Adeliges Familienleben, weibliche Schreibpraxis

Adeliges Familienleben, weibliche Schreibpraxis

Einband:
Paperback
EAN:
9783593502885
Genre:
Neuzeit bis 1918
Autor:
Sheila Patel
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.04.2015

Von Liebeskummer über Hofzeremonien bis hin zu konkurrierenden Loyalitäten in Zeiten von Revolutionen die hochadelige Gräfin Maria Esterházy-Galántha, geborene Plettenberg-Mietingen (1809 1861), schrieb von ihren Jugendtagen bis kurz vor ihrem Tod Tagebücher. Anhand dieser Quellen schildert Sheila Patel das Leben der Gräfin sowie deren Wahrnehmung von sich selbst und ihrer Zeit. Sie zeigt, dass der Zugang über Schreibpraxis und Schreibstrategien sowie das Lesen der Tagebücher neue Einblicke in das Erleben und Empfinden einer adeligen Frau im 19. Jahrhundert gewinnen lässt.

Autorentext
Sheila Patel studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

Leseprobe
1. Einleitung: Adelige Schreibpraxis im 19. Jahrhundert
1.1.1825. "Des Morgens waren wir in der Kirche es war schönes Wetter aber ein abscheulicher Koth. Zum Essen kamen der Graf Feuerstein, der Baron Schmidt und der Lt. Damaslavsky. Während dem Essen kamen 3 böhmische Musikanten welche sehr hübsch spielten; und nach dem Essen tanzten wir bis es dunkel ward. Dann fuhren die Herrn weg und ich spielte den Abend Parquet und Blindekuh und Karten mit den Kindern."
37 Jahre schrieb die hochadelige Gräfin Maria Esterházy de Galántha-Forchtenstein, geborene von Plettenberg-Mietingen zu Nordkirchen Tagebücher. Darin hielt sie, wie im Neujahrseintrag von 1825, Alltagsabläufe fest, Spaziergänge, Ausritte, Lektüren, Spiele mit den Kindern, aber auch brisante politische Begegnungen und Ereignisse, vor allem am Wiener Hof. Erbstreitigkeiten und Liebeskummer zählten ebenso zu den Themen wie Kindererziehung und Hofzeremonien. Auch war die Gräfin eine gewissenhafte Buchhalterin und Archivarin ihrer Besitztümer, ihrer Möbel, der Ländereien, der Pferde usw.
Die Praxis des Tagebuchschreibens ist für adelige Frauen jener Zeit nichts Ungewöhnliches. Bis ins 17. Jahrhundert lassen sich Selbstzeugnisse dieser Art - die Einblick in den höfischen Alltag und zugleich Auskunft über Vorgänge der Selbstwahrnehmung und Selbstkonstitution des adeligen Ichs bieten - zurückverfolgen. Ungewöhnlich ist hingegen der Umfang der Tagebücher der Gräfin Maria Esterházy und die Breite der dort angesprochenen Themen. Nicht nur dokumentieren die Tagebücher das Leben der Gräfin von Jugend an bis zu ihrem Tod und decken somit einen langen Zeitraum ab, auch führte Maria mehrere Tagebücher parallel und ordnete sie zum Teil nach Themen. Die Tagebücher bieten so erkenntnisreiche Auskünfte über ihre Schreibpraxis und umso erstaunlicher ist es, dass sie in der Forschung bislang kaum beachtet wurden.
Zwar existiert zum Haus Esterházy mit seinen vielen Zweigen breite Forschungsliteratur, vor allem im Hinblick auf dessen Besitztümer sowie höfisches und kulturelles Leben oder dessen politisches Wirken. Auch ist der Stammsitz der Gräfin, Nordkirchen, im Hinblick auf Architektur und Inventar in der Forschung thematisiert worden, und zur Herkunftslinie Plettenberg-Mietingen gibt es vereinzelte Kurzportraits. Die Tagebücher jedoch fanden bislang nur nebensächlich, wie in den Fußnoten von Heinz Reif Erwähnung, und über Maria Esterházy existieren bislang - wie generell zu ihrer direkten Linie, ob nun zur Herkunftslinie oder eingeheirateten Linie, im 19. Jahrhundert - keine Arbeiten.
