Das Dispositiv Moderne Sklavenarbeit

Das Dispositiv Moderne Sklavenarbeit

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593510484
Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Autor:
Anne Lisa Carstensen
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
17.04.2019

In Brasilien ist vielfach die Rede von "moderner Sklavenarbeit". Die betreffenden Arbeitsverhältnisse sind oft in globale Produktionsnetzwerke eingebunden und durch Migration bedingt. Anhand von Beispielen aus der Bekleidungs- und der Stahlproduktion werden die Strategien von staatlichen Institutionen, sozialen Bewegungen und Gewerkschaften aus repräsentationskritischer und machtanalytischer Perspektive untersucht. Im Zentrum stehen Deutungen, Erfahrungen und Widerstandsstrategien der Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Dispositivanalyse wirft ein neues Licht auf die Begriffe Unfreiheit, Entwürdigung und Ausbeutung.

In Brasilien ist vielfach die Rede von "moderner Sklavenarbeit". Die betreffenden Arbeitsverhältnisse sind oft in globale Produktionsnetzwerke eingebunden und durch Migration bedingt. Anhand von Beispielen aus der Bekleidungs- und der Stahlproduktion werden die Strategien von staatlichen Institutionen, sozialen Bewegungen und Gewerkschaften aus repräsentationskritischer und machtanalytischer Perspektive untersucht. Im Zentrum stehen Deutungen, Erfahrungen und Widerstandsstrategien der Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Dispositivanalyse wirft ein neues Licht auf die Begriffe Unfreiheit, Entwürdigung und Ausbeutung.

Autorentext
Anne Lisa Carstensen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück.

