Bettler, Kriegsinvaliden, Körpersensationen

Bettler, Kriegsinvaliden, Körpersensationen

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593507132
Genre:
Kulturgeschichte
Autor:
Patrick Schmidt
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
09.11.2017

Körperliche und sensorische Beeinträchtigungen - etwa der Verlust von Gliedmaßen, Lähmungen, Blindheit oder Gehörlosigkeit - waren auch in der frühen Neuzeit ein fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie stellten die Betroffenen und ihr soziales Umfeld vor andere, aber ähnlich tief greifende Herausforderungen wie heute. Patrick Schmidts Grundlagenstudie rekonstruiert anhand von Artikeln und Anzeigen aus britischen, französischen und deutschen Zeitungen und Zeitschriften, in welchen Zusammenhängen - etwa Armut und Armutspolitik, Krankheit und Heilung, Pädagogik und außergewöhnliche Körperlichkeit - "Behinderung" im 17. und 18. Jh. wahrgenommen und thematisiert wurde.

»Patrick Schmidt liefert in seiner Monographie eine umfassend recherchierte diskursgeschichtliche Untersuchung zur Deutung und Wahrnehmung von Beeinträchtigungen und beeinträchtigten Menschen in der frühen europäischen Neuzeit. [] Es bleibt keinZweifel, dass diese nuanciert argumentierte Grundlagenstudie besonders durch die verfolgte Panorama Perspektive und Akzentuierung journalistischer Texte einen produktiven und wichtigen Beitrag zum Verständnis der Vorgeschichte moderner Behinderungsdispositive leistet.« Moritz Ingwersen, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 22 (2020)

Autorentext
Patrick Schmidt, Dr. phil., ist Privatdozent an der Universität Rostock.

Klappentext
Körperliche und sensorische Beeinträchtigungen - etwa der Verlust von Gliedmaßen, Lähmungen, Blindheit oder Gehörlosigkeit - waren auch in der frühen Neuzeit ein fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie stellten die Betroffenen und ihr soziales Umfeld vor andere, aber ähnlich tief greifende Herausforderungen wie heute. Patrick Schmidts Grundlagenstudie rekonstruiert anhand von Artikeln und Anzeigen aus britischen, französischen und deutschen Zeitungen und Zeitschriften, in welchen Zusammenhängen - etwa Armut und Armutspolitik, Krankheit und Heilung, Pädagogik und außergewöhnliche Körperlichkeit - "Behinderung" im 17. und 18. Jh. wahrgenommen und thematisiert wurde.

Zusammenfassung
Körperliche und sensorische Beeinträchtigungen - etwa der Verlust von GliedmaÃen, Lähmungen, Blindheit oder Gehörlosigkeit - waren auch in der frühen Neuzeit ein fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie stellten die Betroffenen und ihr soziales Umfeld vor andere, aber ähnlich tief greifende Herausforderungen wie heute. Patrick Schmidts Grundlagenstudie rekonstruiert anhand von Artikeln und Anzeigen aus britischen, französischen und deutschen Zeitungen und Zeitschriften, in welchen Zusammenhängen - etwa Armut und Armutspolitik, Krankheit und Heilung, Pädagogik und auÃergewöhnliche Körperlichkeit - "Behinderung" im 17. und 18. Jh. wahrgenommen und thematisiert wurde.

