Im Transit auf dem Ozean

Im Transit auf dem Ozean

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593509495
Genre:
Kulturgeschichte
Autor:
Johanna Beamish
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
16.08.2018

Vom Moment des Ablegens im Heimathafen bis zur Ankunft am Zielhafen folgt dieses Buch den Schiffspassagen durch das Britische Imperium des 19. Jahrhunderts. Die Studie beleuchtet, wie eine solche Überfahrt ans "andere Ende der Welt" von den Passagieren erlebt und beschrieben wurde. Johanna Beamish stützt sich dabei auf eine bisher nahezu vergessene Quellengattung: auf Schiffszeitungen, die die Passagiere in ihrer monatelangen Isolation selbst für sich und ihre Mitreisenden verfassten.

»Beamish versteht ihre Arbeit als Grundlagenforschung und tatsächlich erschließt sie ein bislang vernachlässigtes Quellengenre, das die leere Zeit des Transits als wichtigen Aspekt der Globalisierung beleuchtet. Es gelingt ihr zu demonstrieren, wie die Publikation einer Schiffszeitung die Erfahrung der Passagiere beeinflusste und einen Raum schuf, in dem soziale Praktiken an Bord stets neu ausgehandelt wurden. [] Das Buch trägt [...] maßgeblich zur Verbesserung des wissenschaftlichen Verständnisses bei, wie die frühen Globalisierungsprozesse in ihrer räumlichen und zeitlichen Ausdehnung für die zeitgenössischen Akteure konkret erfahrbar wurden.« Dolf-Alexander Neuhaus, Sehepunkte, 15.09.2019

Autorentext
Johanna Beamish, Dr. phil., promovierte am Cluster »Asia and Europe in a Global Context « der Universität Heidelberg. Sie ist wiss. Referentin bei der Max Weber Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland.

