In die globale Wirtschaft gezwungen

In die globale Wirtschaft gezwungen

Einband:
Paperback
EAN:
9783593505190
Genre:
Regional- und Ländergeschichte
Autor:
Julia Seibert
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.06.2016

Die Kolonisierung des Kongos gehört zu den dunkelsten Kapiteln der europäischen Kolonialgeschichte. An keinem anderen Ort wendeten Europäer so viel Gewalt an, um die Zurückhaltung der Bevölkerung zu überwinden, ihre Arbeitskraft für Lohn zu verkaufen. In ihrer Studie analysiert die Autorin die Kontexte, die zu Gewalt und Zwang in Arbeitsverhältnissen im kolonialen Kongo führten. Damit leistet das Buch
nicht nur einen Beitrag zum besseren Verständnis der Vergangenheit der früheren belgischen Kolonie im Herzen Afrikas, sondern auch einen Beitrag zur Globalgeschichte der Arbeit nach der Abolition: Sie trägt zu einem besseren Verständnis des komplexen Übergangs zur Lohnarbeit bei, die eine der vielleicht wichtigsten welthistorischen Veränderungen der vergangenen 200 Jahre war.

»Seibert's study is a well written and persuasively argued story about coercive labour regimes in the Congo Free State/Belgian Congo from the 1880s to the early 1940s.« Samuël Coghe, H-Soz-Kult, 20.01.2017

Autorentext
Julia Seibert, Dr. phil., lehrte von 2012 bis 2015 als Assistenzprofessorin für afrikanische Geschichte an der American University in Kairo.

