Im Kreuzfeuer der Kritik

Im Kreuzfeuer der Kritik

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593510392
Genre:
Kulturgeschichte
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
17.01.2020

Ob Gewerkschaften, Unternehmen, Ministerien oder Parteien: Organisationen prägten die Geschichte des 20. Jahrhunderts ganz maßgeblich. Daher ist die Beschäftigung mit diesen - oftmals umstrittenen - Gebilden und ihren Hervorbringungen einer der Schwerpunkte zeithistorischer Forschung. Gerade in Deutschland erlebte die Geschichtsschreibung zu Organisationen durch die Aufarbeitung möglicher NS-Kontinuitäten in Behörden oder Ministerien einen bemerkenswerten Boom, dem bisher allerdings eine übergreifende Selbstreflexion fehlt. Anhand prägnanter Beispiele - von der Reichswehr über die FIFA bis zur Treuhandanstalt und zur "Gauck-Behörde" - diskutiert dieser Band erstmals grundlegende Probleme bei der Analyse von Organisationen im Schnittfeld von Sozial- und Geschichtswissenschaft.

Ob Gewerkschaften, Unternehmen oder Parteien: Organisationen prägten die Geschichte des 20. Jahrhunderts ganz maßgeblich. Daher ist die Beschäftigung mit diesen - oftmals umstrittenen - Gebilden und ihren Hervorbringungen einer der Schwerpunkte zeithistorischer Forschung. Gerade in Deutschland erlebte die Geschichtsschreibung zu Organisationen durch die Aufarbeitung möglicher NS-Kontinuitäten in Behörden oder Ministerien einen bemerkenswerten Boom, dem bisher allerdings eine übergreifende Selbstreflexion fehlt. Anhand prägnanter Beispiele diskutiert dieser Band erstmals grundlegende Probleme bei der Analyse von Organisationen im Schnittfeld von Sozial- und Geschichtswissenschaft.

»Der Band schafft breite, aber eben auch kontroverse Verbindungen von der unübersichtlichen Vielzahl soziologischer Organisationstheorien zur geschichtswissenschaftlichen Empirie, ohne einer theoretischen Heilslehre zu folgen.« Stefanie Middendorf, H-Soz-Kult, 30.09.2020 »Konzeptionell bedeutsam sind vor allem die Beiträge aus dem ersten Teil des Bandes, der sich dem Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Organisationsforschung widmet.« Robert Jungmann, Soziologische Revue 44(3), 2021

