Geheime Kommunikationsräume?

Geheime Kommunikationsräume?

Einband:
Paperback
EAN:
9783593507804
Genre:
Zeitgeschichte (1946 bis 1989)
Autor:
Katharina Lenski
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
08.12.2017

Die Staatssicherheit agierte in der DDR nach 1961, wie Katharina Lenski in ihrer Studie zeigen kann, weniger als Geheimpolizei, sondern vielmehr als Geheimbürokratie. Die Studie beleuchtet das enge Zusammenwirken von Universität und Staatssicherheit, aber auch das Hineinwachsen des Wissenschaftsmilieus in einen Geheimhaltungsraum, der von Feindbildern und von Mauern des Schweigens durchkreuzt war. In diesem dysfunktionalen Kommunikationsraum setzte sich Geheimhaltung als Schlüsselkompetenz durch. Das Buch liefert neue Einsichten zur Wissens- und Organisationsgeschichte im Staatssozialismus und lädt ein, zentrale Fragen des 20. Jahrhunderts neu zu denken.

»Wie der Titel andeutet, hat die Autorin ihre Arbeit in das Konzept der Universität als Kommunikationsraum eingebettet. Statt der statischen Feind-Freund-Dichotomie durch das totalitäre Konzept untersucht sie die unzähligen Arten, wie Individuen sich an die sozialen Strukturen anpassen, sie verhandeln oder vermeiden. [] Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die sorgfältige Recherche [] Sie bietet umfangreiche biographische und berufliche Informationen nicht nur über die Stasi-Beamten sondern auch über die Universitätsangestellten und Parteifunktionäre. [] Das Ergebnis dieser beeindruckenden Forschung ist der überzeugende Beweis, wie untrennbar Universität und Stasi verflochten waren.« Gary Bruce, German History, 25.08.2018 »Katharina Lenski [hat] ein aufschlussreiches und empfehlenswertes Buch verfasst. Ihre Arbeit bettet das Wirken der Staatssicherheit auf umfassende Weise in den gesellschaftlichen Kontext ein und verdeutlicht so die vielfältige Verzahnung mit der Universität Jena zwischen 1968 und 1990. Daher stellt der über 600 Seiten starke Band eine wichtige Referenz für kommende Forschungen zum Verhältnis von Hochschule und Staatssicherheit in der DDR dar.« Dr. Bertram Triebel, Geschichtswerkstatt Jena/Gerbergasse 18, 16.07.2020

Autorentext
Katharina Lenski, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Jena.

