Arbeiter in der Moderne

Arbeiter in der Moderne

Einband:
Paperback
EAN:
9783593503400
Genre:
Kulturgeschichte
Autor:
Jürgen Schmidt
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.09.2015

Ein mühsam erkämpfter Mindestlohn in Deutschland, Sklavenarbeit beim Bau der Stadien zur Fußballweltmeisterschaft in Katar, katastrophale Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken Südostasiens: Die Errungenschaften der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegungen sind heute in vielen Regionen der Welt bedroht, noch nicht einmal in Ansätzen durchgesetzt oder in der breiteren Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Ein Blick zurück in die Geschichte der Arbeiterinnen und Arbeiter, ihrer Arbeitsbedingungen, ihrer Verhaltensweisen und Werte, ihrer Lebenswelt und ihrer Organisationen macht deutlich, wie langwierig und kontextgebunden die Bemühungen des heterogenen Kollektivs von Arbeiterinnen und Arbeitern im 19. und 20. Jahrhundert waren, um in der Welt des modernen Kapitalismus ihre Interessen vertreten zu können. Zentrale Aspekte der Arbeitsgesellschaft im 21. Jahrhundert bekommen aus dieser Perspektive eine historische Tiefenverortung.

»Hinzu kommt eine verständliche Sprache und Anschaulichkeit durch zahlreiche Beispiele. Die Vertiefung einzelner Aspekte wird dem Leser durch ein Verzeichnis der Quellen und Forschungsliteratur erleichtert. Insbesondere als Einstieg in das Thema Arbeitergeschichte ist der Band von Schmidt uneingeschränkt zu empfehlen.« Axel Weipert, Arbeit - Bewegung - Geschichte. Zeitschrift für Historische Studien, 07.11.2016 »Diese im besten Sinne solide Abhandlung [bietet] einen guten Einstieg ins Thema.« Karsten Uhl, Neue Politische Literatur, 10.02.2017 »Schmidt [bietet] eine fundierte, zu zahlreichen weiteren Überlegungen anregende Überblicksdarstellung wesentlicher Aspekte der spezifischen Entwicklung von Arbeit, der Lebenswelt der Arbeiterschaft und mit Abstrichen auch der Arbeiterbewegung in Deutschland. Seine Befunde verweisen auf die möglichen (und realhistorisch beobachtbaren) Ausprägungen und Varianten moderner kapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen und so auf einen Wandel der Arbeitswelten, der sich in den vergangenen Jahrzehnten offenkundig noch einmal beschleunigt hat.« Rainer Fattmann, Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte »Schmidt's book is a welcome contribution to redressing the relative neglect of workers and labour in general in recent historiography, and a stimulating guide to the current state of knowledge in this field.« Andrew G. Bonnell , German History, 29.05.2017 »Jürgen Schmidt [ist] eine facettenreiche, gut geschriebene Einführung gelungen, die zum Nachdenken anregt.« Stefan Wannenwetsch, Archiv für Sozialgeschichte, 28.02.2017 »Wer sich einen soliden Überblick über die Vielfalt der Forschungsergebnisse zur deutschen Geschichte der Arbeiter verschaffen möchte, ist mit Jürgen Schmidts informierter Erzählung sehr gut bedient.« Franziska Rehlinghaus, H-Soz-Kult, 30.05.2017

Autorentext
Jürgen Schmidt, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg »Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive« an der HU Berlin.

