Einband:
Kartonierter Einband
Genre:
Politische Soziologie
Autor:
Heiko Beyer, Annette Schnabel
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
08.06.2017
Soziale Bewegungen haben eine lange Tradition als Agenten des sozialen Wandels. In den vergangenen Jahren haben sie wieder eine besondere öffentliche Sichtbarkeit erlangt, etwa durch den Arabischen Frühling, Occupy Wall Street oder Pegida. Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich schon seit ihren Anfangstagen mit der Frage, unter welchen Umständen Soziale Bewegungen entstehen und erfolgreich sind. Dieser Band stellt einen Überblick der Theorien über Soziale Bewegungen zur Verfügung und bietet damit einen konzeptuellen Werkzeugkasten, mit dem sich aktuelle Phänomene erfassen, beschreiben und erklären lassen. Seine theorievergleichende Perspektive ermöglicht, nicht nur Soziale Bewegungen selbst, sondern auch ihre sozialwissenschaftliche Konzeptualisierung im Wandel der Zeit zu beobachten und zu verstehen.
»Beyer und Schnabel erweisen sich als gute Kenner der Forschungs- und Theoriegeschichte. Durch ihre ausgreifende Darstellung auf engem Raum ist ihnen eine sowohl für Einsteiger wie Kenner nützliche Überblicksdarstellung gelungen. Auch die Benennung von Kritik an den jeweiligen Theorien und eine Abklärung des Spannungsverhältnisses bei den Ansätzen sprechen für diese Einführung.« Armin Pfahl-Traughber, Humanistischer Pressedienst, 04.07.2017 »Den Autor_innen [ist] eine kenntnisreiche, konzise und gemessen an der Informationsdichte auch gut lesbare Einführung gelungen. Die Beschränkung auf Theorien hebt das Buch von anderen Einführungen zu sozialen Bewegungen in deutscher Sprache ab und ist Studierenden, Lehrenden und anderen Interessierten zur Einarbeitung in das ungemein breite Themenfeld sehr zu empfehlen.« Ulf Teichmann, Soziopolis, 26.04.2018
Autorentext
Heiko Beyer ist Soziologe und Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Leseprobe
1. Einleitung 1.1 Zur Brisanz Sozialer Bewegungen Im Morgengrauen des 15. August 1963 machten sich Lawrence Cumberbatch, ein sechzehnjähriger Teenager aus Brooklyn, und zwölf weitere Mitglieder der hiesigen Ortgruppe des Congress of Racial Equality (CORE) auf den Weg, um gemeinsam mit 250.000 anderen Aktivist*innen in Washington DC für die Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten zu demonstrieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmer*innen traten Cumberbatch und seine Genoss*innen die Anreise jedoch nicht mit dem Bus oder in Autos an. Stattdessen hatten sie beschlossen, die Strecke von Brooklyn nach Washington zu Fuß zurückzulegen. Startpunkt war das heute noch existierende Downstate Hospital in der Lenox Road unweit des Prospect Parks, das damals gerade erbaut wurde und vor dem Cumberbatch mit seinen Freund*innen wochenlang protestiert hatte, da die State University, die auf dem Krankenhausgelände ein Wohnheim für ihre Medizinstudent*innen errichtete, Weiße bei der Job-Auswahl bevorzugt zu haben schien. An der Kundgebung in Washington teilnehmen wollte Cumberbatchs Ortgruppe dementsprechend vor allem, weil sie sich davon eine Verbesserung der Situation auf dem Arbeitsmarkt erhoffte. Ein Foto zeigt die vier Frauen und neun Männer mit selbstbemalten "Freedom Now"-Sweatshirts, Schlafsäcken und Reisetaschen am Morgen des 15. August aufbrechen. In den folgenden zwölf Tagen schlief die Gruppe auf Supermarktparkplätzen, ernährte sich hauptsächlich von Keksen und erfuhr von vorbeifahrenden Autofahrer*innen und Passant*innen immer wieder rassistische Beschimpfungen, manchmal jedoch auch Ermunterungen. Die dreißig Meilen durch Delaware mussten an einem einzigen Tag zurückgelegt werden, da die dortige Polizei den Aktivist*innen verboten hatte, ein Camp aufzuschlagen. Einige Menschen spendeten der Gruppe Geld oder luden sie zum Essen ein. Am Abend des 27. August erreichten die CORE-Mitglieder schließlich Washington. Sie übernachteten bei Gleichgesinnten in der Umgebung, begaben sich am nächsten Morgen zur Demonstration und wurden so Zeug*innen eines der wichtigsten Momente in der US-amerikanischen