Das verschuldete Selbst

Das verschuldete Selbst

Einband:
Paperback
EAN:
9783593506883
Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Autor:
Silke Meyer
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
11.05.2017

Seit dem 1. 1. 1999 ist in Deutschland die Restschuldbefreiung von privaten Schulden gesetzlich möglich. Die Insolvenzordnung sieht hierfür ein pädagogisches Programm vor, mit dem sich die Überschuldeten als "redlich" (InsO
1) und somit der finanziellen Schuldbefreiung würdig erweisen. Was aber macht Redlichkeit im Kontext von Verschuldung aus? Die geforderten Haltungen zeigen eine neoliberale Prägung: Selbstaktivierung, Selbstauskunft, Eigenverantwortlichkeit. Anhand von narrationsanalytisch ausgewerteten Interviews mit Verschuldeten zeigt die Autorin, wie diese Anforderungen und damit die Schuld an den Schulden internalisiert werden. Mit der Untersuchung des Erzählens als diskursiv anschlussfähiger Akt der Selbstkonstitution leistet das Buch nicht zuletzt einen methodologischen Beitrag zur empirischen Subjektivierungsforschung.

Autorentext
Silke Meyer ist assoziierte Professorin für Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck.

Leseprobe
1. Einleitung "Schulden muss man doch zurückzahlen." Diesen Satz legt der Wirt-schaftsethnologe David Graeber auf den ersten Seiten seiner umfangrei-chen Studie zur Geschichte der Verschuldung - provokant betitelt mit "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" (2012) - einer engagierten jungen An-wältin in den Mund, mit der er auf einer Gartenparty ein Gespräch über die Finanzkrise, den Internationalen Währungsfonds und die Möglichkeit eines Schuldenschnittes für Entwicklungsländer begann. Seine Selbstver-ständlichkeit bezieht der Satz über die Rückzahlungspflicht aus der scheinbar unumstößlichen Verbindlichkeit von Schulden und Schuld: Wer seinen finanziellen Verbindlichkeiten nicht nachkommt und vertragsbrüchig wird, wird schuldig im juristischen wie im moralischen Sinn. Während Graeber in seinem Buch historisch argumentiert, dass und warum Schulden durchaus nicht immer zurückzuzahlen sind, möchte ich im Folgenden der Frage nachgehen, was geschieht, wenn eine Privatperson ihre Schulden nicht zurückzahlt. Wie wirkt sich ökonomische Zahlungsunfähigkeit auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Schuldnern und Schuldnerinnen aus, was konstituiert ein verschuldetes Selbst? Rechtlich ist die Restschuldbefreiung in Deutschland seit 1999 möglich. Wenn aber aus der ökonomischen Transaktion der Schuldhaftigkeit auch ein moralischer Schuldzustand her-vorgeht, was geschieht bei einer finanziellen Entschuldung mit dieser Schuld? Schuldenfragen, Schuldverhältnisse und das verschuldete Selbst Mein Forschungsanliegen lässt sich mit der Frage nach Ökonomie, Bedeutung und Praxis von Verschuldung umreißen, wie sie Schuldner/-innen in narrativen Interviews dargestellt haben. Wenn der ökonomische Alltag fragil und prekär wird, wie es vor allem, aber nicht erst seit der 2007 ausgebrochenen Finanz- und Schuldenkrise für Millionen von Menschen auch in Deutschland der Fall ist, erfahren Schulden eine besondere Aufmerksamkeit: Sie werden zum Maßstab der Lebensbewältigung und zum Muster der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Rechnen, weiteres Leihen, Umschichten, Abstottern, Sparen und Verzichten bestimmen den Rhythmus des Alltags und der Teilhabe an Gesellschaft. Schulden vereinen individuelle wirtschaftliche Gegebenheiten mit Bedürfnissen, Möglichkeiten und Wünschen des Selbst. Als solche werden sie zum Fluchtpunkt moralischer Vorstellungen, denn Schulden und Schuld teilen sich einen "gemeinsamen semantischen Hallraum" (Suter 2016: 8). Dieser "Hallraum" ist diskursiv verfasst: Schuldendiskurse formen den Selbstentwurf des Subjekts (mit), gestalten die Vorstellung von ökonomi-scher Normalität und sozialer Inklusion und nehmen maßgeblich Einfluss auf die Verfasstheit des verschuldeten Selbst. Zwar gehen Verschuldete sowohl mit monetären Außenständen als auch mit moralischen Schuldzu-weisungen unterschiedlich um, gemeinsam ist ihnen jedoch ein verhältnis-mäßig hoher Aufwand, den sie sowohl im