Autorentext
Marcus Böick ist Akademischer Rat an der Professur für Zeitgeschichte der Universität Bochum. Marcel Schmeer ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Leseprobe
Aus dem toten Winkel ins »Kreuzfeuer der Kritik«? Organisationen in der zeithistorischen Theorie und Praxis Marcus Böick und Marcel Schmeer Organisationen: Praktisch sind sie überall, theoretisch aber nirgendwo. So könnte man, sicher zugespitzt, den derzeitigen Reflexions- und Diskussionsstand weiter Teile der deutschen Zeitgeschichtsforschung zur Organisationsgeschichtsschreibung beschreiben. Organisationen bilden in der Praxis eine zentrale Referenz zeithistoriografischen Arbeitens und Forschens: oft als fokussierte Forschungsobjekte, stets auch als wesentliche Produzenten von verwendeten Archivalien und Quellen, fast immer als institutionelle Arbeit- oder Auftraggeber, etwa in Form von Universitäten, Forschungsinstituten, Fachverbänden, Stiftungen und von Museen, Gedenkstätten und insbesondere Archiven. Historiker/innen sind, allem langjährig kultivierten Einzelkämpfertum zum Trotz, durch und durch selbst organisierte Organisationswesen; die Geschichtswissenschaft als wissenschaftlich-akademische Disziplin ist Produkt moderner Organisationsbildungen an Universitäten, Instituten oder in ihren Fachverbänden. Und vielleicht ist es auch gerade diese arbeitsweltlich-professionelle Omnipräsenz des Organisationellen, die in der zeithistoriografischen Theorie insbesondere Organisationen als scheinbar unhinterfragte Selbstverständlichkeiten weitgehend zum Verschwinden bringt und dies aller theoretischen Debatten um immer neue methodische Trends und »turns« zum Trotz. Aber warum ist das so? Es ist durchaus mehr als ein semantisches Glasperlenspiel, dass die deutschsprachige Geschichtswissenschaft im markanten Gegensatz zur hiesigen Soziologie nie trennscharf zwischen Organisationen und Institutionen zu unterscheiden pflegte und pflegt. Während die Begriffe im zeithistorischen Feld weitgehend synonym gebraucht werden, differenziert die Sozialwissenschaft sehr trennscharf zwischen Organisationen als genuin moderner Sozialform mit spezifischen Funktionen und benennbaren Strukturen (wie etwa Mitgliedschaften, Zwecken oder Hierarchien ) einerseits sowie Institutionen andererseits Diese werden als der bewussten Reflexion entrückte »soziale Tatbestände« begriffen, die ihrerseits als übergeordnete gesellschaftliche Normen scheinbar überzeitliche oder gar universelle Gültigkeit beanspruchen. Der Verwaltungsexperte Wolfgang Seibel hob diese fundamentale Unterscheidung plastisch hervor: »Organisationen () werden vor unseren Augen gegründet, und sie können, wenn sie sich als relativ oder absolut unzweckmäßig erweisen, verändert oder auch wieder aufgelöst werden. Mit institutionalisierten sozialen Strukturen verhält es sich grundlegend anders. Sie treten uns zunächst als quasi-gegenständlich gegenüber, und sie können auch nicht von heute auf morgen geändert werden, selbst wenn starke Veränderungsimpulse in der Gesellschaft dies nahelegen.« Für Seibel erscheint die staatliche Verwaltung als nachgerade klassisches Paradebeispiel für eine (moderne) Organisationsform, Familie oder die Ehe hingegen als klassische Institutionen eben als jene umfassend akzeptierten sozialen Tatsachen, über deren »Sinn« man wie schon Emile Durkheim in den Anfängen der wissenschaftlichen Soziologie herausgearbeitet hat nicht tagtäglich grundlegend reflektieren müsse oder gar könne. Die kategorische Differenzierung zwischen Organisationen und Institutionen ist auf diese Weise wesentlicher Ausgangspunkt sozialwissenschaftlicher Organisationsforschungen, der diese als Forschungs- und Analysegegenstände greifbar werden lässt. In der geschichtswissenschaftlichen Theorie und Praxis spielt diese kategorische Unterscheidung bezeichnenderweise keine nennenswerte Rolle. Man könnte auch sagen, dass sich Organisations- und Institutionenbegriff in der zeithistorischen Anwendung oft auf problematische wie bezeichnende Weise miteinander vermengen: Zwar werden Organisationen in zahlreichen Einzelstudien als spezifisch-konkrete Ordnungsprinzipien des Sozialen betrachtet, erscheinen aber oft zugleich auch als stark institutionalisierte Gebilde, die einfach wie selbstverständlich vorhanden sind und deren jeweilige Existenz- und Deutungsformen keiner näheren Erörterungen oder methodischen Reflexionen bedürfen. Dies erweist sich jedoch als folgenreicher perspektivischer Trugschluss: Organisationen bzw. das organisationelle Denken an sich haben selbst eine (im Grunde recht kurze) Geschichte und sind aufs Engste mit spezifisch modernen gesellschaftlichen Entwicklungsdynamiken des 19. und 20. Jahrhunderts eng verknüpft, die sich wie später noch erörtert wird mit einigem Recht in ihrer Eigenschaft als »Organisationsgesellschaften« umfassend diskutieren ließen. Es ist dieses implizite historiografische Verständnis von Organisation als Institution, das erstere methodisch-reflexiv im toten Winkel gerade auch der Zeitgeschichtsforschungen verharren lässt. Zugleich könnte aber eine trennscharfe Unterscheidung von Organisation und Institution perspektivisch einen wichtigen Ausgangspunkt bilden, der ein Tor zum hier zu behandelnden Themenfeld aufstößt: Dass Organisationen, ihre internen Dynamiken (bzw. Praktiken) wie externen Beziehungsmuster (bzw. Diskurse) sowie insbesondere auch die von diesen produzierten und überlieferten Quellen eben keine selbstverständlich vorhandenen und in ihrem »sozialen Sinn« unhinterfragte wie unhinterfragbare »Tatsachen« (oder »black boxes«) sind, erscheint als wichtiger Impuls auch für zeithistorische Methodendebatten. Organisationen sind im zeithistoriografischen Blick auf allen Ebenen omnipräsent und mithin ein Stück weit zu selbstverständlich; sie bedürfen daher gezielt einer umfassenden heuristischen Verfremdung und Historisierung. Diese einleitende Beobachtung wollen wir mit diesem Buch zum Ausgangspunkt weiterführender th…


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