Von Höllengefährten zu schwimmenden Palästen

Von Höllengefährten zu schwimmenden Palästen

Einband:
Paperback
EAN:
9783593503059
Genre:
Kulturgeschichte
Autor:
Dagmar Bellmann
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.04.2015

"So hat der Mensch das Meer unterworfen, dass es Behaglichkeit und Eleganz auf sich dulden muss." Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts schien eine atlantische Überfahrt überall in Westeuropa der Inbegriff von Lebensgefahr und Schrecken für die Passagiere zu sein. Bis zur heutigen Wahrnehmung "vergnüglicher" Kreuzfahrten war es ein langer Weg. Dieses Buch beschäftigt sich in eindrücklicher Weise mit den Mechanismen, aber auch den Grenzen dieses Wahrnehmungswandels von Seereisen im Zuge der Einführung der
Dampfschifffahrt. Einbezogen werden dabei zeitgenössische Presseartikel, Werbebroschüren, Reiseberichte, fiktionale Literatur, Zeitzeugenaussagen und Archivmaterialien.

»Die Studie ist nicht nur anschlussfähig an neuere Forschungen zur Versicherheitlichung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern vermag diesen zugleich neue Impulse geben.«, H-Soz-Kult, 02.09.2015

Autorentext
Dagmar Bellmann studierte Geschichte und Germanistik an der TU Darmstadt.

