Kriegslust und Fernweh

Kriegslust und Fernweh

Einband:
Fester Einband
EAN:
9783593508122
Genre:
Neuzeit bis 1918
Autor:
Christoph Kamissek
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
07.09.2018

Auslandseinsätze deutscher Soldaten sind kein neues Phänomen. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert waren Offiziere auf den Schlachtfeldern des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, im Osmanischen Reich, in Afrika oder im Kaukasus im Einsatz - als Söldner in Diensten fremder Staaten, als militärische Beobachter oder unter dem Deckmantel von Forschung und Entdeckung. Das Buch beleuchtet diese weitgehend vergessene Vorgeschichte des deutschen Kolonialismus. Es folgt den oftmals abenteuerlichen Reisen und utopischen Planspielen deutscher Offiziere und fragt nach den langen historischen Linien des Zusammenhangs von Gewalt und Globalisierung.Krieg und Konflikt: Herausgegeben von Martin Clauss, Marian Füssel, Oliver Janz, Sönke Neitzel und Oliver Stoll

»Der Verfasser [gewährt] einen tiefen Einblick in ein spezielles Thema der militärischen Voraussetzungen für den deutschen Kolonialerwerb in Afrika, in China und in der Südsee .« Ulrich van der Heyden, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 19.06.2019 »Kamissek [leistet] mit seiner Studie zum imperialistischen Militarismus des langen 19. Jahrhunderts einen bedeutenden Beitrag zur Schließung einer eklatanten Forschungslücke. An diesen Erkenntnissen wird die Forschung zur Neuauslotung langfristiger Kontinuitätsstränge zu kolonialen und genozidalen deutschen Gewaltkulturen des 20. Jahrhunderts nicht vorbeikommen. Nicht zuletzt liest sich die Studie auch als Aufforderung an Militärhistoriker_innen, sich stärker für globalgeschichtliche Perspektiven zu öffnen wie auch als Appel an Globalhistoriker_innen, sich militärgeschichtliche Themen nicht zu verschliessen.« Tanja Bührer, Connections, 05.02.2021 »Kamissek liefert [] einen wesentlichen Beitrag zu der inzwischen weit ausdifferenzierten Forschungsdiskussion um Kontinuität und Kolonialismus.« H-Soz-Kult, 11.02.2021

Autorentext
Christoph Kamissek, Dr. phil., studierte Geschichte, Philosophie und Völkerrecht und ist Referent im Auswärtigen Amt in Berlin.

