Bestenauswahl und Ungleichheit

Bestenauswahl und Ungleichheit

Einband:
Paperback
EAN:
9783593504636
Genre:
Feminismus & Geschlechterforschung
Autor:
Anita Engels, Sandra Beaufays, Nadine V. Kegen, Stephanie Zuber
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.08.2015

Das Buch präsentiert die Ergebnisse einer umfassenden Begleitstudie, die die Autorinnen von 2007 bis 2013 zur deutschen Exzellenzinitiative durchführten. Es stellt die Voraussetzungen dar, mit denen Männer und Frauen den unsicheren Weg in der Wissenschaft auf sich nehmen, und die Bedingungen, die sie in der Exzellenzinitiative vorfinden. Dabei zeigt sich, welche inner- und außerwissenschaftlichen Faktoren für die fortgesetzte Unterrepräsentanz von Wissenschaftlerinnen auf den Spitzenpositionen verantwortlich sind.

Vorwort
Hochschule und Gesellschaft
Herausgegeben von Georg Krücken

Autorentext
Anita Engels ist Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg. Sandra Beaufaÿs, Dr. phil., ist wiss. Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld. Nadine V. Kegen ist Stipendiatin der Universität Hamburg und Stephanie Zuber ist Referentin im Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg.

Leseprobe
1. Einleitung: Chancengleichheit in der Wissenschaft

In der Wissenschaft sind Frauen auf Spitzenpositionen ähnlich unterrepräsentiert wie in der Wirtschaft und der Politik, und im deutschen Wissenschaftssystem sind die Frauenanteile niedriger als in vielen anderen vergleichbaren Wissenschaftssystemen. Diese Beobachtungen haben in der Vergangenheit zu heftigen öffentlichen Diskussionen über die Ursachen der Unterrepräsentanz geführt und wurden nicht selten in die Forderung nach einer festen Frauenquote übersetzt. Dieses Buch greift die beobachtete Unterrepräsentanz zunächst als Erkenntnisproblem und als Forschungsfrage auf, die fundiert beantwortet werden sollte, bevor politische Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden können. In welchem Sinne kann von einer Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft gesprochen werden? Welche Art von Ungleichheit verbirgt sich dahinter, und vor allem: Wie wird sie reproduziert? Diese scheinbar einfachen Fragen sind, wenn sie präzise gestellt werden, schnell sehr komplex. Warum erwarten wir, dass mehr Frauen in der Wissenschaft "repräsentiert" sein sollten? Was macht die Frage zu einer wissenschaftlichen Frage? Ist es die gleiche Frage wie die nach der Unterrepräsentanz von Männern in Pflegeberufen? Geht es um Frauen im Allgemeinen, um Frauen aus bildungsfernen Schichten oder um Frauen mit Migrationshintergrund? Und ab welchem Grad der Repräsentanz von Frauen in der Wissenschaft würden wir annehmen, dass keine Unterrepräsentanz mehr vorliegt? Wir sind daran gewöhnt, Unterrepräsentanz als Ungleichheit oder mangelnde Chancengleichheit zu behandeln, aber das ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer gut gestellten Forschungsfrage, die empirisch zu beantworten ist.
Wir beginnen mit einer Präzisierung der Forschungsfrage, die dieses Buch beantworten will. Im Anschluss daran erfolgt eine kurze historische Einordnung der aktuellen Situation des deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystems und der Chancengleichheit von Frauen und Männern in diesem System. Vor diesem Hintergrund wird ein Einblick in den Forschungsstand zur Erklärung der Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft geleistet, der in den folgenden Kapiteln jeweils vertieft wird. Darauf aufbauend wird erläutert, warum die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder ein vielversprechender Forschungsgegenstand ist, an dem die Reproduktion von Geschlechterungleichheit in der Spitzenforschung exemplarisch untersucht werden kann. Schließlich wird das konkrete Forschungsprojekt "Frauen in der Spitzenforschung", dessen Ergebnisse in diesem Buch zusammengefasst werden, vorgestellt und ein Überblick über die folgenden Kapitel gegeben.