Leseprobe
Einleitung

Arbeit, Arbeiter, Arbeiterbewegung, Arbeitergeschichte - das klingt wie die Steigerungsform eines Verschwindens. Arbeit, körperliche Arbeit, spielt in den europäischen Gesellschaften eine immer geringere Rolle. In Großbritannien, dem Pionierland der Industrialisierung, sind Arbeitsplätze in der Industrie fast völlig verschwunden. 2,7 Millionen registrierte Arbeitslose in Deutschland 2015, rund zwanzig Millionen im Euro-Raum der Europäischen Union im Sommer 2013 deuten darauf hin, dass Arbeit nicht für alle vorhanden ist. Die Bezeichnung "Arbeiter" wirkt in unserer Mittelstands- und Angestellten-Gesellschaft geradezu antiquiert. Kannte bis vor wenigen Jahren das deutsche Tarifsystem noch die Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten, so ist bei den letzten Reformen diese tarifliche Differenzierung aufgelöst worden. In Deutschland werden in einer von Technik und Elektronik beherrschten Industrie keine Automechaniker - ein Begriff, der das Manuelle der Arbeit noch mitschwingen lässt - mehr ausgebildet, sondern Kraftfahrzeugmechatroniker. Und die Arbeiterbewegung scheint in ritualisierten Formeln von 1.-Mai-Demonstrationen oder medial inszenierten Tarifkonflikten erstarrt. Die beiden politischen Parteien in Deutschland, die "Sozialdemokratische Partei Deutschlands" sowie "Die Linke", die sich in der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung sehen, begingen politischen Selbstmord, würden sie sich als bloße Interes-senvertreter der Arbeiterschaft definieren. Schließlich spielte in der Ge-schichtswissenschaft die Erforschung der Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung in den letzten zwanzig Jahren eine geringe Rolle.
Das ist die eine Seite, es gibt aber auch die andere. Überwindet man, erstens, die deutsche und europäische Perspektive und verschafft sich einen globalen Überblick, bleibt von dem scheinbar eindeutigen Auflö-sungsprozess nichts übrig. Arbeitergeschichte boomt beispielsweise in Indien und Lateinamerika. Zum einen zeigte das Plantagensystem in den Kolonien die Ausbeutung von Arbeitskraft in all ihrer Brutalität. Unfreie Arbeit ließ sich unter diesen Arbeitsbedingungen als Kategorie in vielfa-cher Weise analysieren. Die jüngere Forschung ging so in diesen Regionen neue Wege und suchte nicht nach Klassen im europäischen Sinn, sondern analysierte die kulturellen Bedingungen und Reaktionen der Arbeiterschaft im kolonialen Kontext. Zum anderen lenkten die aktuellen Entwicklungen in den außereuropäischen Regionen, in denen Arbeitsverhältnisse im informellen Sektor gang und gäbe sind, den Blick auf Arbeitsformen jenseits regulierter und normierter europäischer Lohnarbeit in Fabriken oder Werkstätten.
Eng verbunden mit diesen Entwicklungen ist, zweitens, ein Faktor, der die Geschichte der Arbeiter in der Moderne attraktiv und anschlussfähig für neuere Trends in der Geschichtswissenschaft macht. Die zunehmende globale Verflechtung von Menschen, Strukturen, Organisationen und Ent-wicklungen verhalf globalgeschichtlichen Ansätzen und Fragestellungen in der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren zum Durchbruch. Ar-beitergeschichte fügt sich in dieses Forschungsparadigma auf mehrfache Weise ein. Auf den Export von europäischen Arbeitsformen und -prozessen in die koloniale Welt wurde bereits hingewiesen. Arbeiter waren darüber hinaus in der Moderne hochmobil und überwanden dabei oft regionale und nationale Grenzen. Außerdem dachte die Arbeiterbewegung stets international (auch wenn sie in entscheidenden Situationen oft national handelte). Zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten sind hier also für die Arbeitergeschichte gegeben.
Die Krise der Arbeitsgesellschaft, sei es in Form des Arbeitsmangels (wie seit den 1970er-Jahren prophezeit und bis heute erlebt) oder in Form des Arbeitskräftemangels (wie es die neuesten Zukunftsszenarien an die Wand malen), forcierte sozialwissenschaftliche Fragestellungen zur Welt der Arbeit. Dies bietet, drittens, die Möglichkeit zum interdisziplinären Austausch mit den Sozialwissenschaften, der in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt wurde. Untersuchungen zu Inklusions- und Exklusionspro-zessen in modernen Gesellschaften, zum Verhältnis von Arbeiterbewegung und sozialen Bewegungen, aber auch lebensweltliche oder biografische Fragen erlauben hier die Zusammenarbeit. Zudem gewinnen mit der Krise des Kapitalismus wieder das Nachdenken über Alternativen und die Frage nach historischen Vorläufern der Kapitalismuskritik an Bedeutung.
Die Arbeitergeschichte entwickelte sich, viertens, im vereinten Deutschland selbst weiter und zeigte sich offen für neue Ansätze. Zwei Trends zeichnen sich ab. Zum einen erlebte sie eine kulturgeschichtliche Erweiterung, die sich in zahlreichen Spielarten niederschlug und ge-schlechtergeschichtliche, körpergeschichtliche sowie kommunikationsge-schichtliche Aspekte integrierte. Zum anderen verortete die Forschung die Arbeitergeschichte g…


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