Leseprobe
1. Einleitung 1.1 Ausgangspunkt und Erkenntnisinteresse Moderne Sklavenarbeit umfasst ein heterogenes Feld extrem prekärer und oftmals durch temporäre Arbeitsmigration strukturierter Arbeitssituationen. Im Allgemeinen wird angenommen, dass die Beschäftigten in solchen Arbeitsverhältnissen über wenig Möglichkeiten zur Gegenwehr oder Interessenvertretung verfügen. Ich nehme den Begriff moderne Sklavenarbeit als ein brasilianisches rechtliches und arbeitspolitisches Konzept zum Ausgangspunkt meiner Analyse von Macht und Widerstand in eben diesen Arbeitssituationen. Seit den 1990er Jahren wird moderne Sklavenarbeit in Brasilien in einem öffentlichen und policy-orientierten Diskurs problematisiert. Der Begriff ist an das Konzept der Zwangsarbeit nach der ILO-Konvention 29 angelehnt (ILO 2014b), geht aber über dieses hinaus. Die entsprechende Definition im brasilianischen Strafgesetzbuch umfasst erstens Fragen des Zwangs und der Freiheitsberaubung (z. B. über Schulden oder physische Gewalt), zweitens der Überausbeutung durch extensive Arbeitstage und drittens entwürdigende Bedingungen bei Arbeit und Unterkunft. Seit Beginn offizieller Inspektions- und Strafverfolgungstätigkeiten auf dem Feld moderner Sklavenarbeit im Jahr 1995 bis einschließlich 2015 wurden in Brasilien 49.816 Personen aus Situationen moderner Sklavenarbeit befreit (MTPS, zit. nach RB 15.06.2016). Diese Zahl schockiert zunächst, weist sie doch auf eine große Zahl bekannter Fälle schwerwiegender Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen hin. Weniger aussagekräftig ist sie, wenn ein Überblick über die Gesamtzahl der Fälle extrem ausbeuterischer und unfreier Arbeitssituationen angestrebt wird. Denn aus den Daten des Arbeitsministeriums lässt sich in erster Linie ablesen, dass dieses seit 1995 vermehrt begann, Arbeitssituationen unter der Kategorie moderne Sklavenarbeit zu bearbeiten und die entsprechenden Daten zu systematisieren. Moderne Sklavenarbeit in diesem Sinne ist daher kein empirisches Phänomen, sondern ein arbeitspolitisches und juristisches Konzept. Die empirisch so bezeichneten Arbeitssituationen umfassen ein sehr breites Feld unterschiedlicher Erfahrungen. Als juristisches Konzept ist es zudem hochgradig umstritten. Das wurde beispielsweise in einer polemischen Debatte um den Gesetzesentwurf zur Enteignung von Land im Fall von Sklavenarbeit auf diesem deutlich (siehe Kapitel 3). Vor diesem Hintergrund bearbeite ich die folgende Fragestellung: Was bedeutet die konflikthafte Deutung und Bearbeitung spezifischer Arbeitsverhältnisse in globalen Produktionsnetzwerken als moderne Sklavenarbeit für die Machtbeziehungen und Widerstände in diesen Arbeitsverhältnissen? Der Gegenstand meiner Forschung ist dann Arbeit und Widerstand in globalen Produktions- und Migrationsnetzwerken. Hieran interessieren mich besonders Fragen der Subjektivation und der Konstruktion eines handlungsmächtigen oder -ohnmächtigen Subjektes, Praktiken der (Selbst-) Repräsentation und die Handlungsmöglichkeiten subalterner Arbeiter_innen. Die Fragestellung wird mithilfe einer arbeitssoziologisch fundierten Dispositivanalyse anhand von zwei qualitativen Fallstudien untersucht. Wenn vor dem begrifflichen Hintergrund moderner Sklavenarbeit nach Handlungsperspektiven von Arbeiter_innenbewegungen gefragt wird, offenbart sich eine definitorische Schwierigkeit. Dies lässt sich beispielhaft anhand der folgenden Textstellen aus einem Interview mit einer Projektleiterin am unternehmensnahen Sozialverantwortungsinstitut ETHOS nachvollziehen: »Wir müssen versuchen, die Definition von Sklavenarbeit aufrechtzuerhalten. Damit ist ein Angriff auf die Menschenwürde gemeint. Die Person sieht sich auf viele unterschiedliche Arten in ihrer Freiheit eingeschränkt. Denn diese Arbeiter [Arbeiter auf einer Großbaustelle für einen Staudamm in Jirau, die kurz zuvor wilde Streiks durchgeführt hatten , Anm. d. V.] arbeiten zwar unter prekären Bedingungen und sind mit antigewerkschaftlichen Arbeitgeberpolitiken konfrontiert und all das, aber sie waren in der Lage, sich zu organisieren und für ihre Rechte zu kämpfen [...]. Und Sklavenarbeit ist doch genau diese Grenze. Diese Grenze, die bedingt, dass eine Person sich vollständig in ihren Rechten beschnitten sieht. Ich denke für andere Probleme haben wir andere Mittel« (Int. Ex. ETHOS). Moderne Sklavenarbeit definiert sich im Rahmen dieser Aussage entlang der Annahme einer absoluten Handlungsohnmacht der von Sklavenarbeit betroffenen Subjekte. Es wird eine Gruppe von Arbeiter_innen für die Argumentation herangezogen, deren arbeitsbezogene Probleme von der Interviewpartnerin nicht als moderne Sklavenarbeit verstanden werden, da diese sich ja gegen die kritisierten Bedingungen wehren konnten. Die Frage nach möglichen Handlungsspielräumen der Arbeitenden wird hier tautologisch: Sobald die Arbeiter_innen eigenständiges Handeln für sich reklamieren, unterliegen sie nicht länger der Definition moderner Sklavenarbeit. Die Interviewpartnerin hypostasiert damit eine angenommene empirische Realität und erhebt sie zum Definitionskriterium moderner Sklavenarbeit. Mit dieser Aussage lief meine Fragestellung zunächst ins Leere. Denn aus dieser Perspektive ist die Frage, ob Subjekte, denen ihre Rechte abgesprochen werden, dennoch für diese eintreten können, nicht zu bearbeiten. Die Arbeitenden sind dann subalterne Subjekte, welche nicht für sich selbst sprechen und gehört werden können (Spivak 2008); es handelt sich bei den versklavten Arbeiter_innen in den Worten Butlers um ein nicht existenzfähiges Subjekt, sogenannte »gesellschaftliche Tote« (Butler 2013: 31), welche an den vermeintlichen Rändern der Arbeitsmärkte als gesellschaftliches Anderes existieren und zur Illusion einer weitergehenden Normalität kapitalistischer Lohnarbeitsbeziehungen beitragen. Hatte ich also meine Frage falsch formuliert und nach etwas gesucht, was es per definitionem nicht geben kann? In der weiteren Feldforschung bestätigte sich meine Arbeitshypothese, dass die befragten Arbeiter_innen , die in den problematisierten Arbeitsbeziehungen arbeiteten, durchaus viel zu sagen hatten und von vielfältigen Praktiken der Gegenwehr und Vertretung ihrer Interessen berichteten. Diese Berichte finden aber keinen Eingang in dominante Erzählungen über Sklavenarbeit in den entsprechenden Feldern. Was bedeutete dies vor dem Hintergrund der obigen Aussage? Hatte ich einfach die falschen Arbeiter_innen, nämlich doch keine authentischen Sklavenarbeiter_innen befragt? Oder hatte ich herausgefunden, das…


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