Einband:
Kartonierter Einband
Genre:
20. Jahrhundert (bis 1945)
Autor:
Fritz Georg von Graevenitz
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
10.07.2017
Die Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gilt als Periode des extremen Nationalismus. Doch paradoxerweise bildeten sich zwischen 1919 und 1939 starke internationale Kooperationen aus, die für das 20. Jahrhundert maßgeblich werden sollten. Am Beispiel des Agrarmarkts, eines besonders national ausgerichteten Wirtschaftssektors, zeigt Fritz Georg von Graevenitz, dass Protektionismus als Abbild des wirtschaftlichen Nationalismus und internationale Kooperation in Form von Marktintervention in den krisenhaften 1920er- und 1930er-Jahren zwei Seiten derselben Medaille sein konnten. Im Fokus seiner Analyse stehen nicht staatliche Akteure, die bei der Ausgestaltung einer europäischen Agrarpolitik entscheidend mitwirkten.
»Von Graevenitz's study is well researched and unearths a plethora of archival materials, actors and institutions that deserve a greater place in the international history of the interwar years.[] The book will be of great interest to those interested in the history of the interwar economic order and the longue durée of European agricultural policy. The book will also appeal to scholars interested in the history of international institutions and especially in the history of the League of Nations.« Amalia Ribi Forclaz, H-Soz-Kult, 25.07.2018 »Man muss nicht überschwänglich von der Gestaltungsmacht des Völkerbunds sprechen und kann doch die akribische Suche des Autors dieser am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz entstandenen Arbeit nach Ansätzen zu internationaler Staatlichkeit bewundern.« Gottfried Niedhart, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2017
Autorentext
Fritz Georg von Graevenitz hat Geschichte, Volkswirtschaft und Politikwissenschaft studiert; er leitet heute die Abteilung "Interne Revision" eines MDAX-Unternehmens.
Leseprobe
Einleitung Im Sommer des Jahres 1933 rief der Völkerbund auf dem Höhepunkt der Großen Depression die "London Monetary and Economic Conference" zusammen. Bis dato hatte keine größere internationale Wirtschaftskonferenz stattgefunden. Selbst zur berühmten Genfer Weltwirtschaftskonferenz des Jahres 1927 versammelten sich weniger Delegierte. Die diplomatische Zusammenkunft in London kann folglich mit Fug und Recht als Höhepunkt des Wirtschaftsinternationalismus der Zwischenkriegszeit bezeichnet werden. Sie ging jedoch zugleich als Tiefpunkt in die Geschichte der internationalen Wirtschaftskooperation ein. Die in London vereinbarten Schritte zur allgemeinen Wirtschaftsliberalisierung scheiterten. Mit der Öffnung der abgeschotteten nationalen Märkte war die Hoffnung verbunden gewesen, der Weltwirtschaft zu einem Wachstumsschub zu verhelfen. Tatsächlich schrumpfte der Welthandel zwischen 1929 und 1935 um zwei Drittel seines Wertes. Innenpolitische Interessenlagen und außenpolitisches Misstrauen machten eine nationale Umsetzung der international gefassten Beschlüsse unmöglich. Fritz Scharpf hat hierfür den Begriff der Politikverflechtung geprägt. Kommt es zu einer Blockadesituation, das heißt, erweisen sich international entschiedene Projekte auf Grund der Vetoposition starker nationaler Interessengruppen als in den einzelnen Ländern unumsetzbar, sind die beteiligten Akteure in die Politikverflech-tungsfalle getreten. Der Völkerbund und seine Wirtschaftspolitik gelten als historisches Sinnbild für diese Politikverflechtungsfalle. Entsprechend ordnet die Historiographie die Londoner Weltwirtschaftskonferenz als Misserfolg ein. So reduziert sich das sicherheits- und wirtschaftspolitische Vermächtnis des Völkerbunds auf ein misslungenes Experiment in inter-nationaler Konferenzdiplomatie am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Besonders die Landwirtschaft stellte ein auf internationaler Ebene hoch kontrovers diskutiertes Feld dar. An kaum einem anderen Thema rieb sich der liberale "esprit de Genève" so auf wie an dem um sich greifenden Agrarprotektionismus. Der Grund für den Sonderstatus der Landwirtschaft - sowohl im gut gefüllten Topf nationaler Stützungsprogramme als auch auf internationalem Parkett - lag in der doppelten Krise der Agrarwirtschaft. Einerseits verlangte die Weltagrarkrise kurzfristig ein schnelles Handeln. Andererseits kämpfte der Sektor langfristig mit einer allmählichen volkswirtschaftlichen Marginalisierung im Zuge der Industrialisierung. Dieser Vorgang ist als Entagrarisierung in die Geschichte eingegangen. Die Reaktion auf diese doppelte Herausforderung ist von der Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts en détail analysiert worden. Zölle gegen den Im-portdruck aus billiger produzierenden Agrarländern bildeten lediglich das Grundgerüst nationaler Marktabschottung. Vor allem quantitative Im-portrestriktionen, Exportsubventionen, Währungsabwertungen und staatli-che Produktionsplanung ließen Weltmarktpreise fallen und Handels-ströme austrocknen. Sie waren mit ein Grund für - so eine These Harold James' - das Ende der Globalisierung zwischen den Weltkriegen. Ein Blick in die Handelsstatistiken beweist, wie sehr nun an die Stelle globaler Wirtschaftsintegration die Rückbesinnung auf den nationalen Bezugsrah-men trat, insbesondere in Europa. Die radikale Anwendung staatlicher Interventionsinstrumente in der Großen Depression verdeutlicht die grundlegende Abkehr vom Liberalismus als ökonomischem Leitgedanken des 19. Jahrhunderts. Der fürsorgende "Nachtwächterstaat" des 19. Jahrhunderts wandelte sich zum vorsorgenden Wohlfahrtsstaat. Agrarpolitik wurde zur Sozialpolitik. Treibende Kraft hinter der agrarpolitischen Nationalisierung waren starke landwirtschaftliche Agrarverbände, die sich bereits im 19. Jahrhun-dert vor allem in Europa herausgebildet hatten. Ihre verbandspolitische Offensive vermochte dem Agrarsektor über das 20. Jahrhundert hinweg letztendlich ein politisch größeres Gewicht zu verleihen, als es seine tat-sächliche volkswirtschaftliche Bedeutung vermuten ließ. Die Argumente für die weiterhin ungebrochen große Bedeutung der Landwirtschaft reich-ten von der sozialpolitischen Komponente der Einkommenssicherung in ländlichen Gebieten bis hin zur nationalen Versorgungssicherheit, deren Sicherstellung insbesondere nach den Hungersnöten des Ersten Weltkriegs auch staatspolitisch oberste Priorität haben musste. Zugleich wurde der Landwirtschaft eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung zugesprochen. Vor allem in Europa bildete demnach die Landwirtschaft im zunehmenden Globalisierungs- und Industrialisierungsprozess das soziale Fundament der Nation, das - komme was wolle - erhalten werden müsse. Dieser "landwirtschaftliche Exzeptionalismus", nach dem der Agrarsektor hinsichtlich Wirtschaftsform und gesellschaftlicher Relevanz als von anderen Sektoren verschieden einzustufen ist, zieht sich wie ein roter Faden durch die agrarpolitischen Diskussionen im 20. Jahrhundert und es ist erstaunlich, wie sehr er zu einem Allgemeinplatz in der wirtschaftspolitischen Ausrichtung der europäischen Nationalstaaten wurde. Denn nicht nur das nationalistisch geprägte Agrarmilieu vertrat diese Ansicht, auch Industrielle und Persönlichkeiten aus der internationalen Politik machten sich die Auffassung zu eigen. Der französische Völkerbundsdelegierte Daniel Serruys beispielsweise bemühte die altgriechische Sage von Antaios, um die Bedeutung der Landwirtschaft für die Nation zu verdeutlichen. Antaios, Sohn der Erde musste sich, sobald ihn die Kräfte verließen, auf den Boden knien, um wieder an Stärke zu gewinnen. Wie Antaios, so fände auch die Nation Le-benskraft durch Rückbezug auf ihren Boden. Die radikalste Ausfor-mung dieser Anschauung stellte die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie dar. Der offensichtlich nationale Bezugspunkt in der wirtschaftspolitischen und kulturellen Ausrichtung des Agrarsektors spricht zunächst gegen eine Orientierung in Richtung internationaler Kooperationsbemühungen. Dem-gegenüber liegt der analytische Fokus der vorliegenden Studie auf der als paradox erscheinenden parallelen Herausbildung von nationalen Abschot-t…
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