Einband:
Kartonierter Einband
Genre:
Sonstige Soziologie-Bücher
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.11.2014
Von religiös-devoten Formen wie den Marien- oder Ahnenkulten bis hin zur frenetischen Hingabe an die Genies der Kulturindustrie - im Verehren erfährt sich das Subjekt in der Beziehung zu einem unerreichbaren "Höheren" selbst. Veronika Zink erschließt die Kulturbedeutung des Verehrens anhand des Bereichs der populären Religion und der Popkultur. Sie zeigt, dass wir es hier mit einem äußerst prekären Gefühl zu tun haben. Denn in der Verehrung entsteht ein ungleiches Machtgefüge, das sich zwischen einem Höchstmaß an Verzauberung und devoter Selbstentfremdung bewegt.
Leseprobe
1. Einleitung "Annie are you OK?" (Michael Jackson, Smooth Criminal ) Annie ist ohnmächtig. Überwältigt von einer mysteriösen Macht, verweilt sie in einem uneindeutigen Zustand. Was hat sich hier nur zugetragen? Wurde sie niedergeschlagen? Hat ihr ein skrupelloser Gauner Gewalt angetan? Entrückt verharrt sie befangen in dieser prekären Lage. Wir befinden uns am Schauplatz eines Verbrechens und weder die psychisch abwesende Annie noch der physisch abwesende Täter können uns über den Vorfall und dessen Gründe aufklären. Die Situation ist diffus. Wir tappen im Dunkeln und suchen nach Indizien, die uns helfen mögen, diese Begebenheit zu verstehen. Die unablässigen Nachfragen des Betrachters, ob Annie denn in Ordnung sei, bleiben notwendigerweise unbe-antwortet, befindet sie sich doch gerade in einem Zustand, dessen Deutung dem nach Erklärung suchenden Dritten versagt bleibt: Weder ein beruhigendes Ja noch ein alarmierendes Nein bringen Klarheit in die Situation. Diese Unklarheit scheint für den Außenseiter kaum erträglich. Sie zwingt diesen den vorgefundenen Zustand deutend zu klären, um ihn zu begreifen, und dies ohne auf Hinweise der Betroffenen selbst hoffen zu dürfen. Die Versuche des Beobachters, diesen unerklärlichen Zustand eindeutig zu rahmen, sollen das Ungewisse abschließend definieren: So erklärt dieser, dass Annie zum Opfer eines Smooth Criminal wurde. Aber selbst diese Erklärung scheint fraglich und droht in ihrer vermeintlichen Klarheit permanent zu kippen - in welche Richtung, bleibt hingegen ungewiss, wird sie doch im Verlauf der Interpretation vom Deutenden selbst immer wieder in Zweifel gezogen und kann nur noch mit einem wiederkehrenden "I don't know!" beantwortet werden. Was bleibt: Annie muss behandelt werden. Wechseln wir die Perspektive und verlassen den Liedtext zugunsten einer Konzertsituation, innerhalb derer Michael Jackson eben dieses oder ein anderes Lied darbietet, so sehen wir uns mit einem ähnlichen Szenario konfrontiert. Die Bilder von frenetisch jubelnden Anhängern, die ihren Star huldigend zu ergreifen suchen, sind medial omnipräsent: eine rauschhaft ehrfürchtige Begeisterung, die ihren Ausdruck ebenso in Ausrufen und Schreien wie im Weinen findet, die die anhimmelnden Rezipienten aufgrund der Nähe zu dieser begehrten Ausnahmeerscheinung in die Knie zwingt und die bisweilen zu einer kurzzeitigen Ohnmacht im Angesicht des Idols führt. Wie fällt in diesem Zusammenhang nun unsere Deutung dieser Gefühlsausbrüche und Zusammenbrüche aus? Hat auch hier - wie im Liedtext - ein durchtriebener Krimineller Besitz von den sich aufopfernden Subjekten ergriffen oder wurden diese vielmehr von einer verehrenswerten Macht in Begeisterung versetzt? Von der Position des beobachtenden Außen lässt sich dies nicht klar entscheiden, handelt es sich ja - in beiden Fällen - gerade um eine emotionale Erfahrung, die in ihrer prekären Ambivalenz einen Freiraum der Deutungen offeriert. Gefühlslagen, die in derartig eruptiven Gebärden wie der Ohnmacht oder dem Weinen ihren Ausdruck finden, markieren eine grenzüberschreitende Erfahrung von etwas Außerordentlichem, das den gewohnten Gang der alltäglichen und routinierten Ordnung zumindest punktuell suspendiert und in Frage stellt (Plessner 2003). Die Erfahrung einer beängstigenden oder faszinierenden Erscheinung versetzt das Subjekt in einen außerge-wöhnlichen Zustand. Es