Globalisierte Geologie

Globalisierte Geologie

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593508153
Genre:
Regional- und Ländergeschichte
Autor:
Georg Fischer
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
05.10.2017

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs galt Brasilien als eines der eisenreichsten Länder der Erde. Damit verbunden war die Wahrnehmung des Landes als strategischer Rohstofflieferant, aber auch als Großmacht der Zukunft. Doch wie kam es zu der Assoziation von Eisenreichtum und Macht? Und wie entstand überhaupt das Wissen über Natur, auf dem derartige Vorstellungen basierten? Georg Fischer untersucht den Bedeutungswandel des Eisens im Kontext der Globalisierung von wissenschaftlichen Praktiken, Industrialisierungsvisionen, materiellen Knappheitsängsten und der wachsenden Bedeutung technischer Experten in staatlichen Institutionen und transnationalen Investorennetzwerken.

Globalgeschichte: Herausgegeben von Sebastian Conrad, Andreas Eckert und Margrit Pernau

Autorentext
Georg Fischer, Dr. phil., ist Assistant Professor für Brasilienstudien am Institut für Globale Studien an der Universität Aarhus.

Leseprobe
1. Einleitung: Die Globalisierung des Wissens über Natur 1.1. Das brasilianische Eisenzeitalter Vor ungefähr 3,5 Milliarden Jahren setzte im Ozean des Archaikums ein neuer chemischer Prozess ein. Das Eisen, das durch submarine vulkani-sche Aktivität in großen Mengen im Wasser gelöst war, reagierte mit dem von Mikroalgen produzierten Sauerstoff. Es bildete Eisenoxidverbindun-gen, fällte aus und lagerte sich in gelartigen Sedimenten am Grund des Ozeans ab. Dieser Prozess dauerte fast zwei Milliarden Jahre an, Zwi-schenschichten aus Kalk, Quarz und Kieselsäuregestein bildeten sich und trugen zur gebänderten Form der entstehenden Eisenformationen bei. Dann stoppte der Prozess. Das Eisen im Ozean war ausgefällt, und immer mehr Sauerstoff konnte in die Atmosphäre entweichen. Alle Bändererze der Welt stammen aus dieser Phase des Präkambriums und wurden in den nächsten Jahrmilliarden in ihrer Form, ihrem Gehalt und ihren Beziehungen zu Nachbargesteinen durch Metamorphose, Verwitterung, Anreicherung und zahlreiche andere Prozesse verändert. Alle großen Eisenformationen Australiens, Nord- und Südamerikas, Afrikas und Eurasiens sind in demselben Zeitraum durch dieselben metallogenetischen Prozesse entstanden. So weiß man heute. Sucht man den Begriff "Bändererz" in einem aktuellen geologischen Wörterbuch, findet man einen Querverweis auf "Itabirit", ein "festes, massiges bis dünnbankiges, präkambrisches Eisenerz (ca. 68 Prozent Fe)". Der Itabirit und ähnliche Bändererztypen in anderen Weltregionen "zeich-nen sich oft durch große Mächtigkeit und weite Ausdehnung aus". Der Itabirit wurde 1822 von dem Bergingenieur Wilhelm von Eschwege nach einem Ort in der brasilianischen Provinz Minas Gerais benannt. Neben der mineralogischen Beschreibung seiner Bestandteile "Eisenglimmer, Eisenglanz, meist dichter, auch blättriger, hin und wieder magnetischer Eisenstein und wenig Quarz" findet sich in Eschweges Geognostischem Gemälde von Brasilien die kleingedruckte Anmerkung: "Aus diesem ungemein großen Vorkommen des Eisensteins, kann man mit Gewissheit folgern, daß, so lange die Welt besteht, von hier aus sie mit Eisen versorgt werden kann." So begegnet uns das brasilianische Eisenerz 3,5 Milliarden Jahre später: der Itabirit als weltweiter Repräsentant von Sedimenterzen, Ausgangsgestein massiver Hämatitlagerstätten aus chemisch nahezu purem Eisenoxid mit bis zu 70 Prozent Fe-Gehalt, die Berge von Minas Gerais als unerschöpfliche Eisenquelle für die Welt bis an deren Ende und eine proterozoische Ablagerung, die sich tief in die brasilianische Moderne des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat. Die Geschichte Brasiliens wird oft als Abfolge von Produktzyklen er-zählt. Zucker, Gold, Kaffee sind die Hauptzyklen, Tabak oder Kautschuk kommen als sekundäre Zyklen hinzu. Besonders markant brachte der marxistische Wirtschaftshistoriker Caio Prado Júnior diese Interpretationslinie auf den Punkt: "Wenn wir auf die Essenz unserer Entstehung