Welche Organisationsformen produzieren Wissenschaft?

Welche Organisationsformen produzieren Wissenschaft?

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593509679
Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Autor:
Jennifer Dusdal
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
16.08.2018

Wie haben die Institutionen des deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystems die Entwicklung wissenschaftlicher Produktivität beeinflusst? Jennifer Dusdal zeigt, welche Organisationsformen Wissenschaft produzieren und wie sich ihre Ziele, Aufgaben und Arten der Forschung unterscheiden. Sie hat Zeitschriftenartikel aus den Naturund Technikwissenschaften sowie der Medizin untersucht, die zwischen 1900 und 2010 publiziert wurden. So wird deutlich, dass die Universität die wichtigste Wissenschaft produzierende Organisationsform geblieben ist und die wissenschaftliche Produktivität aufgrund gestiegener Forschungskooperationen exponenziell gewachsen ist.

Autorentext
Jennifer Dusdal ist Postdoktorandin am Institute of Education and Society der Universität Luxemburg.

Leseprobe
1. Zwischen Expansion, Vielfalt und Kooperation: Publikationen als Kennzeichen wissenschaftlicher Produktivität Wissenschaftliche Zeitschriften und die in ihnen veröffentlichten Artikel spielen eine wichtige Rolle innerhalb der Wissenschaft. Warum? Ein Ziel wissenschaftlicher Forschung ist es, sichere Aussagen über die Wirklichkeit zu treffen, die sich zunächst in der Praxis bewähren müssen. Durch die Gewinnung von Daten können Hypothesen und theoretische Annahmen eines Forschers getestet werden. In der Forschung produziertes Wissen wird innerhalb der Fachgemeinschaft kollektiv abgesichert, indem es strengen Tests unterworfen wird. Diese Art der Diskussion wissenschaftlichen Wissens wird unter anderem in schriftlicher Form geführt. Jedoch eignen sich wissenschaftliche Publikationen nicht nur zur fachlichen Diskussion innerhalb der Gemeinschaft der Forschenden, sie dienen auch der Reputation des einzelnen Wissenschaftlers. Nach einer ersten Publikation von Forschungsergebnissen ist das gewonnene Wissen nicht mehr neu, da jede weitere folgende Diskussion des Themas auf vorangegangene Veröffentlichungen Bezug nehmen muss. Somit dienen sie gleichzeitig als Aufforderung für Wissenschaftler bereits gewonnenen Ergebnisse für eigene Forschungsvorhaben zu nutzen (McClellan 2003: 235). Schon Robert K. Merton hat 1988 dieses spezifische Verhältnis von Zusammenarbeit und Wettbewerb bei der Produktion wissenschaftlichen Wissens beschrieben: "That crucial element of free and open communication is what I have described as the norm of communism in the social institution of science . Institutionalized arrangements have evolved to motivate scientists to contribute freely to the common wealth of knowledge according to their trained capacities, just as they can freely take from that common wealth what they need." (Merton 1988: 629) Die Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse ist somit unerlässlich, da nicht publizierte Ergebnisse für die Wissenschaft nicht existieren und Originalmitteilungen von Forschungsergebnissen in Form von Aufsätzen in Fachzeitschriften eine bestimmte Struktur aufweisen, aus der sich ihre Funktion in der Wissenskommunikation ableiten lässt: Sie sollen die Gewinnung neuen Wissens dokumentieren und kommunizieren, was nicht ohne Bezug auf vorangegangene Forschungsarbeiten möglich ist (Havemann 2009: 7f.). Um Informationen über die Wahrnehmung von Veröffentlichungen eines einzelnen Forschers, einer Forschergruppe, oder einer ganzen Institution zu bekommen, können bibliometrische Datenbanken eingesetzt werden (Havemann 2009: 3). "Sie sind ein Instrument, um Aufschlüsse über die wissenschaftliche Publikationsleistung, die Integration der Wissenschaftslandschaft und die internationale Sichtbarkeit von Forschungsergebnissen zu erhalten." (Ball/Tunger 2005: 15) Bereits der Titel meiner Dissertation Welche Organisationsformen produzieren Wissenschaft? Zum Verhältnis von Hochschule und Wissenschaft in Deutschland verspricht, dass sich dem Thema der Entwicklung wissenschaftlicher Produktivität in Deutschland aus verschiedenen