handelt sich hierbei immer um die Erfahrung einer Macht, die dem diese Macht erfahrenden Subjekt alle Möglichkeiten der sicheren, klassifikatorischen Deutung entzieht. Die Erfahrung des Außerordentlichen sprengt und transzendiert die Binarität eines definitorischen Entweder-Oder und führt die Möglichkeit eines Dritten vor Augen, welches zwischen den vermeintlich eindeutigen Polen Verehrenswert/ Abscheulich oszilliert. Indem unsere gewöhnlichen, regelgeleiteten und ordnenden Kategorisierungen vor dem Außerordentlichen und Außeralltäglichen versagen, bilden diese Phänomene vorerst unentscheidbare soziokulturelle "Zwischenlagen" (Giesen 2010), welche im Sinne eines irritativen, "unverzichtbaren Dritten" (ebd.: 9) ein grundlegendes Element für den Aufbau der Alltagswirklichkeit darstellen (Turner 2005). Die Be-deutung dieser Phänomene der Außeralltäglichkeit offenbart sich uns dann, wenn wir verstehen, dass die Logik der sozialen Wirklichkeit auf strukturierenden Klassifikationen basiert, die es uns erlauben, die unterschiedlichsten Phänomene unserer alltäglichen Lebenswelt in ihren Gemeinsamkeiten wie in ihren Unstimmigkeiten zu kategorisieren. Die Bedeutung einer Sache, einer Handlung, einer Situation oder eben eines Gefühlszustandes kann für uns nur dann ausreichend abgeschätzt und eingegrenzt werden, wenn wir diese in Bezug zu bereits bekannten und miteinander verwandten Phänomenen setzen und vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Kontrastfolien verstehen. Was also, wenn etwas in seiner Außeralltäglichkeit als unklassifizierbar erscheint? In Anbetracht der oben dargelegten Anomalien scheint weder die kontrastive Grenzziehung noch die Darlegung der Familiarität dieser Erfahrungen hilfreich, um diese in ihrer Bedeutung zu fixieren. Das Unbekannte, Unklassifizierbare und Ungewisse ist als solches unaushaltbar und wird für uns erst dann erträglich, wenn es entweder zu einem unwichtigen Rest deklassiert oder aber den herkömmlichen Ord-nungsschemata untergeordnet wird; also als ein Phänomen des Ordentlichen beziehungsweise des Unordentlichen charakterisiert wird. Trotz ihrer Uneindeutigkeit können die erwähnten Gemütszustände insofern nicht ungedeutet bleiben. Vielmehr gründet gerade in der potenziellen Mehrdeutigkeit und Unfassbarkeit dieser Situationen ein "Zwang zur Deutung" (Soeffner 2010: 21). Innerhalb des gegebenen kulturellen Rahmens tendieren die Auslegungen dieser exaltierten Zustände entweder dazu als Furcht oder als Verehrung interpretiert zu werden. Erst unser Versuch der Beurteilung, ob sich die Außeralltäglichkeit dieser entrückenden Ohnmachts-szenen im Angesicht einer beängstigenden und verachtenswerten Mächtigkeit oder aufgrund einer beglückenden und verehrenswerten Macht einstellt, vermag es, Ordnung in die Klassifikation dieser emotionalen Aus-nahmemomente zu bringen - wenngleich das Gefühl selbst von dieser prekären und substantiellen Ambivalenz eines Ehr-fürchtig-Seins weiterhin gekennzeichnet bleibt. Die Konfrontation mit dem Außerordentlichen drängt uns, dieses in bestehende Ordnungsgefüge einzubetten und den Vorfall zu klären, wenngleich die anfängliche Ambivalenz trotz unserer Ordnungsbemühungen nie gänzlich ausgeräumt werden kann. Mehr noch: Selbst dieser vermeintlich eindeutigen Klärung der Situation obliegt, wie oben bereits gezeigt, immer ein grundsätzlicher Verdacht, ob sich die vorgenommene Klassifikation als haltbar erweist. Wenn man eine derartige Szene zum Beispiel als Ausdruck einer entzückten Begeisterung durch eine fremde Macht zu deuten versuchen würde, der sich das begeisterte Subjekt in einer Art Selbstüberschreitung hingibt, bliebe sie immer noch unsicher. Sie bliebe unsicher, weil doch auch an dieser Stelle unklar ist, ob es sich hierbei wirklich um eine erfüllende Selbstüberschreitung zugunsten einer verehrten Figur oder nicht vielmehr um einen zweifelhaften Selbstverlust im Angesicht dieser übermächtigen Gestalt handele. Trotz der beständigen Versuche der eindeutigen Definition drohen die Klassifik…
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