blicken, sehen wir, dass wir uns in Wirklichkeit einzig zum Zwecke der Belieferung des europäischen Handels mit Zucker, Tabak und anderen Produkten konstituiert haben; später mit Gold und Diamanten; danach mit Baumwolle, gefolgt von Kaffee. Das ist alles." Eine ähnliche Interpretation findet sich in dem fast zeitgleich erschienenen Werk des österreichischen Emigranten Stefan Zweig. Er wähnte das Land in den frühen 1940er Jahren an der Schwelle eines neuen Zyklus, des Eisenzyklus: "Noch wissen wir die Lage der Städte kaum, die der nächste Umschwung, die Erzgewinnung, [] zu plötzlichem Wachstum bringen wird." Auch wenn die Periodisierung nach Produktzyklen als zu homogenisierend und deterministisch kritisiert worden ist, hat sich Zweigs Vorahnung, was das Eisen angeht, bewahrheitet. Eisenerz ist im heutigen Brasilien ein wichtiger, aber im öffentlichen Bewusstsein wenig präsenter Rohstoff. In dem Land wurden 2012 knapp über 400 Millionen Tonnen Eisenerz gefördert. Brasilien produzierte 13 Prozent des weltweit gehandelten Eisenerzes und nahm damit hinter China und Australien den dritten Platz weltweit ein. Zwischen 1997 und 2012 hat sich der Eisenerzexport mehr als verdoppelt. 2012 lag der Anteil des Eisenerzes an den brasilianischen Gesamtexporten mit rund 13 Prozent vor Öl und Soja an erster Stelle. Sein Anteil am Wert der gesamten mineralischen Rohstoffproduktion Brasiliens, die noch 50 weitere Mineralien umfasst, lag 2010 bei ungefähr 50 Prozent. Im gleichen Jahr machte das Eisenerz knapp 82 Prozent der exportierten Bergbauprodukte aus. Allein die beiden Erzverladehäfen Tubarão in Vitória im Bundesstaat Espírito Santo und Ponta da Madeira in São Luís im Bundesstaat Maranhão, die durch den weltweit größten Eisenerzproduzenten, den brasilianischen Konzern Vale, betrieben werden, wickelten im Jahr 2011 knapp ein Viertel des gesamten maritimen Frachtumschlags Brasiliens ab. Der Eisenerzabbau im großen Maßstab begann im Jahr 1942 mit der Gründung der staatlichen Companhia Vale do Rio Doce (CVRD). Im Zeichen des Zweiten Weltkriegs, an dem Brasilien mit Kampftruppen und als Ressourcenlieferant auf Seiten der Alliierten teilnahm, traf die brasili-anische Regierung eine weit reichende rohstoffpolitische Entscheidung: Unverhüttetes, unbehandeltes Eisenerz wurde erstmals ohne Rücksicht auf seine Endlichkeit als Exportgut behandelt und die Frage nach seiner Nutzung von industriepolitischen Erwägungen abgekoppelt. Gleichzeitig errichtete man mithilfe amerikanischer Kredite das Stahlwerk der staatlichen Companhia Siderúrgica Nacional (CSN) in Volta Redonda im Bundesstaat Rio de Janeiro. Eine Jahrzehnte währende Debatte, in der die mineralischen Rohstoffe des Landes stets mit nationalen Industrialisie-rungsbemühungen in Verbindung gebracht und immer wieder Ängste vor imperialistischer Landnahme durch die nordatlantischen Industrienationen geschürt worden waren, war plötzlich beendet. Den Erzexport, der anfangs noch als eine Notwendigkeit in Zeiten des Krieges gegen die Tyrannei gedeutet wurde, stellte auch in Friedenszeiten kaum jemand mehr infrage. Eisenerz, sein Export in den nordatlantischen Raum und ab den 1970er Jahren nach Asien sowie seine industrielle Weiterverarbeitung im eigenen Land, war ein Kernelement des brasilianischen desenvolvimentismo des 20. Jahrhunderts, jener einflussreichen ökonomischen Denkfigur, die einen durch einen interventionistischen Staat forcierten Industrialisierungsprozess anstrebte. Der Entwicklungsdiskurs hat sich seit den 1990er Jahren massiv verändert, und die enge diskursive Assoziation zwischen Staat und Industrie wurde in Brasilien, Lateinamerika und weltweit im Zeichen der neoliberalen Wende gelöst. Die CVRD wurde 1997 privatisiert, und heute zahlen Unternehmen im Eisenerzbergbau gerade einmal zwei Prozent ihres Nettoumsatzes als Royalties an den brasilianischen Staat. Die Erwartungen an das Eisenerz als Instrument zur Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft sind gesunken, während die Produktion für den Export fast jährlich neue Rekorde bricht. Eisenerz ist ein wichtiger F…


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