1.1 Präzisierung der Forschungsfrage

Frauen sind nach allen verfügbaren Quellen diejenige Gruppe, die am stärksten von der Bildungsexpansion profitiert hat. Junge Frauen haben seit den späten 1990er Jahren sogar einen Bildungsvorsprung gegenüber den Männern erreicht: Bereits 1998 war der Anteil der Personen mit Studienberechtigung unter den Frauen eines Jahrgangs höher als unter den Männern (28 Prozent gegenüber 25 Prozent). Dieser Unterschied hat sich sogar vergrößert (Weinmann 2010). Studienanfängerinnen haben einen leicht besseren Durchschnitt im Hochschulzugangszeugnis als Studienanfänger, und sie schneiden bei Prüfungen im Durchschnitt leicht besser ab als ihre männlichen Kommilitonen (BMBF 2005: 14f.; 115f.; Bertold/Leichsenring o.J.: 10). Man kann im Durchschnitt von einer ähnlichen Ausgangslage der jungen Männer und Frauen ausgehen, beziehungsweise nach den etablierten Leistungsindikatoren sind Frauen sogar leicht im Vorteil. Um plausibel begründen zu können, dass es sich bei den gegenwärtigen Frauenanteilen um eine Unterrepräsentanz handelt, dass also eigentlich mehr Frauen in der Wissenschaft zu finden sein müssten, wird typischerweise auf das Kaskadenmodell verwiesen. Hier werden die Frauenanteile auf den verschiedenen Qualifikationsstufen in der Wissenschaft nebeneinander gestellt. Dadurch wird sichtbar, dass auf jeder höheren Qualifikationsstufe ein geringerer Frauenanteil zu finden ist - dieses Phänomen wird auch mit dem Begriff der Leaky Pipeline bezeichnet, da die Frauen dem System "verlorengehen" oder aus den wissenschaftlichen Laufbahnen über-proportional häufig "herausfallen". So liegt der Frauenanteil unter den Studierenden aktuell bei etwa 50 Prozent, aber nur bei 20 Prozent der Professuren. Nun hat sich aber der relative Gleichstand beim Anteil von Frauen und Männern unter den Studierenden - nimmt man alle Hochschulformen zusammen - erst in den 2000er Jahren eingestellt. Auch der Anteil von Frauen auf Professuren ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Ist also zu erwarten, dass sich das Problem der Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft auswächst und Chancengleichheit bald hergestellt sein wird?
Zumindest zwei Perspektiven legen nahe, dass wir es hier nach wie vor mit der Reproduktion von Ungleichheit entlang der Geschlechterachse zu tun haben und eine schnelle Herstellung von Chancengleichheit nicht zu erwarten ist: die Ergebnisse von retrospektiven Kohortenanalysen und die tatsächliche Studienwahl von Männern und Frauen.
Retrospektive Kohortenanalysen belegen eindrücklich, dass sich auch in Jahrgängen mit relativ hohem Frauenanteil unter den Studierenden das Verhältnis von Männern und Frauen deutlich zu Ungunsten der Frauen verschiebt. Auch die Kohorte derjenigen, die 1994 ihr Studium an einer Universität aufgenommen haben (Fach- und Gesamthochschulen sind in dieser Darstellung ausgenommen), zeigt "Verlustraten". Insgesamt wächst der Pool an qualifizierten Frauen deutlich schneller, als er durch das System der Personalrekrutierung in der Wissenschaft ausgeschöpft wird. Eine Ausnahme scheint in den letzten Jahren allerdings der Schritt von der Habilitation auf die Professur zu sein, da der Anteil von Frauen an den Berufungen insgesamt leicht höher ist als unter den abgeschlossenen Habilitationen (vgl. Abbildung 1).
Die bisherigen Daten lassen also tatsächlich erwarten, dass auch in den Kohorten mit gleicher Ausgangsgröße am Ende ein deutlich geringerer Anteil an Frauen die Spitzenpositionen erreicht haben wird - dass hier also weiterhin von einer Unterrepräsentanz gesprochen werden kann, die signalisiert, dass sich in der Wissenschaft Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern relativ stabil reproduzieren. Die Forschungsfrage besteht darin zu erklären, warum Akademikerinnen bei gleichen Rechten und gleichen Leistungen mit deutlich verringerter Wahrscheinlichkeit im Wissenschaftssystem aufsteigen (Kreckel 2004). Diese Perspektive suggeriert zunächst, dass die Personalrekrutierung im Wissenschaftssystem einen Bias hat, dass also der Frauenschwund durch Auswahlprozesse zu erklären wäre, bei denen Frauen nicht gleichermaßen berücksichtigt werden. Ist aber der Frauenschwund nicht auch selbstgewählt und freiwillig, weil viele Nachwuchswissenschaftlerinnen schnel…


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