Das Ideal einer inklusiven Arbeitswelt

Das Ideal einer inklusiven Arbeitswelt

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593509419
Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Autor:
Hauke Behrendt
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
04.10.2018

Die gesellschaftliche Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger stellt eine zentrale Forderung sozialer Gerechtigkeit dar. Eine wichtige Dimension ist dabei, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, seinen Lebensunterhalt eigenverantwortlich zu bestreiten. Doch das ist in Deutschland noch immer nicht verwirklicht. Im Gegenteil: Das Gefühl einer Spaltung unserer Gesellschaft ist einschlägig, wenn man auf die Ausgrenzung am Arbeitsmarkt blickt. Hauke Behrendt widmet sich in diesem Buch dem bisher vernachlässigten Gesichtspunkt der Digitalisierung hinsichtlich ihres Potenzials, Menschen mit Behinderungen eine gerechte und würdevolle Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen.

Autorentext
Hauke Behrendt ist Akademischer Rat am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie an der Universität Stuttgart.

Leseprobe
Vorwort Wir erleben im Augenblick, wie rasante technologische Innovationen unsere Welt nachhaltig verändern. Vom Arbeitsplatz über den öffentlichen Raum bis ins Wohnzimmer - Künstliche Intelligenz hält in alle Lebensbereiche Einzug. Selbstfahrende Autos waren noch vor wenigen Jahren reine Spekulation. Heute muss sich ein Tech-Startup mit Sitz im Silicon Valley für den ersten tödlichen Unfall mit einem autonomen Fahrzeug verantworten. Vernetzte Endgeräte erfassen, was uns beschäftigt, wofür wir unser Geld ausgeben und womit wir unsere Zeit verbringen. Und smarte Umgebungen in den eigenen vier Wänden kennen unsere Lebensgewohnheiten bisweilen besser als wir selbst und strukturieren für uns den Alltag. Kurzum: Wir stehen an der historischen Schwelle zum digitalen Zeitalter - einer neuen Epoche der Digitalität, in deren Verlauf sich unsere gewohnten Lebensumstände radikal wandeln. Die disruptiven Veränderungen im Zuge der Digitalisierung betreffen dabei besonders die Arbeitswelt. Hier dominieren Befürchtungen, der Einsatz hochgradig vernetzter Maschinen könnte einen Großteil der Arbeitsplätze vernichten. In einer viel beachteten Studie der Oxford Martin School prognostizieren Carl Benedict Frey und Michael A. Osborne, dass sogar rund die Hälfte aller Arbeitsplätze in Gefahr ist, durch Automatisierungsprozesse überflüssig zu werden. Ganz oben auf der Liste der von Automatisierung bedrohten Berufe rangieren Telefonverkäufer und Büroangestellte, aber auch Piloten und Richter. Bereits 1995 warnte Jeremy Rifkin vor den Konsequenzen, die ein Ende der Arbeitsgesellschaft auslösen könnte: "The end of work could spell a death sentence for civilization as we have come to know it." Auch aktuelle Sachbuch-Bestseller mit markigen Titeln wie "Surviving the Machine Age", "Rise of Robots" oder "Humans Need Not Apply" dokumentieren, dass hochentwickelte Gesellschaften moderne Technologie vor allem als Bedrohung der herkömmlichen Arbeitswelt wahrnehmen. Die Dystopie menschenleerer Fabrikhallen und Bürotürme, in der längst nicht nur Beschäftigte mit geringer Qualifikation um ihre Jobs fürchten müssen, bildet so den Fluchtpunkt zeitgenössischer Zukunftsvisionen in dieser Frühphase der Digitalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Bei aller berechtigten Sorge um völlig neue Arbeits- und Produktionsmodelle übersehen wir allerdings vielfach, dass gerade der technologische Fortschritt im Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion das Potenzial birgt, bisher nicht oder nur prekär Beschäftigte zu fördern und in Arbeit zu bringen. Waren die Maschinen des Industriezeitalters vor allem dafür da, menschliches Handeln zu vereinfachen und am besten sogar vollständig zu ersetzen, zielen digitale Technologien der neusten Generation immer stärker auf eine arbeitsteilige Interaktion zwischen Mensch und Maschine. So können technische Assistenzsysteme am Arbeitsplatz dabei helfen, dass Menschen, die andernfalls von beruflicher Exklusion betroffen wären, ihren Platz im Arbeitsleben finden. Assistenztechnologie ermöglicht