Einband:
Kartonierter Einband
Genre:
20. & 21. Jahrhundert
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
06.12.2018
Hannah Arendt und ihre Schriften werden seit jeher als unkonventionell wahrgenommen, als disziplinär schwer einzuordnen. Sie haben breite Anerkennung in vielen verschiedenen Ländern erlangt und scheinen sämtliche fach- wie kulturspezifischen Grenzen zu überschreiten. Diese Studie reflektiert die materiellen Bedingungen jener Wahrnehmungen, ihre performativen Funktionen sowie ihre historischen Transformationen, die sie zwischen Deutschland und den USA von den 1940er-Jahren bis heute durchlaufen haben. Im Zentrum der Rekonstruktion stehen Arendts Begriff des Politischen und damit korrelierend sie selbst als öffentliche Figur. Beide Ideen werden als Subjekte und Ergebnisse der Interaktionsverhältnisse zwischen der Akteurin, ihren sozialen und epistemischen Kontexten sowie der Gemeinschaft ihrer Leserinnen und Lesern wie auch Konkurrentinnen und Konkurrenten betrachtet.
Autorentext
Stefania Maffeis, Dr. phil., ist Privatdozentin der Philosophie an der FU Berlin. Sie forscht und lehrt im Bereich der Praktischen Politischen Philosophie.
Leseprobe
Einleitung "Globalisierung" ist ein unscharfer Begriff. Er verweist auf den Umstand, dass in unserer Zeit jeder Mensch potenziell mit jedem anderen auf der Welt in Beziehung stehen könnte (und dies vielleicht - auch ohne dessen Absicht oder Wissen - schon längst tut). In seiner am weitesten gefassten Bedeutung steht der Begriff "Globalisierung" demnach für alle Formen der Überschreitung von territorialen, nationalstaatlichen Grenzen und für die Interdependenz zwischen lokalen und weltweiten Phänomenen. So betrachtet gibt es die Globalisierung schon sehr lange. Denn bereits die Errichtung der europäischen Nationalstaaten oder die Durchsetzung des Kapitalismus als vorherrschende Produktionsweise im 18. und 19. Jahrhundert ist ohne eine intensive Vernetzung der verschiedenen Regionen der Welt kaum vorstellbar. Ohne die Konkurrenzverhältnisse zwischen den einzelnen Staaten, den Imperien und ihren Kolonien, ohne den Austausch zwischen Zonen des Überschusses an Kapital und Zonen des Überschusses an Ressourcen und unbeschäftigter Bevölkerung bei fehlender Industrialisierung wäre die Weltordnung heute eine andere. Auch gab es schon immer Migrationsbewegungen von einzelnen Menschen oder ganzen Zivilisationen auf der Suche nach Schutz, Arbeit und Glück über territoriale Grenzen hinaus. Die Bildung grenzüberschreitender kultureller und gesellschaftlicher Räume kann daher als Konstante des Menschseins gelten. Gleichwohl gibt es den Begriff der Globalisierung nicht schon seit Menschengedenken. In den letzten drei, vier Jahrzehnten hat die weltweite Vernetzung der Menschheit offenbar ein neues Niveau erreicht. Seit der historischen Zäsur 1989, mit der Verbreitung der kapitalistischen Produktionsweise in (fast) allen Ländern sowie der weltweiten Vernetzung und Beschleunigung von Kommunikations- und Produktionsprozessen, wurde jener Zustand erreicht, der heute mit "Globalisierung" im engeren Sinn gemeint ist. Es handelt sich um eine neuartige Qualität des Zusammenhangs zwischen ökonomischen, rechtlichen und gesellschaftspolitischen Instanzen, die die Beziehungen zwischen den Nationalstaaten sowie zwischen den einzelnen Bürger*innen und der Staatengemeinschaft regulieren. Ihre Legitimation beziehen diese Instanzen nicht mehr auf nationalstaatlicher Ebene, und ihre Souveränität bleibt für die einzelnen Länder und ihre Regierungen unantastbar. In der Folge ist in den letzten Jahrzehnten auch die Organisation, Regulierung und Bedeutung von globalen Ordnungen der Politik, der Ökonomie, des Rechtswesens und der Kultur ins Zentrum zahlreicher Studien zur Globalisierung aus unterschiedlichen Disziplinen der Gesellschaftswissenschaften gerückt. Kann aber auch von einer Globalisierung der Philosophie gesprochen werden? Und, wenn ja, wie könnte man sich dieser Entwicklung nähern, und warum wäre es wichtig, dies zu tun? Hierzu muss zunächst geklärt werden, was unter "Philosophie" zu verstehen ist. Denn, ganz allgemein, als Übung im Denken verstanden, könnte man meinen, die Philosophie kenne keine territorialen Grenzen. Meine Auffassung von Philosophie sperrt sich jedoch gegen die Idee, dass es ein Denken gebe, das von den sozialen, (geo-)politischen und ökonomischen Gegebenheiten völlig unbeeinflusst ist. Vielmehr betrachte ich Philosophie als eine im Hier und Jetzt verankerte Institution, als spezifische kulturelle Produktionsweise, die in einer globalisierten Welt situiert ist und sich daher mit besonderen - territorialen wie symbolischen - Grenzen konfrontiert sieht. Die Philosophie steht in einem ganz bestimmten Verhältnis zu diesen Grenzen: sei es, dass immer wieder ein Kraftakt unternommen wird, um diese zu überschreiten, sei es, dass die Philosophie an der Ausgestaltung eben dieser Grenzen aktiv beteiligt ist. Ich bin daher der Meinung, dass die Beziehungen des Denkens zu den territorialen und sozialen Entitäten, innerhalb und jenseits derer es stattfindet, der Rede wert sind. Dieses Buch ist in diesem Sinn dem Phänomen der philosophischen Globalisierung gewidmet. Die politische Philosophie hat das Phänomen "Globalisierung" schon längst zu ihrem Schwerpunkt gemacht. Sie gilt als relativ junges Forschungsgebiet und wird hauptsächlich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet: Die frühen Texte, die zu Beginn der 1990er Jahre erschienen, favorisierten eine normative Herangehensweise und fragten nach ethischen und rechtlichen Grundsätzen für globale Problemfelder wie etwa Krieg und Frieden, Menschenrechte, Welthandel und Klimaschutz. Im Laufe derselben Jahrzehnte wurden die normativen um kritisch-reflexive Ansätze erweitert. Mit diesen wurden klassische, im Zeitalter der Nationalstaaten entstandene Begriffe der politischen Philosophie wie Staatsbürgerschaft, Souveränität und Demokratie aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive rekonstruiert und in einem kosmopolitischen Sinne neu konzipiert (vgl. als Überblick Hutchings 1999 und Kreide/ Niederberger 2016a für den angloamerikanischen bzw. deutschen Sprachraum). Ich wähle in meiner Untersuchung eine andere Perspektive, indem ich danach frage, auf welche Art und Weise und unter welchen Bedingungen und mit welchen Effekten im Hinblick auf die Konstruktion transnationaler Räume sich ein Denken der politischen Globalisierung entwickeln konnte. Globalisierung wird somit zugleich als Subjekt, als Lage und als Praxis der gegenwärtigen Philosophie hinterfragt. Diese Art der Reflexion einer Philosophin über die Philosophie ist meines Erachtens aus drei Gründen notwendig. Es lockt zunächst ein hermeneutischer Gewinn. Politische Theorien und Begriffe sind oft das Ergebnis von Auseinandersetzungen, bei denen nicht nur bestimmte Argumente, sondern auch politische Visionen und Positionen debattiert werden. Deshalb kann auch die Bedeutung von politischen Theorien nicht angemessen verstanden werden, wenn die Funktion dieser Theorien in ihren Entstehungskontexten und/oder im gegenwärtigen Kontext nicht berücksichtigt und reflektiert wird. Das gilt sowohl für die klassischen Begriffe der politischen Theorien wie "Nation" oder "Staatsbürgerschaft", die bereits einen Prozess der Revision und der genealogischen Reflexion durchlaufen haben, wie auch für die aktuellen Versuche, politische Ordnungen jenseits nationalstaatlicher Grenzen begrifflich zu fassen. Zudem gibt es einen ideologiekritischen Grund für das hier vorgeschlagene selbstreflexive Verfahren. Ein Denken der Globalisierung, das nicht danach fragt, von welchem Standpunkt aus, unter welchen sozialen und intellektuellen Bedingungen es formuliert wird, an wen es sich richtet und über welche Personengruppe gesprochen wird (vielleicht sogar, ohne mit den Betroffenen zu reden), riskiert, partikulare Standpunkte und Interessen, die an die eigenen sozialen und philosophischen Positionen geknüpft sind, fälschlicherweise zu verabsolutieren und zu universalisieren. Dies birgt wiederum die Gefahr, besteh…
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