Einband:
Kartonierter Einband
Genre:
20. Jahrhundert (bis 1945)
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
16.08.2018
Mitte der 1990er Jahre wurden im Sonderarchiv Moskau bis dahin unbekannte Protokolle der Geheimkonferenzen von Joseph Goebbels im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda aus den Jahren 1939 bis 1945 entdeckt. Olga Shtyrkina legt die erste umfassende Auswertung vor und analysiert die Transformation der NS-Propagandastrategie gegen die UdSSR entlang des Kriegsverlaufs. Ihre Analyse reicht von der "großen Täuschung" des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts über das Scheitern des "Blitzkriegs" und die Proklamation des "totalen Kriegs" nach der Schlacht von Stalingrad bis zum Versuch der Jahre 1944/1945, den Kriegsverlauf mithilfe des medialen Schlachtfelds zu verändern. Das Buch schließt damit eine wichtige Lücke in der historischen Kommunikationsforschung.
»Mit der Gesamtauswertung der Protokolle der fast 1.200 Ministerkonferenzen der Kriegszeit erschließt Olga Shtyrkina (...) einen ausgesprochen wichtigen Quellenbestand.« Babette Quinkert, H-Soz-Kult, 13.12.2018 »Olga Shtyrkina hat ein weiteres wichtiges Werk zur Nazi-Kriegspropaganda beigetragen, das eine rigorose Analyse des Zusammenspiels von Propagandakampagnen und dem Krieg gegen die Sowjetunion bietet.« Thomas Pegelow Kaplan, German History, 11.11.2019 »Die von der wissenschaftlichen Angestellten beim Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin vorgelegte Dissertation verschafft dem geschichts- und politikwissenschaftlichem Forschungsfeld zur Auslandspropaganda in einem zentralen Bereich eine neue, inhaltlich deutlich verbreiterte und mit großer Detailkenntnis erschlossene Grundlage. Der Verfasserin ist es gelungen, für die vorrangig vom Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda gesteuerten antisowjetischen Aktivitäten im Zweiten Weltkrieg die lange gesuchte Hauptquelle erstmals im vollen Umfang zu erschließen.« Bernd Sösemann, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 11.11.2019
Autorentext
Olga Shtyrkina ist wiss. Angestellte beim Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin.
Leseprobe
Einleitung Die Themen Propaganda und Massenmanipulation im Zweiten Weltkrieg bleiben aktuell für politische Diskussionen auf nationaler und internationaler Ebene. Sie beeinflussen die politischen und kulturellen Beziehungen zwischen den Ländern sowie die Gestaltung des Bildes der Nachbarvölker aufgrund des historischen Verständnisses und der modernen - oft manipulativen - Auffassungen zum Thema. Es genügt, einen Blick auf die radikalen nationalen Bewegungen in Mittel- und Osteuropa und im postsowjetischen Raum zu werfen, sowie die aktuelle Entwicklung auf der Weltarena zu berücksichtigen, die eine neue Art von Kaltem Krieg darstellt. Die altbekannten Propagandamethoden gewinnen dabei wieder an Aktualität. Nicht zu vergessen sind die diesbezüglichen Lücken, verfälschte und verschwiegene Geschichten, die immer noch schmerzlich im Bewusstsein der betroffenen Völker vorhanden sind. Erst mithilfe einer Enttabuisierung des Themas und der Wahrheitsfindung anhand der freigegebenen, vormals geheimen Archivunterlagen sind sie zu meistern und wiedergutzumachen. Das Wissen darüber, wie Medien instrumentalisiert und manipulativ eingesetzt werden konnten, ist für einen wachsamen Umgang mit den Massenmedien der heutigen Welt unabdingbar. Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Fragen der antisowjetischen Propaganda in den Kriegsjahren 1939-1945, entwickelt und angewandt durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP). Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen zahlreiche Publikationen zur nationalsozialistischen Propaganda im Allgemeinen und zum Hauptpropagandisten des "Dritten Reiches", Josef Goebbels. Das Thema des deutsch-sowjetischen Medienkriegs wurde dabei weitgehend ausgespart: Die wissenschaftlichen Aussagen beschäftigten sich bislang mit allgemeinen Thesen, die bisher an keiner Stelle auf konkreten Analysen des historischen Materials beruhten. Es sind nur wenige Untersuchungen erschienen, die die praktischen Fragen der propagandistischen Auseinandersetzung im deutsch-sowjetischen Krieg in die Beobachtung einbezogen. Und auch sie beschäftigten sich allein mit einem thematisch begrenzten Bereich wie dem Molotow-Ribbentrop-Pakt oder den Massenerschießungen von Katyn. In dieser Hinsicht stellt die vorgelegte Forschungsarbeit, die den gesamten Kriegszeitraum in die Untersuchung einschließt und sich mit den Veränderungen und der praktischen Anwendung des Propagandakonzeptes entsprechend dem Kriegsverlauf beschäftigt, einen Versuch dar, die bisherige wissenschaftliche Lücke mithilfe eines neuen Blickwinkels in der Geschichte des deutsch-sowjetischen Medienkrieges einzubeziehen. Die Fragestellung, inwiefern die Änderung des Kriegsverlaufs und die Modifizierung des antisowjetischen Propagandakonzeptes einander beeinflusst haben, hebt die vorhandene Arbeit von den zahlreichen Propagandaforschungen ab. Ein besonderer Wert wird der Forschung auch dadurch verliehen, dass ihre Hauptquelle ein bisher nicht wissenschaftlich ausgewertetes Archivmaterial der geheimen Ministerprotokolle der sogenannten Elf-Uhr-Konferenzen von Goebbels darstellt, das sich im Russischen Staatlichen Militärarchiv Moskau (Sonderarchiv) befindet. Diese Archivunterlagen betreffen die Fotokopien der Protokolle der geheimen Konferenzen, die fast täglich von den ersten Kriegstagen im Herbst 1939 bis zur letzten April-Dekade 1945 unter Leitung von Goebbels im Propagandaministerium in Anwesenheit seiner engen Mitarbeiter stattfanden. Der historische und wissenschaftliche Wert dieses Fundes, der in den 1990er Jahren im Sonderarchiv entdeckt worden war, ist kaum überzubewerten. Er erlaubt einen Einblick in die tiefste Ebene der Propagandamaschine des "Dritten Reiches", die Ebene, wo die kriegerische Propagandastrategie erarbeitet und die operativen Entscheidungen im propagandistischen Umgang mit dem Kriegsgeschehen getroffen wurden. Der Name dieser Konferenzen (Elf-Uhr-Konferenzen, Ministerkonferenzen, Vormittagskonferenzen) weicht nicht nur in der Forschungsliteratur ab, sondern auch in den Protokollen selbst. Da sie am Anfang nicht immer um Elf Uhr stattfanden, galten 1939-1941 verschiedene Namen. Im Frühjahr 1941 hießen sie manchmal immer noch Vormittagskonferenzen , seit Mai 1941 hat sich aber der Name Elf-Uhr-Konferenz in den Protokollen durchgesetzt. Goebbels erzählte auf den Sitzungen von seinen Gesprächen mit Hitler und behandelte die SD-Berichte über die Bevölkerungsstimmung, besprach eigene taktische Ansichten und die allgemeine Kriegssituation mit seinen Mitarbeitern, plante die Propagandaaktionen und bewertete ihre Resultate sowie die Effektivität der Nachrichtenpolitik. Er analysierte die feindliche Nachrichtengebung, Reden und Beschlüsse der ausländischen Politiker und bestimmte die Richtlinien zu ihrer Behandlung nach Innen und Außen. Eine besondere Stelle nahm die Gegenpropaganda ein, unter anderem die Anweisungen, welche Themen und inwiefern polemisiert werden mussten und welche außer Acht gelassen werden sollten. Gleichzeitig besprach Goebbels die Artikel der führenden deutschen Zeitungen und richtete scharfe Kritik gegen unerwünschte Berichte oder Kommentare, die die Informationen aus den Presseanweisungen nach seiner Meinung unter falschem Blickwinkel interpretiert hatten. Die Sitzungen, die mit rund 20 Mitarbeitern angefangen hatten, verdoppelten sich auf bis zu 50 Teilnehmer nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941. Die Kleindarsteller auf dieser "geheimen Befehlsbühne" von Goebbels und Adressaten seiner mündlichen Weisungen waren die Abteilungsleiter, die Verantwortlichen für verschiedene Medien, die Vertreter der Berliner Gauleitung, Verbindungsoffiziere des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) usw. Der hierarchische Charakter der Konferenz mit langen Monologen von Goebbels und wenigen Fragen verkörperte die Struktur des Propagandaapparates und symbolisierte die Konzentration der Propagandaführung u…
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