen, religiösen oder weltanschaulichen Schulfrieden zu gefährden oder zu stören." Neben dieser juristischen Auseinandersetzung, die in den Medien ein großes Echo fand, war ganz konkret etwas Neues im alltäglichen Straßenbild sichtbar geworden, das in seiner Vielfalt und besonderen Ästhetik kaum zu übersehen war. Es schien, als ob sich auf den Straßen deutscher Städte vermehrt Frauen mit dem muslimischen Kopftuch bewegten. Die teilweise auffällige Farbigkeit und besonders die sorgfältige Abstimmung von Kleidung, Accessoires und Kopftuch fielen auf. Stand bis vor einigen Jahren das muslimische Kopftuch vor allem in Verbindung mit sehr verhüllender und farblich zurückhaltender Kleidung, die nicht mit der aktuellen Mode vereinbar schien, oder dem lockerer gebundenen Kopftuch der älteren Generation, war nun eine Veränderung wahrnehmbar. Diese Veränderung ist Teil einer neuen islamischen Sichtbarkeit, die der türkischen Soziologin Nilüfer Göle zufolge nicht nur auf Kleidung beschränkt und eine Entwicklung seit Mitte der 1980er Jahre ist. Im Folgenden gehe ich kurz näher auf diese beiden ursprünglichen Auslöser meiner Forschung - die Kopftuch-Debatte und die neue Sichtbarkeit des Kopftuches in Deutschland - ein. 1.1 Vorbemerkungen Das Kopftuch - medial Das muslimische Kopftuch und seine verwandten Bekleidungsformen sind ein fester Bestandteil der deutschen Medienwelt geworden, seit die Diskussion um Lehrerinnen, die im Staatsdienst das Kopftuch tragen (wollten), in Gang gesetzt worden ist. Ihren Höhepunkt fand sie in den Jahren 2003 und 2004. Gerichtsverfahren, Proteste und Kommentare waren Themen der Berichterstattung zu einem Kleidungsstück, das in Deutschland als ausschließlich weiblich konnotiert wahrgenommen wird, obwohl es durchaus das Phänomen der männlichen Kopf- bzw. Gesichtsverschleierung gibt. Dies ist ein erster Hinweis auf die Einseitigkeit der Debatte, wie sie Gabriele Mentges 2005 hervorgehoben hat. Mentges hat darauf hingewiesen, dass der starke Fokus der Kopftuchdebatte auf die "religiös-politische Bedeutungsdimension" für eine "Blickverkürzung" gesorgt hat und die zusätzliche Beleuchtung historischer und interkultureller Aspekte dies hätte verhindern können. In den Gesprächen mit Gabriele Mentges nahmen die vielen Facetten der Diskussion um das Kopftuch eine konkretere Gestalt an; besonders kulturanthropologische, historische, ästhetische und gesellschaftswissenschaftliche aber auch juristische Aspekte wurden neben den politischen und religiösen diskutiert. So zeigt sich nicht nur an dem konkreten, materiellen Kopftuch an sich, sondern auch am virtuellen, debattierten Kopftuch eine große Vielfalt von Formen, Perspektiven, Deutungen und Hintergründen. Neben der von Mentges benannten "Blickverkürzung", kann als weiteres Defizit eine gewisse Subjektlosigkeit der Debatte benannt werden; so stellt die Kulturwissenschaftlerin Indre Monjezi Brown fest: "Bei der Analyse der Kopftuchdebatte in Deutschland fällt auf, dass viel über Musliminnen, jedoch wenig mit ihnen geredet wird." Immer wieder berichteten und berichten Medien über neue Kopftuchkonflikte in unterschiedlichen Berufsfeldern oder die Situation muslimischer Frauen weltweit. Die mediale Berichterstattung und, wie die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Schirin Amir-Moazami betont, besonders die Wortmeldungen der Kopftuchgegner in Deutschland wie auch Frankreich zeigten allerdings ein großes Defizit in Bezug auf das Subjekt der Debatte an sich, die Frauen, die das muslimisches Kopftuch tragen. Denn sie selbst schienen selten zu Wort zu kommen, wie Amir-Moazami 1999 schreibt: "Bemerkenswert ist die soziologische Distanz der federführenden Autoren. Sie verwarfen das Kopftuch nicht etwa unter Berufung auf eine empirische Realität, deren Zeugen sie geworden waren. Ihre Diskurse zeichnen sich vor allem durch mangelnden Kontakt zu den Subjekten aus, über die sie schrieben." Ein Jahr zuvor hatte Elisabeth Özdalga hierauf für die Türkei hingewiesen und noch 2002 bemängelte Katherine Bullock dies für die Debatte in Kanada. Bettina Pinzl wies dieses Defizit in einer quantitativen Untersuchung von Printmedien in Deutschland 2006 schließlich empirisch nach. So stand schon zu Beginn der Recherchen für diese Forschungsarbeit fest, dass die Akteurinnen selbst zu Wort kommen sollten, zumal die Untersuchungen von Yasemin Karaka?o?lu-Ayd?n und Sigrid Nökel eine relative gute Zugänglichkeit erwarten ließen. Das Forschungsfeld zwischen Kleidung und Berufstätigkeit ergab sich schließlich aus dem Forschungsstand und eigenen Beobachtungen, die meiner textilwissenschaftlich-soziologischen Perspektive geschuldet sind. So zeigte der damalige Forschungsstand, wiederum besonders die Untersuchungen von Nökel und Karaka?o?lu-Ayd?n ebenso wie diejenige von Göle, dass sich das moderne islamische Kopftuch und ein Interesse für höhere Bildung und qualifizierte Berufstätigkeit keinesfalls ausschließen, sondern dass durchaus Zusammenhänge auszumachen sind. Der Forschungsstand ließ sogar das Ideal einer hochgebildeten und gleichzeitig tiefreligiösen Muslimin vermuten. Das Kopftuch - visuell Bedeutender noch als die mediale Debatte waren für mich allerdings die visuellen Eindrücke zu Beginn meiner Beschäftigung mit dem Phänomen Kopftuch. Es waren die vermehrt sichtbaren jungen muslimischen Frauen und Mädchen, die Religion und Mode anscheinend in Einklang bringen wollten. Harmonische Arrangements ebenso wie auffallende Paradoxien waren gleichermaßen sichtbar: Bunte Seidentücher, die in auffälliger Weise gesteckt waren, kurze Röcke und Kleidchen, die über Jeans getragen wurden, oder Rollkragenpullover, die Trägerkleider sozusagen entschärften, indem sie die Haut verdeckten. Die damalige modische Wiederbelebung der Tunika kombiniert mit langen Hosen ist ein Ensemble, das sowohl bei muslimischen als auch nichtmuslimischen Frauen beliebt war und ist. Sie zeichnete die Grenzen zwischen religiös motivierter und modischer Kleidung weicher und so erschien der Gegensatz zwischen islamischer Kleidung und westlicher Mode nicht mehr so rigide. In diesem Zeitraum entstand auch ein Forschungsstand zu islamischer Mode, der relativ schnell an Umfang zunahm. Diese Forschungen beleuchten das Zusammenspiel von Mode und Vorstellungen über islamische Kleidung in verschiedenen Teilen der Welt. Sowohl in islamischen, als auch in nichtislamischen Gesellschaften und Kulturen wurde die Verbindung von Islam und Mode Forschungsthema. Das Kopftuch, die Kleidung und der Beruf Zwischen Kopftuchdebatte und islamischer Mode gr…


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