Leseprobe
Vorwort: Das Nach-Denk-Mal "Dies ist ein Nachdenkmal, also im Sinne von Nachdenken. Dieses Denkmal hat wirklich große Potenziale, Nachdenken anzuregen. Es vollendet sich eigentlich erst auch in der Kommunikation mit den Denkmalsbesuchern. Und das ist eines der entscheidenden Qualitätsmerkmale. Es nimmt das Gedenken nicht ab; es nimmt die historische Erinnerung nicht ab, sondern es öffnet Türen, und es lädt dazu ein zu vertiefen." Der Plan, ein Denkmal zu errichten, welches heute "All denen [gewidmet ist], deren Menschenwürde verletzt wurde, den Verfolgten, die gegen kommunistische Diktatur aufrecht für Demokratie und Menschenwürde einstanden. 1945-1989", rief im Jena der beginnenden 2000er Jahre nach dem Aufbrechen eines stillhaltenden Schweigens kontroverse Diskussionen hervor. Die Widmung, die im Jahr 2009 als Kompromissformel das lange Ringen der Stadt Jena und ihrer Stadtverordnetenversammlung beendete, konnte die unterschiedlichen Positionen nicht gänzlich vereinen. Was war geschehen? Ein ehemaliger Jenenser, der in den 1950er Jahren inhaftiert worden war und nun als Unternehmer in den USA lebte, hatte die Stadt Jena anlässlich des 17. Juni 2003 aufgefordert, ein von ihm womöglich privat finanziertes Denkmal zu bauen. Daraufhin mussten sich Stadt und Universität darüber verständigen, ob und wie an Nachkriegsgewalt, an stalinistische Repression und an Zivilcourage zu erinnern sei. Die scheinbaren Gewissheiten des zeitgenössischen Diskurses erwiesen sich dabei als brüchig. Dies begann mit dem Selbstverständnis der meisten Stadtväter und -mütter, denen die Öffentlichkeit als lästig, der politischen Aushandlung und historischen Reflexion nicht fähig schien, weshalb sie ein undemokratisches Procedere initiierten. Zu diesem Zeitpunkt legte die Fachwissenschaft ihr Veto ein und ermutigte damit nachdenklichere Beteiligte, sich für einen offenen Diskurs zu engagieren. Eine begrenzte Ausschreibung schien den Konflikt lösen zu können, was jedoch nicht gelang. Auch der Gegenstand erwies sich als strittig. Die einen wollten ausnahmslos aller "Opfer" gedenken. Die anderen wollten nicht ehemalige Nazis ehren, dafür aber auch diejenigen in den Kanon aufnehmen, die für Menschenrechte eingetreten waren. Sie wandten sich gegen die entlastende Funktion der Aufteilung der Gesellschaft in "Täter" und "Opfer". Sie wurden dafür von der Gegenseite als "kaputte Charaktere" und "Lumpen" denunziert. Nach dieser ersten turbulenten Phase, in der das Denkmalprojekt schon gescheitert schien, wurde eine zweite Ausschreibung des Denkmals mit einer unabhängigen Jury beschlossen, die ein beachtliches Ergebnis zeitigte. Dies verdankte sich den drei Leitkriterien, nach welchen die Ent-würfe ausgewählt wurden: der "ästhetische[n] und inhaltliche[n] Prägnanz im Blick auf staatliches Unrecht im Kontext SBZ und DDR und in diesem Sinne auch formale[r] und inhaltliche[r] Unverwechselbarkeit". Zweitens sollten vom Denkmal möglichst viele Lern- und Erfahrungsimpulse ausgehen, das drittens nicht provinziell, sondern vielmehr formal und inhaltlich "auf der Höhe der Zeit" sein sollte. Es sollte ein Denkmal geschaffen werden, das weder abschließende Kanonisierung noch Identitätsstiftung forderte, sondern Selbst-Verunsicherungen zur Entwicklung demokratischer Kultur förderte. Auf vorbildliche Weise entsprach dem der Entwurf der Preisträgerin Sibylle Mania: "Das Denkmal ist präzise im Bezug auf den Ort und präzise im Ereignisbezug. Es verweist auf die Stasi, aber nicht nur auf die Stasi. [] Es ist einerseits als Skulptur in sich selber tragfähig, autonom. Es enthält aber viele inhaltliche Impulse, beinahe möchte man sagen narrative Impulse. Es zitiert die Karteikästen der Stasi, es erinnert an den Moment auch der Erstürmung dieses Gebäudes. Es ist lesbar, es ist verstehbar und es regt zum Nachdenken an, funktioniert aber zugleich als Plastik. [] Drittens war uns die komplexe kognitive Struktur sehr wichtig, [] die Informations- und Lernangebote, die dieses Denkmal enthält. [] Es hat uns aber auch überzeugt, dass auf den Karteikästen, [] prägnant und exemplarisch, keineswegs überfrachtend, erstens signifikante, eher mit Ortsbezug, mit Regionsbezug signifikante Namen von Opfern politischer Repression [] genannt werden. Da ist dieses Denkmal ein Ort des Eingedenkens, der Würdigung und der Anerkennung, auch der Anerkennung von Leid. Und dann gibt es ja, das gehört zum Vorschlag, diese zweite Struktur, nämlich markante Kerndaten der Diktaturgeschichte und der Überwindung der Diktatur zu nennen [], natürlich nicht durchbuchstabiert, aber als Impuls, als Orientierung, um das dann zu vertiefen." Konkretion und Abstraktion sinnhaft zu verbinden und Nachdenk-Ange-bote über die Diktatur zu eröffnen - dies sollte das Anliegen des Denkmals sein, wofür auch der Ort mit Bedacht ausgewählt wurde. Dieser wurde auf dem Kreuzpunkt der Achsen gefunden, die das Zusammenwirken der Institutionen symbolisieren, welche soziale und politische Ausgrenzung organisierten: dort, wo sich zuletzt auch die Jenaer Kreisdienststelle der Staatssicherheit befand. Die Künstlerin bildete mit dem Denkmal Aktenkartons nach, die der bürokratischen Struktur des Realsozialismus zu eigen waren. Sie erinnern, teilweise beschriftet, an beispielhafte Ereignisse und Personen der Jenaer DDR-Historie im Kontext überregionaler Prozesse, was zu weiteren Fragen provoziert. Die gestapelten Kästen adaptieren zugleich den Gleichschritt, die Militarisierung sowie die Ideologisierung, die keinen unbestimmten Winkel zuließen und durch ihre Unkonkretheit dennoch auf jegliche Transparenz verzichteten. Das Nach-Denk-Mal wird so zur Verbildlichung der in diesem Buch angesprochenen Fragen, es lässt über diejenigen strukturierenden Elemente im Kommunikationsraum nachdenken, die zur Normalisierung in der "entwickelten sozialistischen Gesellschaft" beitrugen. Einleitung 1. Untersuchungsgegenstand "Es ist nicht…


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