Ehre und Rache

Ehre und Rache

Einband:
Paperback
EAN:
9783593507200
Genre:
Altertum
Autor:
Philipp Ruch
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
28.02.2017

Nach gängiger Auffassung entstand der Rechtsstaat durch die Zähmung der barbarischen Natur des Menschen: Archaische und vormoderne Gesellschaften seien von Konflikten um Ehre und Rache regiert worden, deren Macht im langwelligen Prozess der Zivilisierung gebrochen wurde. Durch Aufklärung und Modernisierung sei die von den Ehrgefühlen entzündete Gewalt wieder eingehegt worden und Humanität an die Stelle der Triebnatur des Menschen getreten - so die gängige Annahme. Dieses Buch zeigt am Beispiel der griechischen Antike auf, dass die Gefühle, die wir gemeinhin mit Ehre und Rache verbinden, durch das antike Recht überhaupt erst geschaffen wurden. Es leistet einen wichtigen Beitrag zu einer politischen Theorie der Wirksamkeit des Rechts und fügt der Gewaltgeschichte des Menschen in der frühgriechischen Antike eine unerwartete Wendung hinzu.

»Ruch entwirft ein Bild der Antike, das sich weder schatten- noch sonnenseitig vereinnahmen lässt. Dabei schreibt er kein Epochenporträt, sondern untersucht in aller wünschenswerten Detailliertheit einen Aspekt des antiken Rechtsverständnisses, allerdings einen zentralen.« Dirk Pliz, Berliner Zeitung, 28.09.2017 »Eine Untersuchung zur Bedeutung der beiden Begriffe im antiken Recht. In Wahrheit ein Beitrag zu Fragen der aktuellsten Politik.« Arno Widmann, Berliner Zeitung, 15.07.2017 »[Die Studie] bereichert unseren Blick auf die Quellen des Altertums, und damit auf uns selbst, um mehr als eine Facette.« Guido Pfeifer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2017 »Ruch zeigt in einer detaillierten Analyse der antiken griechischen Überlieferung, dass eine Reihe von Vorstellungen, die wir heute mit beiden Begriffen verbinden, damals nicht galten.«, Berliner Zeitung, 22.07.2017 »[Der Autor] such[t] sich Themen aus, die in der Forschung liegengeblieben sind [und] argumentier[t] auf hohem Niveau [] von intellektueller Neugier angetrieben und enorm gelehrt, was sich in einem fünfzig Seiten und längeren Literaturverzeichnis zeigt.« Aleida Assmann, Merkur, 73. Jahrgang, November 2019 »Im Unterschied zu einer wesentlich althistorischen Arbeit interessiert sich Ruch jedoch durchaus auch dafür, was das Verschwinden von Ehre und Rache für uns heute bedeutet, und er weigert sich, die Auflösung von Ehre in Würde und die Ablösung von Racheansprüchen und Racheakten durch Gerichtsverfahren in eine umstandslose Geschichte kontinuierlichen Fortschritts einzuschreiben.« Herfried Münkler, Gutachten zur Promotion, 2016 »Das überzeugende dieser Arbeit besteht [] darin [], dass [der Autor] aufgrund seiner Querstellung zur Forschung viel stärker in die historische Tiefe einzusteigen gezwungen ist.« Hartmut Böhme, Gutachten zur Promotion, 2016 »Philipp Ruch hat eine sehr ambitionierte Untersuchung vorgelegt, deren Lektüre fasziniert.« Wilfried Nippel, Gutachten zur Promotion, 2016

Autorentext
Philipp Ruch ist Philosoph und Gründer des Zentrums für Politische Schönheit.

Klappentext
Nach gängiger Auffassung entstand der Rechtsstaat durch die Zähmung der barbarischen Natur des Menschen: Archaische und vormoderne Gesellschaften seien von Konflikten um Ehre und Rache regiert worden, deren Macht im langwelligen Prozess der Zivilisierung gebrochen wurde. Durch Aufklärung und Modernisierung sei die von den Ehrgefühlen entzündete Gewalt wieder eingehegt worden und Humanität an die Stelle der Triebnatur des Menschen getreten - so die gängige Annahme. Dieses Buch zeigt am Beispiel der griechischen Antike auf, dass die Gefühle, die wir gemeinhin mit Ehre und Rache verbinden, durch das antike Recht überhaupt erst geschaffen wurden. Es leistet einen wichtigen Beitrag zu einer politischen Theorie der Wirksamkeit des Rechts und fügt der Gewaltgeschichte des Menschen in der frühgriechischen Antike eine unerwartete Wendung hinzu.

