Genre:
Politik & Wirtschaft
Autor:
Gunnar Folke Schuppert
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.05.2015
Die Geschichte der Globalisierung und die Globalisierung von Staatlichkeit wird in diesem Buch als Kommunikationsgeschichte vorgestellt. Im Zentrum stehen dabei nicht die veränderten Kommunikationstechniken; vielmehr beschreibt und analysiert der Autor den politischen und kulturellen Kontext von Welterfahrung und Weltbeherrschung durch Kommunikation. Eine solche kommunikationssoziologische Perspektive auf das Phänomen der Globalisierung und seine Auswirkung auf den Staatswandel hat bisher gefehlt und schließt an Schupperts »Verflochtene Staatlichkeit « (Campus 2014) an.
Autorentext
Gunnar Folke Schuppert war Professor für neue Formen von Governance am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und ist aktuell Fellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt.
Leseprobe
Einleitung: Globalisierung durch und als Kommunikation - eine etwas andere Verflechtungsgeschichte
1. Von verflochtenen Akteuren zur Verflechtung von Räumen, Kulturen, Werten und Ideen
1.1 Verflochtene Staatlichkeit revisited
Im ersten Band unserer Globalisierungsgeschichte als Governance-Ge-schichte hatten wir nicht nur eine unglaubliche Vielfalt von Globalisie-rungsakteuren - von den Chartered Companies über Missionsgesellschaf-ten bis hin zu Transnational Corporations - sowie eine große Bandbreite von globalen Governance-Strukturen - Städtebünde, Imperien und Netz-werke - kennengelernt, sondern auch ein gemeinsames Muster zu identifi-zieren versucht, das hinter dieser bunten Globalisierungsdecke erkennbar wurde. Dieses gemeinsame Muster haben wir als verflochtene Staatlichkeit bezeichnet, ein nach unserem Verständnis zentraler Begriff, der an dieser Stelle kurz noch einmal in Erinnerung zu rufen ist.
Die Bezeichnung "verflochtene Staatlichkeit" soll den Befund auf den Begriff bringen, dass der von uns in der Globalisierungsarena beobachtete Staat eigentlich nie den Titel "Herrschaftsmonopolist" für sich beanspru-chen konnte und überwiegend auch nicht wollte. Die von ihm ausgeübte Herrschaft beruhte bei näherem Hinsehen - wofür die Governance-Brille sich als Sehhilfe außerordentlich bewährt hat - auf verflochtenen Herrschafts-strukturen, Governance-Strukturen, die nicht etwa nur für den "kooperati-ven" verhandelnden Staat der Gegenwart typisch sind (zum Verwaltungs-typus der kooperativen Verwaltung siehe Benz 1994; zum verhandelnden Staat vgl. Scharpf 1993), sondern genauso für die Herrschaftsstrukturen des Mittelalters (dazu nunmehr Esders/Schuppert 2015). Der Staat bezie-hungsweise die Regierenden haben es offenbar immer verstanden, auch andere Governance-Akteure auf das Staatsschiff zu bitten und sie nicht etwa nur als "Leichtmatrosen" zu beschäftigen, sondern an der Schiffsführung selbst zu beteiligen; diese anderen Governance-Akteure konnten lokale Machthaber, Vertreter des Geldes und der Finanzen oder Repräsentanten organisierter Religionsausübung wie etwa Missionsgesell-schaften sein.
In dem Schlusskapitel des ersten Bandes hatten wir deshalb versucht, so etwas wie eine Typologie von Verflechtungsstrukturen zu entwerfen und vor-geschlagen, vier solcher Verflechtungsstrukturen zu unterscheiden:
- Verflechtungstyp I: Verflechtungsstrukturen zwischen Staat und Kom-merz/Business
- Verflechtungstyp II: Verflechtungsstrukturen zwischen Staat und Reli-gion
- Verflechtungstyp III: imperiale Verflechtungsstrukturen sowie
- Verflechtungstyp IV: transnationale Verflechtungsstrukturen jenseits des Staates
Worum es also im ersten Band ging, war die Beschreibung und Analyse der Verflechtung von Akteuren, seien diese Personen oder auch vor allem Institutionen: es sind solche institutionellen Verflechtungen - zwischen Staat und Handelskompagnien, zwischen Staat und Banken, zwischen Staat und Kirche - die verflochtene Staatlichkeit charakterisierten und weiterhin charakterisieren. Kritiker einer solchen Verflechtung werden hierin weniger eine Verflechtungs- als eine Verstrickungsgeschichte sehen.