In dieser Studie werden die Tagebücher der Gräfin Maria Esterházy einer genaueren Betrachtung unterzogen. Dabei geht es vor allem um eine doppelte Perspektive: zum einen um die Rekonstruktion der adeligen Lebenswelt, der alltäglichen Abläufe und Erziehung der Kinder, der verwandtschaftlichen Beziehungsnetze und politischen Netzwerke, zum anderen um die Analyse der adeligen Schreibpraxis, der Schreibmuster und Schreibtradition, die Auskunft geben können über Prozesse der Selbstkonstitution, über die Erfahrungen, die die Verfasserin gemacht hat, über ihre Emotionen, die Vorstellungen von sich, die Beziehungen zu anderen und die jeweilige Zeit - aber auch über alltägliches Leben, Zeit- und Raumwahrnehmung, politische Ereignisse, Machtverhältnisse, Erziehung und vieles mehr. Denn gerade bei Selbstzeugnissen lassen sich "die Menschen in ihren Schreibpraktiken und in ihren autobiographischen Kommunikationsverhalten direkt beobachten: wie sie handeln, wie sie mit ihrer geschriebenen Person eine Ressource erzeugen, welcher Handlungsrepertoires sie sich dabei bedienen können und welche sozialen Räume ihnen dafür zur Verfügung standen." Allerdings bieten sie keinen unmittelbaren Zugang zur Person und ihren Erfahrungen und Erinnerungen. Sie sind vielmehr Interpretationen oder Übersetzungen von Leben und Erfahrung in ihrer physischen und psychischen Form in ein anderes Medium, das von Sprache und Schrift.
Mit der Frage nach der Konstitution des adeligen Selbst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewegt sich die Studie an der Schnittstelle von Adels- und Bürgertumsforschung sowie Genderforschung. Die Adelsforschung hat für lange Zeit ihre bisherigen Schwerpunkte auf die Bereiche gesetzt, in denen Frauen so gut wie ausgeschlossen waren: Politik, Besitz und Vermögen sowie Verwaltung und Militär. Mittlerweile gibt es jedoch eine Reihe von Aufsätzen und Studien, die sich mit adeligen Frauen des 19. Jahrhunderts beschäftigen. So hat Heide Wunder adelige Frauen für die Frühe Neuzeit und das 18. Jahrhundert untersucht, deren Ergebnisse auch auf das 19. Jahrhundert ausstrahlen. Auch die Frauen- und Geschlechtergeschichte bezieht adelige Frauen für das 19. Jahrhundert mittlerweile mehr und mehr ein. Vor allem die Frühe Neuzeit hat gezeigt, wie fruchtbar es sein kann, wenn man die Kategorie "Geschlecht" relational zu "Familie" und "Stand" betrachtet.
Für die vorliegende Arbeit waren folgende Studien besonders wichtig: Christa Diemels Studie, die viele Erkenntnisse zum Hofleben adeliger Frauen bietet, die als Grundlage für diese Analyse gedient haben. Der Vergleich mit Diemels Ergebnissen ermöglicht die Einordnung von Maria Esterházy innerhalb der höfischen Welt. Diemel konzentrierte sich auf den Zeitraum 1800 bis 1870, sie untersuchte die verschiedenen Rollen der Frau als Stifts-, Salon- und Hofdame und versuchte, die Koexistenz des bürgerlich geprägten Frauenbildes neben des Ideals der Guts- und Hofdame zu zeigen.
Ähnlich verhält es sich mit der Studie von Heinz Reif über den westfälischen Adel, wobei hier vor allem die Themen Heirat und Familienleben als Kontextualisierung, aber auch als Abgrenzung dienen. Reif arbeitete die adeligen Familienstrukturen im Wandel der Zeit zwischen 1770 und 1860 in Westfalen heraus und bilanzierte den Rückzug des Adels auf Kernfamilie und somit auch der Frau als Ehefrau und Mutter in Häuslichkeit und Erziehung.
Aus volkskundlicher und historisch-anthropologischer Sicht hat Britta Spies die konkrete Lebenspraxis einer niederadeligen Frau untersucht, mit dem Ziel, die isolierte Wahrnehmung des Adels als Herrschaftsstand aufzubrechen und seine Verflochtenheit mit anderen Ständen zu betrachten. Ihre Quelle sind die Tagebücher der Caroline von Lindenfels, mit welchem Spies sich im ersten Teil der Arbeit intensiv auseinandersetzt. Sie stellt die Tagebücher sowohl als allgemeine als auch als spezifische Quelle am Beispiel von Caroline von Lindenfels dar und zeigt die Schreibsituationen und -motive auf. Für die Beschreibung der Lebenswelt zieht Spies im zweiten Teil die Schreibsituationen als Analysefaktor nur selten hinzu, sodass beide Teile der dennoch interessanten Arbeit recht unverbunden nebeneinander stehen. Hier lässt sich, da auch die Tagebücher der Caroline von Lindenfels einen langen Zeitraum abdecken, nicht nur adeliges Leben - das von Caroline von Lindenfels und das von Maria Esterházy - miteinander vergleichen, sondern auch die Erfahrungen, die sie gemacht haben und über die sie berichten, die Emotionen, die im Schreiben Eingang finden sowie die Schreibpraxis an sich.
Wichtig für diese vorliegende Arbeit war auch die Diskussion über …


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