Leseprobe
1. Einleitung 1.1. Militär und Kolonialismus vom Deutschen Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus: Konturen und Engführungen der Kontinuitätsdiskussion Dieses Buch untersucht einen verschütteten Aspekt der Geschichte des deutschen Militärs - den Einfluss der Globalisierung des 19. Jahrhunderts auf das Denken und Handeln deutscher Offiziere vor dem Ersten Weltkrieg. Noch vor wenigen Jahren hätte eine solche Fragestellung wohl Erstaunen ausgelöst. Die äußere Politik der deutschen Großmacht Preußen und später der Deutschen Reiches galt lange Zeit als fast ausschließlich auf Europa konzentriert, die übrigen deutschen Staaten als provinziell und den großen Verläufen internationaler "Weltpolitik" noch weiter entrückt. Gerade deren Militär als Palastgarde der Vormoderne sei ohne Interesse an oder gar Einflussmöglichkeiten auf internationale Zusammenhänge gewesen. Heute drängt sich der entgegengesetzte Einwand auf, ob die mittlerweile in vielfältigen Untersuchungen herausgearbeitete globale Dimension der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts überhaupt noch wichtige Leerstellen aufweist. Tatsächlich hat die historische Forschung zur deutschen Geschichte ihren lange Zeit vorherrschenden Eurozentrismus und ihre nationalstaatliche Verengung inzwischen weitgehend überwunden. Dafür waren zwei Impulse entscheidend. Erstens ist die Rezeption neuerer Arbeiten zur Epoche der ersten Globalisierung zu nennen, die bereits im "langen 19. Jahrhundert" zu einer weltweiten Vernetzung und Beschleunigung von Handelsverbindungen, Finanzströmen, Informationskanälen und Migrationsbewegungen führte, von denen auch die deutschen Staaten bzw. ab 1871 das Deutsche Reich nicht unbehelligt blieben. Vor diesem Hintergrund wird heute die Geschichte der deutschen Auswanderungsbewegung, der Wirtschaftsentwicklung der deutschen Staaten und auch der Entstehung des deutschen Nationalstaates nicht mehr germano- oder eurozentrisch, sondern transnational und in konstitutiver Wechselwirkung mit globalen Zusammenhängen verstanden. Zweitens geriet seit Anfang der 2000er Jahre eine weitgehend vergessene Episode deutscher Geschichte wieder in den Vordergrund, die für die Zeitgenossen ganz selbstverständlich die Einbettung Deutschlands in die globalen Zusammenhänge des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts belegte. Diese Episode ist die kurze Teilnahme des Deutschen Kaiserreichs am kolonialen Wettbewerb der europäischen Großmächte, die mit dem Erwerb sogenannter "Schutzgebiete" in Afrika ab 1884 begann und mit dem Verlust der deutschen Kolonien im Ersten Weltkrieg endete. Diese formal nur 30 Jahre dauernde Geschichte des deutschen Kolonialismus hat seit einigen Jahren in zweierlei Hinsicht neues Interesse gefunden: einerseits als Teil der globalen Mächtekonkurrenz am Ende der ersten Periode der Hochglobalisierung bis 1914 und andererseits als erster Kulminationspunkt einer Gewaltgeschichte der europäischen Moderne, die - so die berühmte These Hannah Arendts - vom europäischen Imperialismus über den Ersten Weltkrieg bis zur Shoah führte. Insbesondere die Frage nach möglichen Kontinuitäten vom deutschen Kolonialkrieg in "Deutsch-Südwestafrika", dem heutigen Namibia, bis in den Zweiten Weltkrieg hat zu einer lebhaften Debatte über Eigenart und historische Bedeutung des deutschen Kolonialismus einerseits und die kolonialen Dimensionen des Nationalsozialismus andererseits geführt. Empirisch ertragreich war diese Auseinandersetzung vor allem durch eine ganze Reihe neuer und innovativer Untersuchungen zur Geschichte der einzelnen deutschen Kolonien, ihren Verbindungen und Austauschbeziehungen mit den Kolonien anderer Mächte oder zur Stellung des deutschen Kolonialismus innerhalb des imperialen Weltsystems vor dem Ersten Weltkrieg. Auch verfügen wir heute über grundlegend bessere Kenntnisse über die Geschichte der kolonialen Militärapparate, der alltäglichen kolonialen Gewaltherrschaft und der deutschen Kolonialkriege und hier insbesondere des Krieges gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika. Auch haben verschiedene militärische Protagonisten der deutschen Kolonialkriege inzwischen biographische Aufmerksamkeit gefunden. Doch bei allem produktiven Wert hat die Debatte um mögliche Kontinuitäten zwischen dem Kolonialkrieg des Deutschen Kaiserreiches in Deutsch-Südwestafrika und dem Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten in Europa auch zu Einseitigkeiten geführt und wichtige Leerstellen offen gelassen, die im Folgenden diskutiert und teilweise korrigiert bzw. gefüllt werden sollen. Natürlich sind vergangene Ereignisse grundsätzlich nicht vollständig rekonstruierbar und perspektivische Verengungen geradezu die Voraussetzung jeder historischen Forschungsanstrengung. Für die hier im Mittelpunkt stehende Geschichte des deutschen Militärs im Zeitalter der ersten Globalisierung sind einige der bestehenden Lücken und Vereinfachungen jedoch nicht einfach die Folgen einer bestimmen Forschungspragmatik oder Erzählstrategie. Sie beruhen vielmehr auf unhinterfragten Vorannahmen über den Untersuchungsgegenstand selbst, welche die Ergebnisse der historischen Forschungsarbeit und damit auch unser Verständnis des Verhältnisses von Militär und Globalisierung vor dem Ersten Weltkrieg prägen. Insbesondere drei Komplexe von Voraussetzungen sind es, die für die Anlage der vorliegenden Untersuchung eine besondere Rolle spielen. Erstens ist die Konzentration auf die Vernichtung der Herero und Nama (1904-1907) als Fluchtpunkt der Beschäftigung mit dem deutschen Kolonialismus aus moralischer und erinnerungspolitischer Sicht ohne Zweifel berechtigt. Analytisch jedoch ist diese Perspektive beschränkt und steht im Ergebnis auch einer befriedigenden erinnerungspolitischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte im Weg. Denn die leitende Frage nach möglichen Kontinuitäten vom Krieg gegen die Herero und Nama zu den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs verleitet dazu, die "Frühform des totalen Krieges" in Deutsch-Südwestafrika a…


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