Salafismus und Dschihadismus in Deutschland

Salafismus und Dschihadismus in Deutschland

Einband:
Paperback
EAN:
9783593506371
Genre:
Politische Bildung & Wissenschaft
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.12.2016

Spätestens seit den Attentaten von Paris und Brüssel ist auch hierzulande die Diskussion um Salafismus und Dschihadismus - als Gefahrenpotenzial sowie als Anlaufstelle für Sympathisanten - allgegenwärtig. Bis heute haben sich 800 Personen aus Deutschland einer dschihadistischen Gruppierung in Syrien oder dem Irak angeschlossen. In diesem Band kommen einschlägige Expertinnen und Experten zu Wort. Er beleuchtet bisher wenig erforschte Bereiche wie die organisatorischen Strukturen der salafistischen Bewegung und ihre transnationale Vernetzung. Wie rekrutieren die Bewegungen ihre Mitglieder? Und wie rechtfertigen sich insbesondere Dschihadisten? Die Autorinnen und Autoren bewerten laufende Präventions- und Deradikalisierungsmaßnahmen und schlagen eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis. Dabei verengen sie den Blick nicht auf sicherheitspolitische Fragen, sondern nehmen in interdisziplinärer Perspektive Salafismus und Dschihadismus auch als gesellschaftliche Herausforderung ernst.

Mit Beiträgen unter anderem von Marwan Abou Taam, Claudia Dantschke, Aladin El-Mafaalani, Wolfgang Frindte, Rüdiger Lohlker, Ahmad Mansour, Götz Nordbruch, Daniela Pisoiu, Nico Prucha, Susanne Schröter, Riem Spielhaus, Nina Wiedl und Andreas Zick.

»Es sind die vielfältigen, interdisziplinären Zugänge, die den Sammelband ohne Zweifel zu einem wichtigen Werk in dieser aktuellen, gesellschaftlichen, interkulturellen und interreligiösen Wirklichkeit machen.« Jos Schnurer, socialnet.de, 31.01.2017 »Für kommende Forschungen hat man es mit einer Gesamtdarstellung zu tun, welche zu Anregungen und Fragestellungen zunächst einmal unverzichtbar sein dürfte. Die Autoren erweisen sich als gute Kenner und liefern über die fragmentarische Forschung einen gelungenen Überblick. [] Es handelt sich demnach um ein gelungenes Handbuch, das sowohl für Einsteiger wie für Kenner der Materie ein überaus nützliches Werkzeug ist.« Armin Pfahl-Traughber, Humanistischer Pressedienst, 14.02.2017 »Die Herausgeber und Autor*innen haben ihr hoch gestecktes Ziel erreicht und ein wichtiges Grundlagenwerk für eine weitere wissenschaftliche Betrachtung, aber auch praktische Empfehlungen zu diesem Phänomen vorgelegt. Mit dem Band werden die Erkenntnisse des vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung koordinierten Forschungsverbundes Salafismus in Deutschland. Forschungsstand und Wissenstransfer vorgestellt.« Michael Rohschürmann, Portal für Politikwissenschaft, 03.02.2017

Autorentext
Janusz Biene und Julian Junk sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Christopher Daase ist Professor für Internationale Organisation an der Universität Frankfurt am Main. Harald Müller ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Frankfurt am Main.

