Das Ordnen der Dinge

Das Ordnen der Dinge

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593509044
Genre:
Geisteswissenschaften allgemein
Autor:
Stefanie Mallon
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
09.05.2018

Der Alltag ist uns vertraut, aber keineswegs erforscht. Das Aufräumen beispielsweise scheint so banal, dass sich die Wissenschaft kaum damit beschäftigt. Dabei fordert es grundlegende Fragen geradezu heraus: Wie wird Ordnung in der spätmodernen Gesellschaft überhaupt möglich und notwendig gemacht? Und welche Normen stehen hinter den gesellschaftlichen Vorstellungen von Ordnung? Stefanie Mallon geht diesen Fragen in ihrer originellen wie umfassenden Studie nach. Sie nimmt dabei besonders Geschlechterrollen und die Milieuzugehörigkeit in den Blick und zeigt, wie die Erziehung zu Ordnung abläuft.

Autorentext
Stefanie Mallon, Dr. phil., ist Kunst- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Oldenburg.

Leseprobe
Einleitung Ordnen von Dingen Wieso räumen wir eigentlich auf? Warum ordnen wir die Dinge in unserem Wohnraum, stellen sie an ihren Platz, grenzen sie von anderen ab? Welches Ziel verfolgen wir, wenn wir sie vielleicht noch säubern, auch die Böden waschen, Staub wischen und die Fenster putzen? Einerseits scheinen diese Tätigkeiten - als Reaktion auf die Entstehung von Unordnung und die Ansammlung von Schmutz - eine Selbstverständlichkeit darzustellen. Doch andererseits zählen Aufräumfertigkeiten nicht zur Grundausrüstung der Menschen. Dieser Hinweis verdeutlicht die Prägnanz der einführenden Fragen. Denn viele Tierarten ordnen zwar ihr Umfeld oder bringen Dinge in eine sinnvolle Ordnung. Sie bauen sich zum Beispiel Behausungen oder Nester, die sie außerdem sauber und ordentlich halten können. Sie sind imstande, ihr Fell oder ihren Körper zu reinigen und auch vielleicht bestimmte Substanzen voneinander zu trennen sowie Fäkalien aus ihrem Schlafbereich herauszuhalten. Solche Aufräumvorgänge können zum Teil auch eine große Komplexität aufweisen. Was solche tierische Formen der Aufräumtätigkeit allerdings von menschlichen unterscheidet, ist, dass sie nicht grundsätzlich erlernt werden müssen. Sie gehören zu ihrem Instinktrepertoire. Das Verfahren des menschlichen Aufräumens hingegen ist an einen umfassenden Aneignungsprozess gebunden. Konflikthafte Auseinandersetzungen zwischen Eltern und ihren Kindern sind ein erster Anhaltspunkt dafür, wie wenig selbstverständlich das Aufräumen Teil unseres Handwerkszeugs ist. Es ist ein allererst zu erwerbendes, aufwendig akquiriertes menschliches Ausdrucksvermögen. Der Wohnraum stellt einen bedeutenden Teil unserer Erfahrungswelt dar. Er kann individuell gestaltet werden und wird durch ein Ordnen der Dinge in seiner Erscheinung kontinuierlich definiert. Der Soziologe Jean-Claude Kaufmann sieht diese Betätigung als eine der grundlegendsten aller menschlichen Tätigkeiten an (vgl. Kaufmann 1999 [1997]: 19). Aufräumen, so schreibt er mit Bezug auf den französischen Ethnologen und Archäologen André Leroi-Gourhan, sei ein konstituierender Bestandteil des Symboldispositivs. Dies umfasst die Entwicklung von Sprache, visuellen Darstellungen und auch die in der vorliegenden Arbeit behandelte Herstellung von physischer Ordnung im Wohnbereich. Leroi-Gourhan folgert aus seinen Forschungen, dass der Mensch in einem solchen Symboldispositiv seine distinktive Qualität auszubilden beginnt. Es gelänge ihm demnach, der Unberechenbarkeit seiner konkret erfahrbaren Umwelt eine Symbolik entgegenzustellen und ihre (Ein-)Wirkung auf diese Weise vermittelt zu kontrollieren. Leroi-Gourhan zufolge werden so chaotische und nicht steuerbare Vorkommnisse präformiert und ihre Komplexität nach Mustern reduziert. Dies schütze die menschliche Wahrnehmung vor Überlastung. Denn Symbole bieten die Möglichkeit, Entitäten mit Sinn zu belegen und sie so von der ungefilterten und potenziell irrationalen Wirklichkeitserfahrung abzuheben (vgl. Leroi-Gourhan 1980 [1964]: 387ff.). Ausgehend von seinen Analysen zu vorgeschichtlichen menschlichen Behausungen notiert Leroi-Gourhan, das Haus sei der Mittelpunkt aller Formen