alltäglichen Wirtschaften sowie identitätspolitisch betreiben (müssen), um Schulden und Schuld zu erklä-ren, zu rechtfertigen oder abzustreiten. Dies trifft vor allem auf Schuld-ner/-innen zu, die vor oder in einem Verbraucherinsolvenzverfahren ste-hen, also qua Gesetz von ihren wirtschaftlichen Restschulden befreit werden wollen. Wie wird hier eine moralische Entschuldung auf der Ebene des Subjekts verhandelt? Denn auch wer von der Pflicht der Rückzahlung befreit ist, zum Beispiel durch die Privatinsolvenz, muss ihr doch "in seinem Verhalten, seiner Einstellung, seinem Bewegungsspielraum, Projekten, (im) eigenen subjektiven Engagement und der für die Arbeitssuche gewidmeten Zeit Rechnung tragen" (Lazzarato 2012: 94-95). Versteht man Schuld als Verletzung einer rechtlichen, sozialen oder moralischen Ordnung und kann diese gestörte Ordnung durch bestimmte Verhaltensweisen (auch) der Selbstschädigung wiederhergestellt werden (vgl. Horn 2007: Sp. 227-232), dann stehen diese Praktiken, Argumentationen und Denkweisen der Wiedergutmachung im Mittelpunkt meines Interesses. Ergänzen möchte ich Lazzaratos Beobachtungen durch das Reden über Schulden. Diese narrative Darstellung von Verschuldung und Möglichkeiten zur Schuldbefreiung interpretiere ich als einen Subjektivierungsprozess, der zur Konstitution und Modulation des verschuldeten Selbst beiträgt. Meine Forschungsfrage richtet sich darauf zu rekonstruieren, wie diese Art der Subjektivierung erfolgt. Mit welchen empirisch nachvollziehbaren Praktiken verinnerlichen Menschen schulden- und schuldbezogene Denk- und Verhaltensmuster und machen sich und ihr Handeln so anschluss- und diskursfähig? Meine Antwort darauf ist das Erzählen. Präziser gefasst, zielt das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit darauf zu untersuchen, mit welchen narrativen Praktiken als diskursiven Praktiken dauerhaft Verschuldete ihre Verbindlichkeiten verhandeln, deuten und in ihr Selbstbild integrieren. Narrative Praktiken als diskursive Praktiken zu deuten, beschreibt das europäisch-ethnologische Interesse an Schuldenerzählungen als kultureller Leistung zwischen einem sprachlichen Symbolsystem und seiner individu-ellen funktional-pragmatischen Aneignung. Damit steht diese Arbeit in der fachgeschichtlichen Tradition volkskundlicher Erzählforschung, genauer gesagt in dem Zweig der Erzählforschung, der sich mit dem biografischen Erzählen als Mittel der Aneignung und Bewältigung gesellschaftlicher Verhältnisse beschäftigt. Angeregt durch die Untersuchungen des alltäglichen Erzählens von Hermann Bausinger in den 1950er-Jahren (vgl. Bausinger 1952; 1958; 1977) richtete sich die Erzählforschung neu aus und widmet sich seither vermehrt lebensweltlichen Themen und gesellschaftlichen Problemlagen (vgl. Sedlaczek 1997), wobei sie ihr Interesse an Gattungsstrukturen und ihrem Wandel beibehält (z. B. Schneider 2001). Die Erweiterung der Erzählforschung um die Leitlinien des alltäglichen und autobiografischen Erzählens führt Albrecht Lehmann schließlich im Ansatz seiner kulturwissenschaftlichen Bewusstseinsanalyse zusammen (vgl. Lehmann 2007). Diesen Zugang kombiniere ich mit einem funktional-pragmatischen Verständnis von Erzählen als sozialem Handeln. Ein solch erzähltheoretischer Ansatz untersucht soziales Handeln im Modus des Kulturellen (vgl. Wietschorke 2012: 349-355). Ihr elastischer Kulturbegriff gereicht der Europäischen Ethnologie gleichermaßen zum Vor- und zum Nachteil. Sabine Eggmann hat in ihrer diskursanalytischen Arbeit über den Kulturbegriff herausgestellt, dass Kultur in der europä-isch-ethnologischen Forschung weniger den Gegenstand der Wissensbe-stände ausmacht, sondern vielmehr als "Instrument volkskundlichen Arbeitens" (Eggmann 2009: 246, Kursivierung im Original) funktioniert. Gegenstand des europäisch-ethnologischen Erkenntnisinteresses sind damit soziale Ordnungen, während Kultur die analytische Perspektive darauf bestimmt: Die Europäische Ethnologie wird zu einer "kulturell argumentierenden Sozialwissenschaft" (Wietschorke 2012: 353). Wenn ich Schuldenerzählungen im Folgenden als kul…


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