Genre:
Medien & Kommunikation
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.09.2016
Die Fußballweltmeisterschaft 2006 hat Deutschland nachhaltig verändert. Viele Deutsche entdeckten während des "Sommermärchens" ihre nationalen Emotionen neu. "Schwarz-Rot-Gold" avancierte - an Autos, Balkonbrüstungen und in Gesichtsbemalungen - fast über Nacht zur Norm. Warum der Fußball die Macht hat, jahrzehntelang gültige Vorbehalte gegenüber dem Patriotismus abzubauen und ob der "neue Patriotismus" tatsächlich tolerant und weltoffen ist, untersucht Sven Ismer in seinem Buch. Dabei verknüpft er Perspektiven der Nationalismus-, Emotions- und Ritualforschung mit einer empirischen Analyse der Fernsehberichterstattung über das Turnier.
Autorentext
Sven Ismer, Dr. phil., ist Soziologe und Ethnologe; er lehrte und forschte an den Universitäten Bielefeld, Hamburg und Berlin.
Klappentext
Die Fußballweltmeisterschaft 2006 hat Deutschland nachhaltig verändert. Viele Deutsche entdeckten während des »Sommermärchens« ihre nationalen Emotionen neu. »Schwarz-Rot-Gold« avancierte - an Autos, Balkonbrüstungen und in Gesichtsbemalungen - fast über Nacht zur Norm. Warum der Fußball die Macht hat, jahrzehntelang gültige Vorbehalte gegenüber dem Patriotismus abzubauen und ob der »neue Patriotismus« tatsächlich tolerant und weltoffen ist, untersucht Sven Ismer in seinem Buch. Dabei verknüpft er Perspektiven der Nationalismus-, Emotions- und Ritualforschung mit einer empirischen Analyse der Fernsehberichterstattung über das Turnier.
Leseprobe
Einleitung
Das Eröffnungsspiel der FIFA Fußball WM 2006 verfolgte ich in einem Hörsaal der Universität Hamburg neben zwei mir bekannten Studenten. Als die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, standen beide auf, legten die rechte Hand auf die Brust und sangen mit. Ich war, vorsichtig formuliert, erstaunt. Als ich mich später auf dem Heimweg mit dem Fahrrad durch das Hamburger Schanzenviertel bewegte, musste ich immer wieder "Deutschland!" gröhlenden jungen Männern ausweichen, die mir, berauscht vom Sieg und Bier, vor das Fahrrad taumelten oder versuchten, mich mit ihren Fahnen zu behängen. "Na, das kann ja heiter werden", dachte ich, und begann, mich vor den kommenden vier Wochen etwas zu fürchten. Bereits nach dem WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft 1990 hatte es Autokorsos mit Deutschland-Fahnen gegeben - kurz bevor das Land von einer Welle der Gewalt gegen Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund überzogen wurde. Auch wenn man sicherlich den meisten FußballpatriotInnen Unrecht tut, wenn man sie in einem Absatz mit den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda nennt: Die Flaggen beim Fußball passten zu dem Nationalismus und Rassismus, der damals wie heute das Leben vieler Menschen in Deutschland zum Albtraum macht. Unvergessenes visuelles Symbol der Übergriffe in Rostock bleibt bis heute das Foto eines betrunkenen Anwohners, der mit einem Trikot der Nationalmannschaft bekleidet und feuchtem Fleck im Schritt den rechten Arm zum Hitlergruß streckt.