des menschlichen Schaffens: "In allen bekannten menschlichen Gruppen ist die Wohnstätte Ausdruck einer dreifachen Notwendigkeit; des Erfordernisses, eine technisch effiziente Umgebung zu schaffen, der Notwendigkeit, dem sozialen System einen Rahmen zu geben, und des Erfordernisses, im umgebenden Universum von einem Punkt her eine Ordnung zu schaffen" (ebd.: 397). Demnach vollziehe sich im Symboldispositiv "eine regelrechte, durch Symbole vermittelte Inbesitznahme von Zeit und Raum, eine Domestikation im strengsten Sinne des Wortes, denn sie führen mit dem Haus und ausgehend vom Haus zur Schöpfung eines beherrschbaren Raumes und einer beherrschbaren Zeit" (ebd.: 390). Die hier vorliegende Studie baut auf vorhergehende Arbeiten auf. Erstmals verfolgte ich das spezifische Erkenntnisinteresse an Kontingenz von Ordnung und Ordnungssystemen gezielt mit meiner Bachelorabschlussarbeit (vgl. Mallon 2011b). Anschauungsmaterial dafür bot die Sammlung eines sehr unordentlichen Sammlers, in der sich verschiedene, miteinander verschlungene Ordnungssysteme ausmachen ließen. Im Laufe der Untersuchung wurde deutlich, dass es verschiedenartige Ordnungssysteme geben kann, die alle auf eigene Weise funktionsfähig sind. Sie regulieren die Verfügbarkeit von einzelnen Bestandteilen einer Ansammlung von Dingen, indem sie sie nach nachvollziehbaren Regeln zueinander in Beziehung setzen. Ein Ordnungssystem kann der Intersubjektivität dienen, wenn es mit einer Reduktion von Komplexität auf effiziente und nachvollziehbare Erschließbarkeit der Masse abzielt. Je strukturierter ein Ordnungssystem die Dinge in der Ordnung positioniert, je systematischer sein Prinzip sie abrufbar macht, desto eher können die Einzelteile auch von Personen ohne intuitive Kenntnis der Sachlage verortet werden. Neben diesem funktionalen Aspekt von Effizienz und intersubjektiver Organisation wurde in diesem Beispiel auch noch ein anderes Phänomen deutlich: Je weniger planvoll und nachvollziehbar die materiellen Dinge im Haus geordnet sind, desto weniger akzeptabel scheinen sie bzw. der sie beherbergende Wohnraum der Außenwelt. Dies hatte in diesem speziellen Beispiel dazu geführt, dass der Sammler seine unordentliche Sammlung und seine Wohnung vollständig von der Außenwelt abgeschirmt hat. Der Blick der Öffentlichkeit ist, so ein Ergebnis der Arbeit, auf die Durchdringung des Ordnungszustands in dem Wohnumfeld angelegt und zugleich ein Instrument für die Produktion von Scham. Er hatte in diesem Fall zwar nicht die Macht, den Sammler dazu zu bewegen, sein Ordnungsverhalten an gängige Standards anzupassen. Er war aber der Anlass, ihn dazu zu bringen, fast vollständig im Verborgenen zu wohnen: Er empfing keinen Besuch mehr und die Gardinen blieben immer geschlossen. Dieser Aspekt wird auch in der vorliegenden Arbeit wieder von Bedeutung sein. In der Masterabschlussarbeit stand ein anderes Phänomen im Vordergrund: Die Entstehung von Unordnung (vgl. Mallon 2011a). In der transdisziplinären Untersuchung wurde deutlich, dass Unordnung fortwährend entsteht. Ganz einfache Energieaustauschprozesse sind für den dominanten Verfall von Ordnungen in Un-Ordnungen verantwortlich. Die Herstellung von Ordnung hingegen ist aufwändiger und kann (in der Regel) nur unter Zufuhr von Energie und Information erfolgen. Es wurde deutlich, dass alle Ordnungen (nicht nur materielle) prekär sind. Ihre vermeintliche Stabilität stellt eine Illusion dar, deren Erhalt kontinuierlichen Aufwand bedeutet. Als ein Ergebnis der Arbeit kann gelten, dass das Aufbrechen von starren Ordnungssystemen die in dem Prozess ihrer Erhaltung gebundenen Energien freisetzt. Der befreiende Effekt geht mit dem Versprechen von individuellen Gestaltungsmöglichkeiten und auch individueller Gestaltungsmacht einher. Der entstehenden Unordnung anschließend Einhalt zu gebieten, erfordert jedoch einen noch größeren Kraftaufwand. Auch können sich die Aushandlungsprozesse um neu zu konstruierende Sinnstrukturen zuweilen in unberechenbare Richtungen entwickeln. Als These der Studie kann gelten, dass der Erhalt materie…


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