Leseprobe
Einleitung
Dies ist die die Geschichte der langsamen Durchsetzung von Lohnarbeit im belgischen Kongo. Sie zeigt, wie aus kongolesischen Bauern und Bäuerinnen, Fischern und Handwerkern Lohnarbeiter wurden. Das Überraschende an dieser Geschichte ist, dass die Durchsetzung der "freien" Lohnarbeit auf Zwang und Gewalt beruhte.
Dies ist auch die Geschichte der Integration Zentralafrikas in die Weltwirtschaft seit Ende des 19.?Jahrhunderts. Es ist die Geschichte über die Bedeutung von afrikanischen Arbeiterinnen und Arbeitern für den europäischen Kapitalismus - eine Geschichte, die dramatische Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitswelten von Kongolesen dreier Generationen haben sollte.
Wie der Wirtschaftshistoriker Kenneth Pomeranz überzeugend zeigen konnte, waren afrikanische Sklaven von zentraler Bedeutung für die Entstehung der "Great Divergence" im 18. und 19.?Jahrhundert. Die hier rekonstruierte Geschichte zeigt, dass afrikanische Arbeiterinnen und Arbeiter auch im 20.?Jahrhundert einen entscheidenden Beitrag für die wirtschaftliche Vormachtstellung Europas in der Welt leisteten.
Es ist ferner eine Geschichte nicht beabsichtigter Konsequenzen: Sie zeigt, wie der Versuch belgischer Politiker, Bürokraten, Unternehmer und Missionare, Zwang in kolonialen Arbeitsverhältnissen zu überwinden, zu mehr Gewalt gegen die lokale Bevölkerung im Kongo führte. Sie zeigt, dass eine soziale und wirtschaftliche Folge dieser Entwicklung die langsame Durchsetzung der Lohnarbeit war. Sie zeigt auch, wie Lohnarbeit und Lohnarbeiter auf komplizierte Weise den Weg der Kongolesen in die Unabhängigkeit beeinflussten.
Die langsame und komplizierte Durchsetzung von Lohnarbeit ist eine historische Entwicklung, die im engen Zusammenhang mit der Ausbreitung des Kapitalismus steht - jener Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, für die die Bereitschaft von Arbeitern und Arbeiterinnen, ihre Arbeitskraft für Lohn zu verkaufen, eine zentrale Voraussetzung war. Die globale Geschichte der Arbeit und Arbeitergeschichte hat jedoch gezeigt, dass sich präkapitalistische wirtschaftliche und soziale Ordnungen resilient gegenüber dem Arbeitsmodell des industriellen Kapitalismus zeigten. Die Durchsetzung der Lohnarbeit war auch in Europa und Nordamerika keine "natürliche" Entwicklung, wie sowohl E.?P. Thompson als auch Herbert Gutman bereits in den 1960er Jahren gezeigt haben. Obwohl es sich hier offensichtlich um ein globales Phänomen handelt, ist das Beispiel der langsamen Durchsetzung der Lohnarbeit im kolonialen Kongo in den Jahren von 1885 bis 1960 für das Verständnis des Zusammenhangs von Kapitalismus und Lohnarbeit zentral - denn an keinem anderen Ort wurde so viel Gewalt angewendet, um die Zurückhaltung der Bevölkerung, ihre Arbeitskraft für Lohn zu verkaufen, zu überwinden. Die Geschichte des Kongos zeigt, dass Zwangsarbeit nicht im Widerspruch zum Kapitalismus an sich steht, sondern dass sie ein wesentlicher Teil von dessen Geschichte ist.
Die vorliegende Studie analysiert die lokalen und globalen Kontexte, die zu Gewalt und Zwang in Arbeitsverhältnissen im kolonialen Kongo führten, und sie untersucht, wie sich diese Entwicklung auf die sozialen und wirtschaftlichen Ordnungen der im Kongo lebenden Menschen ausgewirkt hat.
Dass sich die Durchsetzung von Lohnarbeit im kolonialen Kongo so schwierig gestaltete, dürfte nicht nur die Unterstützer der Abolitionsbewegung - die die im 19.?Jahrhundert beginnende europäische Expansion in Afrika mit der Notwendigkeit begründete, existierende Formen lokaler Sklaverei abzuschaffen - überrascht haben: Wie liberale Ökonomen heute, waren auch die Anhänger des Wirtschaftsliberalismus im 19.?Jahrhundert von der freiheitsfördernden Wirkung des Kapitalismus überzeugt: Sie glaubten, dass je mehr Menschen durch die Expansion der Märkte und des Handels miteinander verbunden würden, umso mehr Möglichkeiten würde es geben, sich von ökonomischen Abhängigkeiten und sozialen Zwänge zu befreien. "Freie" Lohnarbeit - so die Annahme der liberalen Ökonomie - löse Formen unfreier Arbeit in präkapitalistischen Wirtschaftssystemen ab. Die Möglichkeit eines Individuums, seine Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen, würde zur Durchsetzung von mehr individueller Freiheit und vielleicht auch zu Wohlstand für alle führen.
Dies mag eine schlüssige und nachvollziehbare Theorie sein, die vielleicht sogar zu überzeugen vermag. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sie sich jedoch als Märchen. Tatsächlich zeigt die Geschichte von Kapitalismus und Arbeit im kolonialen Kongo, dass durch die Integration kongoleischer Arbeitskräfte und Ressourcen in europäische Märkte eine Vielzahl von unterschiedlichen Arbeitsregimen und sozialen Beziehungen entstand, die weder als eine Rückkehr zur Sklaverei noch als ein System der freien Lohnarbeit beschrieben werden können. Damit ist die vorliegende Studie nicht nur ein Beitrag zur Geschichte der Arbeit im Kongo, sondern auch ein Beitrag zur Globalgeschichte der Arbeit nach der Abolition, denn sie trägt zu einem besseren Verständnis des komplexen Übergangs zur Lohnarbeit bei - eine der vielleicht wichtigsten welthistorischen Veränderungen der vergangenen 200?Jahre.
Freilich ist die Geschichte von Arbeit und Gewalt im kolonialen Kongo auch ein Beitrag zur Geschichte des belgischen Kolonialismus. Denn die im Kongo produzierten landwirtschaftlichen Güter und Rohstoffe spielten nicht nur eine entscheidende Rolle in der globalen Wirtschaft des 20.?Jahrhunderts, sondern ließen einen noch jungen und - im europäischen Vergleich - wirtschaftlich unbedeutenden Staat zu einem wichtigen Akteur der globalen Wirtschaft und der internationalen Politik aufsteigen.
Diese Integration des Kongos in die Weltwirtschaft und der damit verbundene Aufstieg Belgiens zur Kolonialmacht waren unmittelbar von der Fähigkeit des belgischen Kolonialstaates und belgischer Unternehmer abhängig, genügend Arbeitskräfte zu mobilisieren. Die Geschichte dieser Mobilisierung, die 1960 am Vorabend der Unabhängigkeit dazu geführt hatte, dass 1.182.871 Männer als Lohnarbeiter und 874.000 kongolesische Haushalte als Produzenten von Baumwolle und anderen cash crops in die koloniale Wirtschaft integriert waren, ist der Kern dieser Studie und damit ihr wichtigster Beitrag: Die Analyse der durch den Kolonialismus ausgelösten Transformierung kongolesischer Arbeitswelten ist ein "Fenster", um den sozialen Wandel, der durch die Eroberung und die Kolonisierung ausgelöst wurde, zu verstehen. Damit leistet die Studie nicht nur einen Beitrag zum besseren Verständnis der kolonialen und postkolonialen Vergangenheit des Kongos, sondern ermöglicht auch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die sogenannte "Neokolonisierung" Katangas durch China, Indien und Kana…


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