damit eine Teilhabe an der Arbeitswelt, die ohne entsprechende Unterstützung verwehrt bliebe. Sprich: Moderne Technologie muss den menschlichen Faktor nicht zwangsläufig überflüssig machen. Sie kann umgekehrt auch dazu beitragen, das Ideal einer inklusiven Arbeitswelt, in der jeder Mensch ein gerechtes Auskommen findet, besser zu verwirklichen, als dies heute der Fall ist. Das vorliegende Buch widmet sich diesem bisher vernachlässigten Gesichtspunkt der Digitalisierung hinsichtlich ihres Potentials, Menschen mit Behinderungen eine gerechte und würdevolle Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Im Hintergrund steht dabei das Ziel, Schritte in Richtung einer inklusiveren Arbeitswelt anzustoßen, so dass jeder Mensch eigenverantwortlich ein gutes und gelungenes Leben führen kann. Dafür müssen sich alle Angehörigen der Gesellschaft als frei und gleich begreifen können, nicht als ausgegrenzt oder überflüssig. Es kommt somit entschieden darauf an, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, gesellschaftliche Teilhabesituationen so zu gestalten, dass sie sich als Beitrag zum individuellen Wohlergehen verstehen lassen. Die sozialen Lebensumstände müssen jedem Einzelnen ein würdevolles Leben ermöglichen. Der hier vollzogene Perspektivwechsel auf die Digitalisierung und eine mögliche Zukunft der Arbeit ist dringend erforderlich, weil die umfassende gesellschaftliche Teilhabe aller Bürger*innen eine zentrale Forderung sozialer Gerechtigkeit darstellt. Andere grundlos aus gesellschaftlichen Verhältnissen auszuschließen oder ihnen den Zugang zu sozialen Gütern vorzuenthalten, stellt moralisches Unrecht dar. Und so ist es überfällig, den zentralen Wert gesellschaftlicher Teilhabe gleichberechtigt neben den drei demokratischen Grundprinzipien der Freiheit, Gleichheit und Solidarität zu nennen. Eine inklusive Gesellschaft darf einzelne Personen oder Gruppen nicht marginalisieren, sondern muss jeden Menschen gleichwertig behandeln. In diesem Sinn steht Inklusion für das Ideal einer offenen, pluralistischen und moralisch integren Gesellschaft, in der jedem Mitglied die nötige Freiheit zur Verfügung steht, seinen individuellen Begabungen und Interessen entsprechend als Gleiche*r teilzuhaben. Dieses Projekt kann nur gelingen, wenn wir als Gesellschaft bereit sind, unsere Werte und Normen zu überdenken und die sozialen Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens gemeinsam so zu verändern, dass es auch den schwächsten Mitgliedern gelingt, sich selbstbestimmt in gesellschaftliche Prozesse einzubringen. Für Gerd Weimer setzt gelungene Inklusion so auch ein großangelegtes "Umdenken voraus []. Dazu müssen in allererster Linie die Barrieren in den Köpfen der Menschen verschwinden." Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Ökonomie und Zivilgesellschaft sind dazu aufgerufen, gemeinsam an diesem Prozess mitzuwirken. In einem solchen Dialog der Disziplinen und gesellschaftlichen Interessengruppen nimmt die Philosophie eine Schlüsselrolle ein. Zwar entwickeln Philosoph*innen weder Assistenztechnologien noch schaffen sie politische Rahmenbedingungen oder könnten den Diskurs über die Ziele des digitalen Wandels im Alleingang bestreiten; aber philosophisches Denken hat das Potenzial, die einzelnen Perspektiven auf produktive Weise zu integrieren und zu einem prototypischen Ganzen zusammenzusetzen. Ihre Reflexion hilft, wechselseitige Abhängigkeiten besser zu erkennen. Ganzheitliche Konzepte können auf dieser Grundlage öffentlich diskutiert und weiterentwickelt werden. Philosophie bildet damit so etwas wie die reflexive Schnittstelle der unterschiedlichen Fachrichtungen und gesellschaftlichen Gruppen. Frei nach Paul Klee könnte man auch sagen: Philosophie gibt nicht das Sichtbare wider, sondern Philosophie macht sichtbar. Dabei geht es nicht (zumindest nicht in erster Linie) darum, zwingend etwas besser zu wissen als andere. Vielmehr besteht der Wert philosophischer Reflexion häufig darin, es genauer zu wissen. In diesem Sinne werde ich im Folgenden systematisch erörtern, inwiefern Assistenzsysteme am Arbeitsplatz dazu beitragen, den zentralen Wert beruflicher Teil…


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