Leseprobe
1. Einleitung "To a man who has passed more than half of three score years and ten allotted to him on land, a first long sea voyage is a strange and curious experience, of which he could form no adequate conception. It reverses all his ideas of the fixity of things. It is a life of perpetual movement, and (paradoxical as it may sound) of continual variety and continual sameness. His world is a small ship; his surroundings the boundless sea, and the overhanging sky, which although always changing, always seem the same. It is not so, however, with the little human world of which, for the time, he is a member; thrown among new minds and new faces, and passing day after day in the most intimate relations with them. Life on board ship affords a rare opportunity of studying the eccentricities of human nature, and the peculiarities of character. After a few days of reserve, the mask drops from every face, and men and women are seen as they are, and very often not as they wish to appear to be. Our own experience is probably not peculiar, but such as it is it affords a commentary on the singular variety of men and manners to be found in such an isolated community as is to be found on Board Ship." Diese Zeilen stammen aus einer Zeitung, die von den Passagieren an Bord des Dampfschiffs S.S. Somersetshire herausgegeben wurde. Die S.S. Somersetshire befand sich im Winter 1876 auf einer achtwöchigen Reise von England nach Australien. In der letzten Ausgabe der Schiffszeitung, kurz vor der Ankunft im Zielhafen Melbourne, hält der Herausgeber J.A. Langford seine Eindrücke der vorangegangenen Wochen fest. In diesem Artikel mit der Überschrift Life on Board Ship werden die Erfahrungen deutlich, die die Passagiere in der isolated community an Bord eines interkontinentalen Schiffs im 19. Jahrhundert gemacht haben. Langford stellt fest, dass eine Schiffspassage generell anders sei als das Leben auf dem Festland, so anders, dass es den Menschen schwer fällt, sich im Vorhinein überhaupt eine Vorstellung davon zu machen, wie sich ihr Leben auf dem Schiff gestalten würde. Er hebt an dieser eigenartigen und neuen Erfahrung der Überfahrt das Paradoxe hervor. Die als paradox empfundene Situation ist bedingt durch den Widerspruch von Bewegung und Stillstand, beziehungsweise von continual variety and continual sameness. Einerseits befindet sich ein Schiff in nahezu ständiger Bewegung, es durchquert den Raum und überbrückt Distanzen; andererseits erleben die Menschen auf dem Schiff selbst kompletten Stillstand. Zuvor gültige Vorstellungen und Zuschreibungen von Beständigkeit und Kontinuität werden während der Zeit, die die Passagiere auf dem Schiff verbringen, außer Kraft gesetzt. Dadurch, dass die Passagiere in dieser von ihnen als widersprüchlich empfundenen Situation eine Zeitung herausgeben, - und das nicht nur an Bord der Somersetshire, sondern auf hunderten von Schiffen - versuchen sie, mit dieser Paradoxie ihrer derzeitigen Situation umzugehen, sie durch die Verschriftlichung greifbar und verständlich zu machen und durch die Publikation ihre Eindrücke mit anderen zu teilen. Langfords Artikel spricht darüber hinaus noch eine weitere widersprüchliche Empfindung der Passagiere an: Während sie einerseits im eng begrenzten physischen Raum des Schiffs eingeschlossen sind, sind sie andererseits während der gesamten Überfahrt umgeben vom ihnen unendlich erscheinenden Ozean. Auf dem Schiff müssen die Passagiere somit die Paradoxie von gleichzeitiger Veränderung und Einförmigkeit, aber auch den Widerspruch zwischen der Enge des Schiffraums und der Unendlichkeit des Meeres bewältigen. Neben den schwer fassbaren Erfahrungen von Widersprüchen und diesen entsprechenden Spannungsfeldern, nimmt Langford ebenfalls die kleine, menschliche Welt an Bord in den Fokus. Er ist davon überzeugt, dass die Wochen auf dem Schiff sich bestens eignen, the eccentricities of human nature zu studieren. Die Menschen auf den Schiffen befinden sich in einem komplett von der Außenwelt abgeschlossenen Raum, in dem sie sich mit ihren Mitreisenden arrangieren müssen. Diese Passagiergemeinschaft ist somit ein sozialer Mikrokosmos, dessen Zuschreibungen und Distinktionen während der Überfahrt durch verschiedene Praktiken an den Raum des Schiffs angepasst werden müssen. Gegenstand dieser Studie ist die in diesem Einleitungszitat offenbar gewordene Transiterfahrung der Passagiere während interkontinentaler Überfahrten im 19. Jahrhundert. Dadurch sollen die globalen Verbindungen, die durch diese interkontinentalen Passagen der Schiffe geknüpft werden, geöffnet werden; es gilt in sie hineinzuschauen und zu analysieren, wie sie von den Passagieren im Moment des Entstehens erlebt und beschrieben werden. Im Zentrum der Studie stehen dabei die Passagen zwischen Großbritannien, Indien, Sri Lanka, Australien und Neuseeland, die unter Berücksichtigung des Transits, den die Passagiere während der Passage auf dem Schiff erleben und in ihren Zeitungen beschreiben, untersucht werden: Was konkret im und während des Transits geschieht, ist somit Kerngegenstand der Analyse. Dadurch möchte ich herausfinden, wie die Zeit im Transit zwischen verschiedenen Weltregionen von spezifischen Akteuren, den Passagieren der Schiffe, erlebt wird und welche Bedeutung diese Akteure dem Transit zuschreiben. Die Untersuchung stützt sich dabei hauptsächlich auf eine Quellengattung, die für eine solche Analyse besonders ergiebig ist, bisher aber wenig Aufmerksamkeit von der Forschung erhalten hat: die Zeitungen, die die Passagiere während der Überfahrten an Bord der Schiffe verfassen und veröffentlichen. Im Gegensatz zu anderen Quellen die auf interkontinentalen Schiffen entstanden sind, wie beispielsweise Briefen oder Tagebüchern, können Schiffszeitungen Fragen zur Transiterfahrung der Passagiere beantworten, die über die individuellen Eindrücke einzelner Akteure hinausgehen: Welche Rolle spielt die Veröffentlichung einer Zeitung für die Vergemeinschaftungsprozesse im Transit? Wie wird der soziale Mikrokosmos auf dem Schiff in der Publikation nicht nur sichtbar, sondern durch die Herausgabe einer Zeitung auch verändert? Und inwiefern gewinnt mit der Veröffentlichung der Schiffszeitung die Repräsentation der Überfahrt an Bedeutung? Dies sind grundlegende Fragen, die nur die veröffentlichten Zeitungen an Bord des Schiffs beantworten können und zu denen die vorliegende Arbeit Lösungsansätze bietet. Diese Studie untersucht, wie die Passagiere ihre Erfahrungen während der wochen- und m…


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