Leseprobe
1. Einleitung
Was bedeutet uns heutzutage das Reisen auf See? Was macht den großen Reiz von Kreuzfahrten aus und wie lässt er sich historisch erklären? Diese Frage berührt keinesfalls nur tourismusgeschichtliche Aspekte. Viel wich-tiger ist die Frage, wie sich das Verhältnis der Menschen zum Meer gewandelt hat. Als um das Jahr 1840 die ersten Dampfschiffe den Atlantik überquerten, galt es im westlichen Kulturkreis noch als Binsenweisheit, dass es gefährlich ist, ein Schiff zu betreten: "[] wenn uns der liebe Gott vor Sturm behüted, ich bin immer in Todesangst." Ganz anders klingt da das Erlebnis einer Seereise aus dem Jahr 2009: "Ein Highlight war auf jeden Fall die Spa Suite. In der Sauna zu sitzen und aus dem fahrenden Schiff auf das Wasser zu schauen war einzigartig." Wie ist dieser Wandel in der Einstellung gegenüber Seereisen von gefährlich zu vergnüglich und entspannend zu erklären?
Meist wird diese Wahrnehmungsveränderung mit der technischen Ent-wicklung der Schifffahrt, mit den geschickten Marketingstrategien der Reedereien und mit dem Aufstieg des modernen Massenkonsums in Zu-sammenhang gebracht. Damit lässt sich die Passagierschifffahrt als Ge-schichte der Moderne lesen. Die Frage nach dem Warum des Wandels ist jedoch keineswegs so einfach zu beantworten. Eine Seereise blieb noch lange Zeit nach Einführung der Dampfschifffahrt auf offener See für alle, die sie unternahmen, eine gefahrvolle und mit äußerst zwiespältigen Gefühlen verbundene Angelegenheit.
Eine Seereise ist eine besondere Form des Reisens. Ein Schiff ist ein künstlich erschaffener und isolierter Raum inmitten einer menschenfeind-lichen Umgebung und dient deshalb nicht nur als Transportmittel, sondern auch als unentbehrlicher Schutz. Zugleich bildet das Schiff einen Mikrokosmos, eine Welt im Kleinen. Der Gegensatz zwischen der Zivilisation und der Natur, aber auch gesellschaftliche Gegensätze werden stärker empfunden, denn die Aufmerksamkeit der Reisenden wird durch die Dauer der Reise, die Isoliertheit und Enge des Schiffes stärker fokussiert als bei anderen Transportmitteln wie der Eisenbahn, wo ein Aussteigen an den Bahnhöfen jederzeit möglich ist. Und schließlich existiert ein reichhaltiges kulturelles Gepäck in Bezug auf das Meer, was wiederum die Wahrnehmung und Bewertung einer Seereise beeinflusst.
Das Neuartige an der Dampfschifffahrt bestand in der Möglichkeit, Reisen auf See mit positiven Vorstellungen und angenehmem Zeitvertreib zu verbinden. Dieser Prozess, der sich während eines längeren Zeit-raumes vollzog, erforderte ein Umdenken in der Vorstellungswelt der Reisenden. Eine Überfahrt auf dem offenen Meer rief bei ihnen häufig das Gefühl hervor, sich in einer Übergangsphase im Niemandsland zwischen zwei Welten zu befinden, existenzieller Einsamkeit und lebensbedrohlicher Gefahr ausgeliefert zu sein. Dieser ambivalente Zustand des Dazwischen verlangte nach Bewältigungsstrategien, die es möglich machten, eine Seereise als positiv zu erleben. Die vorliegende Arbeit widmet sich diesen Bewältigungsstrategien, aber auch ihren Grenzen.
1.1 Konzeption und Aufbau
Es sind die Wechselwirkungen zwischen Meer, Schiff und Reisenden, die für den Wandel in der Bewertung von Seereisen verantwortlich gemacht werden können. Jede Veränderung einer dieser Komponenten veränderte zugleich alle anderen.
Die geisteswissenschaftliche Forschung tut sich schwer, das Meer kon-zeptionell zu erfassen. Der Kulturwissenschaftler Christopher L. Connery formuliert es so:
"Perhaps the oceanic, as close an approximation of the infinite as the visible, physical world can provide, requires some of the abstraction that is space, its existence being somehow between place and space, but inadequately described by either term."
Materielle Räume können für menschliche Gesellschaften nicht per se exis-tieren, sondern konstituieren sich erst durch kulturelle Praktiken und Vorstellungen. Das offene Meer ist für den Menschen lebensfeindlich und lässt sich nur mit technischen Hilfsmitteln, das heißt mit Booten und Schiffen, erschließen. Der materielle Raum des Meeres ist nur durch das technische Artefakt des Schiffes befahrbar und somit erlebbar. Technischer Wandel muss daher mit einem Wahrnehmungswandel einer Seereise einhergehen. Der materielle Raum eines Schiffes ist wiederum nur mithilfe von kulturellen Praktiken und Vorstellungen erfahrbar. Deshalb stehen die sich ändernden Beziehungen zwischen Reisenden, Schiff und Meer im Mittelpunkt meines Interesses. Anstelle einer geschlossenen Raumtheorie möchte ich mich an die Bestimmung des Raumes als relationale Anordnung von Körpern im Sinne von Leibniz anlehnen , die wechselseitig aufeinander einwirken. Wenn in dieser Arbeit der Raum des Schiffes angesprochen wird, muss neben dem materiellen Raum immer auch dieser relationale Raumbegriff mitgedacht werden.
Das Erleben einer Seereise benötigt das Zusammenspiel der materiellen Räume des Schiffes und des Meeres mit kulturellen Praktiken und Vorstellungen. Dieses Verhältnis wird anhand der Untersuchungsebenen Imagination, Raum und Praxis untersucht. Unter Imagination ist die Darstellung von Seereisen in veröffentlichten Texten, und unter Raum die dingliche Wirksamkeit des Schiffsraumes und der Schiffstechnik auf die Passagiere zu verstehen. Unter Praxis hingegen werden die kulturellen Praktiken und Handlungsmuster der Reisenden gefasst.
Eine positivistische Fragestellung, wie Reisende eine Seereise empfanden und ob sich Widersprüche zwischen der Darstellung von Seereisen und der tatsächlichen Wahrnehmung der Reisenden zeigen lassen, ist aus drei Gründen undurchführbar: Es ist erstens nicht nachvollziehbar, was wirklich gedacht und gefühlt wurde, da die Selbstzeugnisse der Passagiere mit Vorwissen aller möglichen Provenienz eingefärbt sind. Zweitens wurden gerade ambivalente Gefühle selten eindeutig beschrieben, weshalb sich nur auf potenzielle Ambivalenzen hinweisen lässt. Ähnlich problematisch ist die Frage nach den Akteuren. Nicht immer lassen sich für so komplexe Prozesse wie Mentalitätsveränderungen konkrete Handelnde benennen. Manche Veränderungen wurden von einzelnen Akteuren gezielt herbeigeführt. Andere wiederum lassen sich nur im Nachhinein als gemeinschaftlicher Prozess der Beteiligten rekonstruieren, ohne dass jene Veränderungen intendiert waren, die sich später als die entscheidenden herausgestellt haben.
Die von Journalisten, Schriftstellern und Reedereien verbreiteten Vor-stellungen, das heißt Imaginationen, wie eine Schiffsreise zu verlaufen habe und wie sie zu bewerten sei, werden in den Imaginationskapiteln analysiert. Hier wird mit dem Konzept des emplotments von Hayden White gearbeitet , mit dessen Hilfe sich wiederkehrende Erzählstrategien über die moderne Passagierschifffahrt und die Interferenzen zwischen den verschiedenen Kommunikationsmedien aufspüren lassen. Es waren hauptsächlich die Narr…


billigbuch.ch sucht jetzt für Sie die besten Angebote ...

Loading...

Die aktuellen Verkaufspreise von 6 Onlineshops werden in Realtime abgefragt.

Sie können das gewünschte Produkt anschliessend direkt beim Anbieter Ihrer Wahl bestellen.


Feedback