Leseprobe
Einleitung
Janusz Biene, Christopher Daase, Julian Junk und Harald Müller
Dieses Buch hat den Zweck, das, was wir über Salafismus und Dschihadismus in Deutschland wissen, zusammenzutragen und systematisch aufzubereiten. Die praktischen Erkenntnisse und die wissenschaftliche Forschung zu diesem Sachgebiet sind zugleich reich und fragmentiert. Den Reichtum an Wissen, der in zahlreichen Fachgebieten und in unterschiedlichen Typen von Wissensbeständen vorliegt, zusammenzuführen, verspricht zur Aufklärung unserer Gesellschaft über sich selbst beizutragen und den Praktikerinnen und Praktikern bei der Entwicklung von Handlungsoptionen zu helfen. Dies ist wichtig, denn der Problemdruck ist hoch.
1. Die öffentliche Virulenz von Salafismus und Dschihadismus in Deutschland
Salafismus ist für die bundesdeutsche Gesellschaft zu einem Alltagsphänomen und für Medien, Politik und Bevölkerung zu einem Dauerthema geworden. Symptome dieser Situation sind mit Blick auf die jüngere Vergangenheit augenfällig: So finden gewisse, gemeinhin mit Salafismus assoziierte Kleidercodes zunehmend Verbreitung und sorgen für öffentliches Aufsehen. Zum Beispiel scheint die Zahl (oftmals junger) Männer mit langen Bärten und rasierten Oberlippen sowie weißer, kittelartiger Bekleidung und über den Knöcheln endenden Hosen zuzunehmen. In Analogie dazu scheint eine zahlenmäßig geringe, aber wohlmöglich wachsende Anzahl junger Frauen, (vermeintlich) traditionelle, schwarze Gewänder und strenge Bedeckung des Haupthaars, gelegentlich auch Verschleierung des Gesichts bis auf einen Augenschlitz zu tragen. Die Auftritte von Predigern wie der Konvertiten Sven Lau und Pierre Vogel erleben immer wieder große mediale Resonanz und locken seit Jahren (mal mehr oder mal weniger) Jugendliche auf öffentliche Plätze. Im September 2014 traten in Wuppertal und Düsseldorf selbsternannte "Scharia-Polizeien" auf und belästigten Menschen, die ihren Vorstellungen von korrektem Verhalten nicht entsprachen, mit unerbetenen Anweisungen. Schließlich erregen bundesweit salafistische Werbeaktionen wie die vieldiskutierte "Lies!"-Kampagne Aufmerksamkeit, deren Mitglieder in Fußgängerzonen den Koran in deutscher, türkischer, albanischer und in weiteren Übersetzungen verteilen.
Die Quantität und Qualität der salafistischen Bewegung in Deutschland ist nur schwer einzuschätzen. Die Generierung von robusten Daten ist notorisch schwierig, unter anderem weil sich religiöse oder politische Einstellungen nur mit erheblichen Aufwand messen lassen, Salafismus keine Mitgliedschaft kennt und die salafistische Bewegung einen dezentralen Charakter aufweist (Spielhaus 2014: 23; Biene et al. 2015: 2). Die verlässlichsten Angaben über die Anzahl politisch aktiver Salafistinnen und Salafisten beruhen auf Einschätzungen der Verfassungsschutzbehörden. Demnach stuft das Bundesamt für Verfassungsschutz im August 2016 auf Grundlage der von den 16 Landesämtern für Verfassungsschutz gelieferten Zahlen 8.900 Personen in der Bundesrepublik als salafistisch ein. Dabei ist zu beachten, dass es sich um Einschätzungen handelt, die je nach Vorgehen der Landesbehörden für Verfassungsschutz auf Zählungen namentlich bekannter Personen oder auf (nach Angaben von Mitarbeitenden in Landesämtern für Verfassungsschutz in der Regel konservativen) Beobachtungen und Schätzungen beruhen; sie erfassen nur solche politischen Salafistinnen und Salafisten, die sich an salafistischen "Bestrebungen" beteiligen, welche "gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind" (§?3 des Bundesverfassungsschutzgesetzes). Diese dem Auftrag des Verfassungsschutzes entsprechende Fokussierung schließt Musliminnen und Muslime aus, die lediglich salafistisch glauben oder eine salafistisch geprägte politische Einstellung haben, aber keine "Aktivitäten" ("Bestrebungen") unternehmen (Said/Fouad 2014b: 49; siehe auch das Kapitel von Hummel et al. in diesem Band).
Zur Sorge über Salafismus tritt die diffuse, ängstliche Unruhe, die der mörderische Dschihadismus der Organisationen "Islamischer Staat" (IS) und al-Qaida sowie ihrer militanten Sympathisantinnen und Sympathisanten in Westeuropa und anderen Teilen der Welt verbreitet. So wurden in Frankreich seit Januar 2015 insgesamt ein Dutzend dschihadistisch motivierte Anschläge verzeichnet (Stand Juli 2016). In Deutschland gelten fünf Attentate als dschihadistisch motiviert (Stand: Juli 2016): Am 02. März 2011 ermordete der 21-jährige Arid Uka am Frankfurter Flughafen zwei US-amerikanische Soldaten, zwei weitere wurden verletzt; am 26.?Februar 2016 stach ein 15-jähriges Mädchen, das bereits in jungen Jahren in Rekrutierungsvideos des Aktivisten Pierre Vogel als salafistische Musterschülerin inszeniert wurde, einen Polizisten nieder; am 20. April verübten drei männliche Jugendliche einen Bombenanschlag auf einen Tempel der Sikh-Gemeinde in Essen, bei dem drei Personen verletzt wurden; am 18. Juli attackierte ein 17-jähriger Jugendlicher Passagiere eines Regionalzugs in Würzburg und verl…


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