Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Autor:
Christiane Funken, Jan-Christoph Rogge, Sinje Hörlin
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
28.02.2015
Wirtschaft und Wissenschaft sind einem massiven Wandel unterworfen. In beiden Feldern sind die Akteure heute gefordert, ihre Arbeit als Berufung zu erleben, sie zum Teil ihrer Identität zu machen. Oft genug erweist sich diese Forderung jedoch als unvereinbar mit den herrschenden Arbeits- und Karrierebedingungen. Leitbilder und Strukturen passen nicht zusammen. In diesem Buch wird anschaulich und erstmals systematisch vergleichend herausgearbeitet, wie die Beschäftigten in den beiden Feldern auf die widersprüchlichen Karriereanforderungen in der gegenwärtigen Arbeitswelt reagieren und welche Ressourcen ihnen dabei helfen.
Autorentext
Christiane Funken ist Professorin für Kommunikations-und Mediensoziologie am Institut für Soziologie der TU Berlin. Sinje Hörlin, M.A., ist wiss. Mitarbeiterin und Jan-Christoph Rogge, M.A., wiss. Mitarbeiter im Projekt »Generation 35plus. Aufstieg oder Ausstieg? Hochqualifizierte und Führungskräfte in Wirtschaft und Wissenschaft«.
Leseprobe
1 Einleitung - Turbulente Zeiten
Gegenwartsdiagnosen, zumal soziologische, können sich heute zumindest auf eines einigen: Wir leben in turbulenten Zeiten. In der Rückschau werden die drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Gesellschaften im Allgemeinen und in der deutschen im Besonderen oftmals als Hort der Stabilität und der ökonomischen Prosperität portraitiert. Spätestens seit den frühen 1990er Jahren scheint aber einiges durcheinandergeraten zu sein, alte Gewissheiten lösen sich auf und der Wandel nimmt Fahrt auf, ohne bis heute zum Stehen gekommen zu sein. In so gut wie allen Berichten über den gegenwärtig zu beobachtenden Wandel wird ein Gegensatz zwischen einem ruhigen, geordneten und manchmal sogar "glorreichen" (Bauman 2003: 25) Früher und einem unsicher und unübersichtlich gewordenen und werdenden Jetzt aufgespannt.
Eine vor allem in den 1980er und 1990er Jahren beliebte Art der Formulierung von Gegenwartsdiagnosen ist, den diagnostizierten (oder prognostizierten) Wandel als so grundlegend einzustufen, dass die ganze Gesellschaft oder das jeweilige Zeitalter ein neues Label verdient. Beispiele dafür sind die "Wissensgesellschaft" (zum Beispiel Stehr 1994), die "Netzwerkgesellschaft" (Castells 1996), die "Risikogesellschaft" (Beck 1986), die "Erlebnisgesellschaft" (Schulze 1993), die "Inszenierungsgesellschaft" (Willems 1998), die "Audit Society" (Power 1997) oder die "flüchtige Moderne" (Bauman 2003). Eine zweite Variante, den Wandel auf den Punkt zu bringen, ist die Formulierung von Prozessbegriffen. So ist etwa von einer "Subjektivierung von Arbeit", von "Vermarktlichung", "Prekarisierung", "De-Institutionalisierung" und "Beschleunigung" (Rosa 2005), von der "Ökonomisierung" zuvor nicht-wirtschaftlich organisierter Gesellschaftsbereiche oder gleich der ganzen Gesellschaft (vgl. Schimank/Volkmann 2008), aber auch von der "Verwissenschaftlichung der Gesellschaft" (Weingart 2001: 18) die Rede. Eine dritte Variante stellt die Leitbilder und Anrufungen, denen die Subjekte in der Spätmoderne ausgesetzt sind, ins Zentrum ihrer Analysen: Während Ulrich Bröckling (2007) vom "unternehmerischen Selbst" als dem kategorischen Imperativ der Gegenwart spricht, identifiziert Andreas Reckwitz (2012: 9 und 10) eine "Unvermeidlichkeit des Kreativen" und "eine Dopplung von Kreativitätswunsch und Kreativitätsimperativ, von subjektivem Begehren und sozialer Erwartung". Lässt man diese lange nicht erschöpfende Aufzählung von Gegenwartsdiagnosen Revue passieren und liest sie nicht als ein "entweder-oder", sondern als ein "sowohl-als-auch" (vgl. Volkmann/Schimank 2002: 8), dann wird schnell klar: Die Turbulenz resultiert nicht nur daraus, dass der Wandel Neues hervorbringt, sondern auch und vor allem aus der Vielgestaltigkeit des Neuen. Dabei kommt es zu mannigfaltigen und komplexen Überlagerungen, zu Widersprüchlichkeiten und Verwerfungen. Alte Strukturen und Leitbilder prallen auf neue Muster und verschiedene Teilprozesse des Wandels konfligieren miteinander.