Geschichte. Da die Gruppe durch die wortwörtliche Umsetzung ihrer Aktion, "nach Washington zu marschieren", zu diesem Zeitpunkt bereits einige Bekanntheit erlangt hatte, durfte sie mit Martin Luther King jr. das Podium vor dem Lincoln Memorial betreten. Lawrence Cumberbatch erinnert sich an diesen Moment folgendermaßen: "The only way I could explain the experience is that once we gathered from the different homes where we'd spent the night, we walked through the throngs of people, we were escorted up to the podium, and that's when it struck. You could see nothing but this landscape of people, nothing but people. It was really incredible. We were giddy. I can remember it." (zit. nach Cumberbatch Anderson 2013) Der kurzfristige realpolitische Ertrag des March on Washington war weitaus weniger überwältigend, als die beschriebenen Erfahrungen, die Cumberbatch und andere Teilnehmer*innen in Bezug auf die Demonstration in Erinnerung behielten. Für die schwarzen Arbeiter*innen änderte sich zunächst wenig. Dennoch ist wohl unstrittig, dass der March on Washington einen der wichtigsten symbolischen Erfolge des civil rights movement darstellt. Vor allem dank Martin Luther Kings "I have a dream"-Rede steht das Ereignis bis heute weltweit als Sinnbild für das Aufbegehren einer unterdrückten Minderheit, die sich erfolgreich gesellschaftliche Teilhabe erkämpft hat. Soziale Bewegungen sind oftmals der einzige Weg für marginalisierte Bevölkerungsgruppen, gegen Diskriminierung und ungerechte Lebensbedingungen aufzubegehren. Bewegungsorganisationen sind im Vergleich zu staatlichen Akteur*innen weniger darauf angewiesen, Mehrheitsmeinungen und -interessen zu repräsentieren und fokussieren sich in der Regel gerade auf Themen, die nicht oder nur unzureichend von der Parteienlandschaft abgedeckt werden. In diesem Sinne sind sie ein bedeutender Bestandteil zivilgesellschaftlicher Mitbestimmung und eines der wichtigsten Werkzeuge demokratischer Gesellschaften, um Minderheitenforderungen in den öffentlichen Diskurs zu integrieren (Alexander 2006). In den letzten Jahren wurde der Bewegungsforschung jedoch von der politischen Realität eine bittere Lektion erteilt; nämlich jene, dass es sich bei Minderheitenmeinungen durchaus auch um solche handeln kann, die anderen Minderheiten ihre Rechte absprechen. War der Erfolg der sozialwissenschaftlichen Bewegungsforschung unmittelbar an den Aufstieg der Neuen Linken der 1960er und 1970er Jahre geknüpft gewesen, überschnitten sich häufig sogar die Rolle der Aktivist*in mit jener des Forschenden, so erscheint vor dem Hintergrund der aktuellen antiegalitären Bewegungen diese Überidentifikation mit den Untersuchungsobjekten als Ursache eines konzeptuellen blinden Flecks: Die normative Aufladung von Begriffen wie Soziale Bewegung, Zivilgesellschaft und Demokratie, die in den Sozialwissenschaften häufig zu beobachten ist, hat problematische Konsequenzen für die Analyse der neuesten Sozialen Bewegungen. Nicht, weil die zugrunde liegende Norm nicht potenziell begründungsfähig wäre - warum sollte man sich nicht darauf einigen können, dass zivilgesellschaftlicher Protest oft sozial erwünschte Folgen hervorbringt? -, sondern weil damit Phänomene wie Antisemitismus, Antiamerikanismus, Antifeminismus und Rassismus, die ideologischer Grundbestandteil auch einiger (nicht nur rechtsextremer) Sozialer Bewegungen waren und sind, aus dem Blick geraten. Diese operieren ironischerweise meist genau mit dem Argument, sie nähmen die Demokratie ernst. Ihre Positionen würden von den Eliten als politisch inkorrekt gebrandmarkt, obwohl sie dem Willen des Volks entsprächen. Der vorliegende Einführungsband ist uns nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Erfolgs neurechter und islamistischer Bewegungen in den letzten Jahren ein besonderes Anliegen. Konnten die Sozialwissenschaften durch die Civil-Rights-, Studenten-, Friedens-, Umwelt-, Frauen- und Gay-Rights-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre das Phänomen der Sozialen Bewegungen gar nicht mehr übersehen,…
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