Aber diese institutionelle Verflechtung hatte bei näherem Hinsehen stets noch eine weitere, nämlich kommunikative Dimension, wie insbesondere das Beispiel des Kolonialismus zeigt, den man nicht nur als Welteroberung mit Waffengewalt oder durch wirtschaftliche Ausbeutung, sondern auch als ein System asymmetrischer Kommunikation beschreiben kann, weil nicht nur Land, Bodenschätze und Gewürze angeeignet werden sollten, sondern am besten - in einem Aufwasch sozusagen - auch die Seelen der Menschen.
Wie sehr institutionelle Verflechtungen im Sinne von verflochtenen Herrschaftsstrukturen auch immer durch eine kommunikative Kompo-nente geprägt waren, hatten wir schon im Schlusskapitel des ersten Bandes unter der Überschrift "Globalisierung als Missionsgeschichte" ausführlich behandelt; hieran möchten wir jetzt noch einmal anknüpfen, um so - durch einen Blick auf die von David van Reybrouck (2012) so faszinierend erzählte Geschichte des Kongo - gewissermaßen in Erzählform den Perspektivenwechsel von verflochtenen Herrschaftsstrukturen zur Verflechtungsgeschichte als Kommunikationsgeschichte "sanft" vorzubereiten.
Das erste Beispiel kulturell-kommunikativer Verflechtung ist eine kleine Geschichte aus der Zeit der ersten portugiesischen Expansion in den Kongo und die geht so:
"Doch es waren Portugiesen, die neben Leinenstoffen auch Hostien mitbrachten. Der König der Bakongo, Nzinga Kuwu, gestattete ihnen, dass sie in seinem Reich vier Missionare zurückließen, und schickte dafür vier Abgesandte mit ihren Schiffen mit. Als diese nach einigen Jahren mit wundersamen Geschichten aus dem fernen Portugal zurückkehrten, brannte der König vor Verlangen, das Geheimnis der Europäer kennenzulernen; er ließ sich 1491 taufen und nahm den Namen Don João an. Einige Jahre später kehrte er freilich enttäuscht zur Vielweiberei und Wahrsagerei zurück. Sein Sohn, Prinz Nzinga Mbemba, wurde jedoch ein tief christlicher Mann und herrschte unter seinem Taufnahmen Afonso I. vier Jahrzehnte lang über das Kongo-Reich (1506-1543). Es war eine Zeit des großen Wohlstandes und der Stabilisierung. Der Handel mit den Portugiesen bildete die Basis seiner Macht. Und als die Portugiesen Sklaven verlangten, beschaffte er sie durch Überfälle in benachbarten Gebieten. Das geschah schon von jeher, Sklaverei war ein einheimisches Phänomen, wer Macht besaß, besaß Menschen, aber seine bereitwillige Kooperation kam dem Einvernehmen mit den Portugiesen so zugute, dass Afonso einen seiner Söhne nach Europa schicken durfte, damit er zum Priester ausgebildet wurde. Der betreffende Sohn, er hieß Henrique und war elf Jahre alt, lernte in Lissabon Portugiesisch und Latein und reiste später nach Rom, wo er zum Bischof geweiht wurde - der erste schwarze Bischof in der Geschichte -, bevor er nach Hause zurückkehrte. Er hatte jedoch eine schwächliche Konstitution und starb wenige Jahre später." (Reybrouck 2012: 35)
Das zweite Beispiel bezieht sich auf die Zusammenarbeit des belgischen Staates mit der Kirche und insbesondere mit den Missionsgesellschaften, die für den Staat deshalb so wichtig war, weil diese für das gesamte Erzie-hungssystem zuständig waren und so einen Doppelauftrag erfüllten. Sie kämpften für Jesus, aber auch für König Leopold:
"Während sich Protestanten auf der Basis ihrer Lehre der individuellen Gotteser-kenntnis bemühten, einzelne Menschen zu überzeugen, richteten sich die Katholiken von Anfang an auf Gruppen. Für sie stand das kollektive Glaubenserlebnis im Vordergrund. Aber wie konnte man sich gleich ganzen Gruppen nähern? Auch hier waren Kinder die Lösung. Wie bei den Protestanten waren ihre ersten Anhänger häufig freigekaufte Kindersklaven, die ihnen der Staat anvertraut hatte. In der Missionsstation von Kimwenza zum Beispiel begannen die Jesuiten 1893 mit siebzehn befreiten Schwarzen, zwölf Arbeitern vom Stamm der Bangala, zwei Zimmerleuten, die von der Küste stammten, zwei Soldaten mit ihren …
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