Trotz alledem würde ich mich selbst durchaus als Fußballfreund bezeichnen, ich gehe häufiger in das ein oder andere Stadion, sehe fast jedes Spiel meines Hamburger Lieblings-Clubs und hatte mich auch 2006 auf die WM gefreut. Allerdings blieb, anders als es bei vielen meiner Bekannten und auch KollegInnen der Fall war, mein Unbehagen gegenüber dem überraschenden Ausbruch von Patriotismus bestehen. Zwar konnte ich die netten und bunten Seiten der WM durchaus genießen, dennoch fragte ich mich, welche nachhaltigen Veränderungen mit der Veranstaltung einhergehen würden. Was bedeutet es für die Zukunft, wenn bislang tief verankerte Vorbehalte gegenüber einer Emotion wie Nationalstolz über Bord geworfen werden, wenn plötzlich "Flagge zeigen" von intellektuellen Autoritäten wie Günter Grass als "schönes Gefühl" bezeichnet wird (Ismer 2015: 360), und selbst im eigenen Freundeskreis viele Leute finden, es sei doch "nichts dabei"? Die Gefahren einer Einstellung, welche die Welt vor allem durch die Brille der Nation betrachtet, zeigen sich schließlich fortlaufend aufs Neue in vielen Teilen der Welt. Aber was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? In der Soziologie, Politikwissenschaft und Sozialpsychologie ist die Differenzierung zwischen einem harmlosen, eventuell sogar wünschenswerten Patriotismus auf der einen Seite und einem gefährlichen und abzulehnenden Nationalismus auf der anderen Seite ebenso verbreitet wie umstritten (vgl. u.a. Fleiß u.a. 2009; Brown 1999; Mummendey u.a. 2001). Wenn Menschen stolz auf die demokratischen Errungenschaften ihrer Nation sind, so heißt es auf der einen Seite, könne dies ein Bollwerk gegen Rassismus darstellen (vgl. Blank/Schmidt 2003; Heyder/Schmidt 2002). Entgegen gehalten wird dieser Einschätzung, dass Patriotismus in der Regel als Konstrukt gemessen wird, indem die Identifikation mit Nation und die Wertschätzung von Demokratie und Sozialstaat kombiniert werden. Während Letzteres tatsächlich negativ mit Fremdenfeindlichkeit korreliert, ist bei Ersterem das Gegenteil der Fall (Wagner u.a. 2012). Es ist also keineswegs der Stolz auf das Eigene, der Toleranz und Wertschätzung dem Anderen gegenüber mit sich bringt, sondern vielmehr eine hiervon nicht abhängige Einstellung, die Werte wie Toleranz impliziert. Auch in Bezug auf die WM 2006 waren die empirischen Befunde überaus widersprüchlich. Während die Einen der Veranstaltung, die ja unter dem Motto Die Welt zu Gast bei Freunden stand, bescheinigen, einen Rückgang von Xenophobie bei gleichzeitig steigendem Patriotismus bewirkt zu haben (Kersting 2007), diagnostizierten die Anderen eine unmittelbar nach der WM verstärkte Tendenz zu nationalistischen Einstellungsmustern, die wiederum mit einer stärkeren Neigung zur sogenannten "gruppenbasierten Menschenfeindlichkeit" einhergehe (Becker u.a. 2007). War also der Party-Patriotismus der WM 2006 ein harmloser Spaß und Ausdruck einer weltoffenen und toleranten Gesellschaft oder der Türöffner für neuen Nationalismus?
Grundsätzlicher stellt sich die Frage, warum der Fußball überhaupt eine solche Wirkung auf Millionen von Menschen haben kann: Warum ist Fußball in der Lage, ein Land so zu prägen und jahrzehntelang verankerte gesellschaftliche Normen zu verändern? Sicherlich trugen im Falle der WM 2006 eine Reihe von Faktoren zum Erfolg der Veranstaltung bei, zu nennen wären äußere Umstände wie das gute Wetter, aber auch die sehr wohlwollende Reaktion der ausländischen Presse auf die Stimmung im Gastgeberland. Die Deutschen probierten sich aus, von außen kam dazu das Signal "Gut so!" - ein kaum zu unterschätzender Einflussfaktor. Dennoch bin ich der Ansicht, dass die Antworten auf die oben gestellten Fragen einen gründlicheren und tiefergehenden Blick auf die Beziehung zwischen Fußball und der Nation erfordern: Die nachhaltige Wirkung der WM 2006 ist mit dem Verweis auf ihre situativen Rahmenbedingungen nicht hinreichend zu erklären.
Denn eines ist, trotz aller Schatten, die kurz vor ihrem zehnten Jubiläum durch die heute bekannt werdenden Umstände der Vergabe der Veranstaltung an Deutschland auf die WM 2006 fallen, gewiss: Das sogenannte Sommermärchen hat zu einer bemerkenswerten und beständigen Veränderung der Einstellung vieler Deutscher insbesondere zu Fragen der nationalen Identität und des Ausdrucks derselben beigetragen. Zwar deuten Untersuchungen (u.a. Kersting 2007; Gerhards/Mutz 2010; Mutz 2013) darauf hin, dass ein erhöhter Nationalstolz als Effekt von Fußball-Großveranstaltungen ein relativ flüchtiges Phänomen ist und entsprechende Befragungswerte nach Ende des Turniers rasch auf das Ausgangsniveau zurück fallen, dennoch hat sich das Phänomen eines massenhaft enttabuisierten Umgangs mit Nationalstolz und einem entsprechenden Gebrauch nationaler Symbolik bei diversen anderen Gelegenheiten nach der WM 2006 stets aufs Neue gezeigt (zum Beispiel Handball-WM i…
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