Leseprobe
Vorwort Den ersten Denkanstoß, mich mit der Geschichte beeinträchtigter Menschen zu beschäftigen, gab mir eine Quelle, die ich während der Recherchen für meine Doktorarbeit im Cabinet des Estampes et dessins in Straßburg entdeckte. Auf der Suche nach Zeugnissen zünftischer Erinnerungskulturen fand ich in einem Zunftbuch einen handschriftlichen Eintrag und ein Selbstporträt Matthias Buchingers, der den Lesern auf den folgenden Seiten mehrfach begegnen wird. Buchinger hat der Straßburger Zunft zur Stelz wahrscheinlich nicht angehört - aber die Korporation gab ihm 1711 Gelegenheit, sich in ihrem Stammbuch zu verewigen. Buchinger war von sehr kleinem Wuchs - im zeitgenössischen Sprachgebrauch ein "Zwerg" - und war ohne Hände und Füße zur Welt gekommen. In dem Straßburger Zunftbuch betont er, dass er sowohl sein Porträt als auch den begleitenden Text selbst mit "der fädter gezeignet und geschrieben" habe. Obwohl mein Erkenntnisinteresse damals ein ganz anderes war, habe ich diesen Quellenfund im Gedächtnis behalten. Er hat mir vor Augen geführt, dass es - was eigentlich selbstverständlich ist - auch in der Frühen Neuzeit Menschen gab, die in der Gegenwart als "körperlich behindert" bezeichnet werden würden. Zugleich war mein Eindruck, dass damals, im Jahr 2004, aus der Forschungsliteratur über diese Menschen kaum etwas zu erfahren war. Aus dieser Begegnung mit Matthias Buchinger hat sich auf etwas verschlungenen Wegen mein Habilitationsthema entwickelt. Die Biographie eines solchen Menschen zu schreiben, wäre mir reizvoll erschienen, aber mir wurde bald klar, dass die Quellenüberlieferung ein solches Buch nicht hergeben würde. Menschen wie Buchinger konnten als "armless wonders" zu kleinen Berühmtheiten werden. Aber sie waren nicht prominent genug, um die umfangreiche und einigermaßen lückenlose Überlieferung zu hinterlassen, die erforderlich wäre, um ihre Lebensgeschichten zu schreiben. Auch schien mir, dass etwas Anderes für die Geschichtswissenschaft relevanter wäre: Nämlich zu rekonstruieren, was in der Frühen Neuzeit über körperlich und sensorisch beeinträchtigte Menschen gedacht, geschrieben und publiziert werden konnte. Dies zumindest in Ansätzen zu leisten, ist das Ziel des vorliegenden Buches. Es zu schreiben, ist für mich zu einer besonderen intellektuellen und ethischen Herausforderung geworden. Anders als es bei Zeithistorikern der Fall ist, sind Frühneuzeit-Spezialisten meist in der komfortablen Lage, sich in ihrer Forschung nicht mit drängenden politischen oder moralischen Fragen auseinandersetzen zu müssen. Zwischen der Gegenwart und der Epoche, die wir untersuchen, liegt eine so große Distanz, dass es nicht nur gestattet, sondern auch wissenschaftlich geboten erscheint, die letztere nicht an den Maßstäben der Ersteren zu messen: Kein frühneuzeitliches Gemeinwesen war im modernen Sinne demokratisch oder rechtsstaatlich verfasst; keines hat die Gleichberechtigung der Geschlechter realisiert; ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten zu diskriminieren, war in ihnen Normalität; ebenso wie die Anwendung militärischer Gewalt als Mittel der Politik. Im Weltbild der Epoche war die Annahme fest verankert, dass Menschen ungleich geboren werden und nicht gleich. Unsere politischen und ethischen Idealvorstellungen können daher kein sinnvoller Maßstab zur Beurteilung frühneuzeitlicher Gemeinwesen sein. Das schien mir klar, als ich anfing, mich mit der Geschichte beeinträchtigter Menschen zu beschäftigen. Doch schnell wurde ich mit dem Umstand konfrontiert, dass Disability Studies und Disability History Forschungsfelder sind, in denen dies geradezu systematisch anders gesehen wird. Aus vielfältigen und guten Gründen fassen diese Disziplinen historische Forschung als politisch auf - auch dann, wenn sie sich weit zurückliegenden Epochen widmet. Viele Vertreter der Disability Studies möchten gesellschaftsverändernd wirken - helfen, eine gerechtere Welt zu schaffen. Und sie erforschen Geschichte, um sowohl die Wurzeln moderner Diskrimierungspraktiken zu finden als auch alternative Entwürfe für ein inklusiveres Zusammenleben beeinträchtigter und nicht-beeinträchtigter Menschen. Das erscheint mir einerseits legitim und wichtig. Andererseits lag und liegt mir das Ideal einer möglichst werturteilsfreien Forschung am Herzen. Und die Generalthese der Disability Studies, der zufolge Menschen in keiner Weise durch ihre Körper "behindert" sein, sondern ausschließlich aufgrund gesellschaftlicher Praktiken und Diskurse "behindert" werden können, hat mich nie gänzlich überzeugt. Solche Praktiken und Diskurse prägen zweifellos das Leben von Menschen, deren Körper von normativen Erwartungen abweichen, in hohem Maße. Aber ist tatsächlich eine Gesellschaft denkbar, in der es keinerlei Nachteile bedeuten würde, blind, gehörlos oder querschnittsgelähmt zu sein? Wenn ich mir solche skeptischen Fragen in bezug auf Grundpositionen der Disability Studies und der Disability History stellte, war mir indes zugleich klar, dass es mir als einer "temporarily abled person" nicht möglich war und is…


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