Perspektiven genähert werden soll. Meine Studie ist eine der ersten, die eine systematische historische und institutionelle Analyse der Entwicklung des ungebremsten Wachstums wissenschaftlicher Produktivität und der Entwicklung der Hochschulbildung anhand eines langen historischen Zeitrahmens anstrebt. Untersucht wird, wie sich die Entwicklung der Hochschulbildung und der (wissenschaftlichen) Einrichtungen, die Publikationen in Fachzeitschriften veröffentlichen, auf die wissenschaftliche Produktivität auswirken. Mich interessiert, wie sich auf diese Weise die Grundlagen einer Wissensgesellschaft herausgebildet haben. Wie zu zeigen sein wird, tragen nicht nur die "klassischen" Organisationsformen - Universitäten und außeruniversitäre Forschungsinstitute - zur Produktion wissenschaftlichen Wissens bei, sondern auch viele andere, unter ihnen Unternehmen, Behörden und Ressortforschungseinrichtungen sowie Krankenhäuser. Es geht darum, zu erforschen, wie die im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem vorherrschenden Strukturen und institutionellen Settings die langfristige Entwicklung der wissenschaftlichen Produktivität beeinflusst und eventuell auch verändert haben. Im Zuge der voranschreitenden Globalisierung und Institutionalisierung der Wissenschaft, einer weltweiten Vernetzung von Wissenschaftlern und steigender Mobilität kommt es zu einem vermehrten Austausch von Wissen über die Grenzen eines Landes hinweg. An diese Beobachtung anschließend möchte ich untersuchen, wie sich die nationalen und internationalen Kooperationen in Form von Publikationen in Ko-Autorenschaften im internationalen Vergleich entwickelt haben. Bevor die Ergebnisse dieser Arbeit vorgestellt werden, möchte ich in einem ersten Schritt die Relevanz des Themas herausstellen (Abschnitt 1.1). In einem zweiten Schritt werden die zu beantwortenden Forschungsfragen präsentiert, indem entlang des Titels der Arbeit die unterschiedlichen Ebenen und Dimensionen der folgenden Analysen diskutiert werden (Abschnitt 1.2). Um sich dem Thema zu nähern, wird in einem dritten Schritt auf den Begriff der wissenschaftlichen Produktivität eingegangen (Abschnitt 1.3). Es ist zu klären, was in dieser Arbeit unter wissenschaftlicher Produktivität verstanden wird und warum der Peer-Review-Prozess ein zentrales Verfahren zur Sicherung der Qualität in der Wissenschaft ist. Hieran anschließend folgt in einem vierten Schritt eine Beschreibung, wie aus einer ersten Forschungsidee ein publizierbares Manuskript in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift entsteht und was das Durchlaufen des peer review für einen Wissenschaftler bedeutet (Abschnitt 1.4). Die Beschreibung der Möglichkeiten und Grenzen dieser Arbeit (Abschnitt 1.5) und ein Hinweis auf die folgende Struktur (Abschnitt 1.6) schließen die Einleitung meiner Dissertation ab. 1.1 Zur Relevanz des Themas Die aus Zeitungsausschnitten hergestellte Collage des argentinischen Künstlers Rirkrit Tiravanija, ausgestellt im Museum of Modern Art in New York City, ist überschrieben mit der Aussage The Days of this Society is Numbered und zeigt eine Auswahl an Zeitungsartikeln, die alltägliche Dinge unseres Lebens in Tabellen, Diagrammen oder Bildern zusammenfasst (Abbildung 1). Die numerische Abbildung komplizierter Sachverhalte macht es einfach ihren Inhalt zu verstehen. Auch in den Alltag von Wissenschaftlern haben Zahlen in den letzten Jahren mehr und mehr Einzug gehalten. Wir zählen unsere Publikationen, werden auf Basis unserer Publikationen evaluiert und geben unser Bestes um unsere Forschungsergebnisse in Monografien, Sammelbänden oder Zeitschriftenartikeln zu publizieren. Das Teilen von Erkenntnissen ist fester Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit. Jedoch kam es in den letzten Jahrzehnten zu einer Veränderung der weltweiten Entwicklung der Wissenschaft und somit auch in Deutschland, eines der ältesten Hochschul- und Wissenschaftssysteme weltweit, das an der Produktion wissenschaftlichen Wissens maßgeblich beteiligt ist. Nach einer längeren Phase der Stagnation trat das deutsche Hochschul- und Wissenschaftssystem in eine Phase d…


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