Leseprobe
Einleitung
Gegenstand und Zielsetzung der Untersuchung
Aus der Geschichte der Physik ist die Erkenntnis überliefert, dass ein und dasselbe Naturphänomen, unter zwei Paradigmen betrachtet, mehr oder minder widerspruchsfrei als vollkommen unterschiedlichen Gegenstandsbereichen zugehörig wahrgenommen und konzeptualisiert werden kann. Zwei Physiker aus gegensätzlichen Schulen können denselben Untersuchungskörper vor Augen stellen und Unterschiedliches sehen. Als Thomas KUHN sich damit auseinandersetzte, was wissenschaftstheoretisch geschah, als die Idee des Gases vor dem geistigen Auge des Physikers hin-zutrat, gibt er seinen Beobachtungen die Form eines Arbeitsauftrages: "nicht nur das Gas selbst zu sehen, sondern auch, was das Gas war." Die vorliegende Arbeit ist nach diesem Auftrag gegliedert. Es wird auf die Erkenntnis ankommen, dass Ehre ist und was sie ist.
KUHN bezeichnet den Augenblick, in dem ein Physiker zum ersten Mal das Gas sieht, als "Gestaltwandel" - als Kipppunkt, an dem die alte Wahrnehmung in die neue umschlagen kann. Zwar wird immer wieder bestritten, dass es historisch jemals zu abrupten Umschwüngen in den Naturwissenschaften kam (vielmehr soll sich die alte Vorstellung mit den Implikationen einer neuen Theorie überlagert haben und vermischen), aber gerade aus der Rückschau existiert die Wahlmöglichkeit zweifelsohne, die Welt unvermittelt mit und ohne Gastheorie zu betrachten. Der Begriff Ehre enthält vielleicht diese seltene Gelegenheit, die Welt des Politischen mit anderen Augen wahrzunehmen und die neue in eine alte Welt umschlagen zu lassen. Der Vexierpunkt bedarf allerdings der Vorbereitung, des Sehen-Lernens und der Verabschiedung von herkömmlichen Vorstellungen über die Natur von Ehre und Rache.
Analog zu den physikalischen Kernbegriffen Kraft, Raum, Masse und Energie stellen sich auch beim politikwissenschaftlichen Pendant Ehre Verständnis- und Übertragungsschwierigkeit ein. Das Selbstverständnis westlicher Gesellschaften scheint nicht auf Prestige, Reputation, Ansehen oder Anerkennung zu gründen, wie sich älteren Autoren die Macht der Ehre aufdrängt. Äquivalenzbegriffe decken die Eigenschaften eines alten Schlüsselbegriffs gemeinhin zu. Zusatzbegriffe wie Nachhaltigkeit reichen nicht an das antike Interesse an Unvergesslichkeit heran, das teilweise in den Quellen aufscheint. Es kommt zu einer Spannung zwischen Begriffs- und Phänomenaktualität, die zu Irrtümern und Unterstellungen führt. Dieser Bedeutungsverlust wirkt sogar retroaktiv auf die Erforschung der Geschichte zurück. Das Lemma Ehre kommt in zahllosen Nachschlagewerken wie im Metzler-Lexikon Antike schon gar nicht mehr vor.
Otto BRUNNER weist darauf hin, dass die Begriffe, welche Geisteswissenschaftler gedankenlos aus der Alltagssprache aufgreifen und auf das historische Material anwenden, stets Teil des Erkenntnisproblems sind. Die bekannten Begriffe bringen zu Fall, was eigentlich ergriffen werden sollte. Sie sägen das menschliche Verhalten auf Bekanntes nach anderen Vorstellungen zurecht. Deshalb fällt BRUNNERS Wahl bewusst nicht auf einen der hegemonialen politikwissenschaftlichen Deutungsbegriffe wie Macht oder Prestige, sondern er reaktiviert die Originale Ehre und Fehde, um das politische Verhalten einer vergangenen Zeit einzuholen: "Jede politische Geschichte des Mittelalters, die an der Fehde vorbeisieht, versperrt sich selbst den Zugang zu Einsichten, aus denen politisches Handeln im Mittelalter erst verstanden werden kann."
Was zunächst aufgegeben werden muss, ist die Selbstgewissheit überlegener historischer Einsichten. Wie Frank J. FROST darstellt, ist das Wesen der attisch-adligen Politik in frühklassischer Zeit "dominated not by motives of economic gain and certainly not by political ideology, but by pride, honor, self-esteem and the respect of others". In modifizierter Form, aber am deutlichsten, zeichnet Jean-Marie MOEGLIN den epistemologischen Anspruch vor, indem er die Ehre von Politikern für mehr hält "als lediglich eine anekdotische und leicht veraltete Arabes…


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