Ausgehend von diesem Befund interessieren wir uns für den vielgestaltigen Wandel der Arbeitswelt und dessen Einfluss auf die Karrieren der Beschäftigten in Wirtschaft und Wissenschaft. Wir wollen versuchen herauszuarbeiten, welche Aspekte des Wandels für einzelne Typen von Beschäftigten im Vordergrund stehen, an welchen Leitbildern sie sich orientieren, ob und, wenn ja, welche Widersprüche sie dabei erleben, ob und wie sie diese zu bewältigen vermögen und welche Ressourcen ihnen dabei helfen. Unsere Leitfragen sind: Welche Karriereentwürfe und -strategien verfolgen die jungen Führungskräfte und Hochqualifizierten in Wissenschaft und Wirtschaft? Welche Erfahrungen haben sie auf ihrem bisherigen Weg gemacht? Wie wirken sich diese Erfahrungen auf ihre weitere (Karriere-)Planung aus? Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Und: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich zwischen den beiden Feldern beobachten?
Der Feldvergleich erscheint uns aus mindestens zwei Gründen instruktiv für unsere Fragestellung zu sein: Zum einen, weil in der Literatur an vielen Stellen, insbesondere in der Forschung über die Wissenschaft und wissenschaftliche Karrieren, die Annäherungen und Hybridisierungen, aber auch die Kontinuitäten des jeweiligen feldspezifischen Eigensinns in Abgrenzung zu anderen Bereichen der Gesellschaft zum Thema gemacht werden. Meist geschieht das jedoch nur andeutungsweise bzw. aus der Perspektive eines der beiden Felder, vornehmlich der Wissenschaft. Ökonomisierung, Politisierung und Medialisierung der Wissenschaft sind Schlagworte, die eine Veränderung der Wissenschaft anzeigen sollen und sich, zumindest in der systemtheoretischen Terminologie von Peter Weingart (2001), auf die enger werdenden Kopplungen zwischen der Wissenschaft und anderen Funktionssystemen der Gesellschaft beziehen. Das gleiche gilt für den sogenannten neuen Modus 2 der Wissensproduktion (vgl. Gibbons u.a. 1994), der stärker als der alte, akademisch geprägte Modus 1 an die gesellschaftlichen Kontexte rückgebunden ist. Aber auch in der arbeits- und industriesoziologischen Forschung ist, zumindest implizit, viel von einer Angleichung der an die Arbeitenden gestellten Anforderungen an jene Merkmale, die ursprünglich für WissenschaftlerInnen reserviert schienen, zu lesen. Schon Daniel Bell äußerte 1973 die Hoffnung, dass die von Robert K. Merton zu einem Kanon verdichteten wissenschaftlichen Normen "zunehmend auch die Kultur der Gesellschaft insgesamt prägen würde[n]" (Baethge/Denkinger/Kadritzke 1995: 13). Der neue Typus der Wissensarbeit, den Helmut Willke (1998: 161) als das "Kernelement der Morphogenese der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft" bezeichnet, ist nur über Mechanismen zu steuern und zu kontrollieren, die traditionell im wissenschaftlichen Kontext zu finden sind, zum Beispiel soziale Normen und der Appell an die intrinsische Motivation der Beschäftigten (vgl. Wilkesmann 2005: 62-63).
Wissensarbeit ist zudem, wie wissenschaftliche Arbeit auch, stark an die Subjektivität der Arbeitenden gebunden. Nicht umsonst ist die "Subjektivierung von Arbeit" in aller Munde. Zum anderen, wir kommen zum zweiten Grund für den Feldvergleich, werden die jeweiligen Wandlungsprozesse in den beiden Feldern ganz überwiegend in Spezialdiskursen (zum Beispiel Wissenschaftsforschung oder Arbeits- und Industriesoziologie) thematisiert, die zum Teil zwar mit ähnlichen Begriffen arbeiten und ähnliche Phänomene diskutieren, jedoch nicht oder nur wenig aufeinander Bezug nehmen. Sehr deutlich wird dies am Topos der Vermarktlichung, die, wie wir noch sehen werden, in beiden Feldern zu tiefgreifenden, gleichwohl unterschiedlich gelagerten Veränderungen führt. Ein weiteres Beispiel ist das Thema Karrieren. Im Vergleich wird schnell offenbar, dass die traditionelle Karrieretheorie, die auf die hohe Bedeutung von Organisationen abhebt, mit den empirischen Befunden der wissens…
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