Einband:
Kartonierter Einband
Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Autor:
Joris Alexander Steg
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
31.07.2019
Kurz nach Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 überwog vielerorts die Vorstellung, dass die westlichen Gesellschaften vor tiefgreifenden Umbrüchen stünden. Finanzkapitalismus und Neoliberalismus schienen diskreditiert zu sein, starke staatliche Eingriffe standen wieder auf der Agenda. Mehr als ein Jahrzehnt später ist davon wenig zu spüren; ein substanzieller Kurswechsel ist ausgeblieben. Warum leiten manche Krisen große Veränderungen ein und andere nicht? Und wie hängt die jüngste Krise mit dem Erstarken nationalistischer Kräfte zusammen?
»Der Autor greift auf einen bemerkenswert großen Umfang an Material zurück, was er in seine Thematik und seine Fragestellungen argumentativ ausgewogen einzuflechten versteht und durchweg kritisch aufnimmt. Was das Problem ist und welche Fragen aufzugreifen bzw. aufzuwerfen sind, darüber gibt er gleich im Vorwort und in der Einleitung sehr klar Auskunft. Sicherlich ist das Buch allen Soziologiestudent*innen zu empfehlen, doch auch all jenen, die mehr über die jüngeren Krisen-Zeiten und darüber erfahren möchten, wie die gegenwärtige Situation einzuschätzen ist. Gerade das letzte Kapitel, Fazit und Ausblick, bietet Anlass und Stoff für politische Diskussionen.« Arnold Schmieder, socialnet.de, 27.05.2020
Autorentext
Joris Steg, Soziologe, promovierter Soziologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Bergischen Universität Wuppertal. Seine Forschungsschwerpunkte sind die aktuellen Krisendynamiken des Kapitalismus.
Leseprobe
Vorwort Dieses Buch ist die gekürzte und überarbeite Fassung meiner im Dezember 2017 unter dem Titel »Zwischen Reproduktion und Transformation. Eine historisch-soziologische Analyse von Krisen in modernen kapitalistischen Gesellschaften« an der Friedrich-Schiller-Universität Jena eingereichten und am 6. Juni 2018 verteidigten Dissertation. Das Buch handelt von Krisen und den Folgen von Krisen. Wie Krisen entstehen, welche gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Folgen Krisen haben diese Fragen beschäftigen mich gesellschaftspolitisch und wissenschaftlich, speziell seit der vor mehr als zehn Jahren ausgebrochenen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Unmittelbar nach Ausbruch der Krise hatte es noch den Anschein, als stünden die demokratisch-kapitalistischen Gesellschaften des Westens vor tiefgreifenden Umbrüchen. Finanzmarktkapitalismus und Neoliberalismus waren scheinbar hoffnungslos diskreditiert. Forderungen nach einem starken Staat und eine Renaissance keynesianischer Wirtschaftspolitik standen wieder auf der politischen Agenda. Die Große Krise schien einen Wendepunkt zu markieren und auf einen Paradigmenwechsel zwischen Staat und Markt hinauszulaufen. Mittlerweile ist davon nur noch wenig zu spüren. Schon ab 2010 veränderten sich, speziell in Deutschland, Krisendiskurs und Krisenwahrnehmung. Es wurde kaum mehr von der Banken-, Finanz- oder Wirtschaftskrise gesprochen, sondern fast ausnahmslos von der Schuldenkrise oder der Euro-Krise. Spätestens ab 2012/13 hatte sich das Krisenbewusstsein endgültig verflüchtigt. Im Endeffekt hat die Krise bisher nicht viel verändert: Sie hat, so können wir heute konstatieren, keinen signifikanten politischen und ökonomischen Kurswechsel bewirkt. Diese überraschende und paradox anmutende Konstellation, dass die schwerste Wirtschaftskrise seit der Great Depression 1929ff. ausgebrochen ist, diese Krise aber nicht wirklich etwas geändert hat, war die Ausgangslage und Motivation meiner Arbeit. Warum aber ist nach dieser Krise so wenig passiert? Warum hat sich die aktuelle Krise nicht zu einer Transformationskrise entwickelt? Etwas allgemeiner: Was passiert wann und warum in Krisen. Oder anders herum: Was passiert wann und warum in Krisen gerade nicht? Das waren die Ausgangsfragen meiner Arbeit und der Anlass, mich systematisch mit Krisen und Krisenfolgen auseinander zu setzen. Wie in einer wissenschaftlichen Qualifikationsschrift, zumal einer soziologischen, nicht unüblich, ist die vorliegende Arbeit theorielastig. Ralf Dahrendorf beschreibt es so: »Wollen wir über die Gesetzlichkeiten unserer Gesellschaft mehr aussagen als unverbindliche Vermutungen und brillante Einfälle dies vermögen, dann bleibt es uns nicht erspart, den langen und beschwerlichen Umweg über allgemeine, theoretische, damit abstrakte und nicht immer leicht eingängige Formulierungen zu gehen.« Dieser Weg wird auch in diesem Buch eingeschlagen. Dahrendorf fährt fort: »Soll dieser Umweg allerdings mehr als ein planloser Spaziergang sein, dann muß er am Ende zu dem Ziel einer Befruchtung der Analyse konkreter Phänomene führen.« Auch diesem Diktum folgt meine Arbeit. So habe ich mich an Karl Marx orientiert und bin »vom Abstrakten zum Konkreten« aufgestiegen. In den ersten Abschnitten werden der theoretische Rahmen, das begriffliche Raster und das Kategorienschema entwickelt, ehe in einer Fallstudie die bisherigen Entwicklungsmodelle und die bisherigen Großen Krisen 1929ff., 1973ff. und 2007ff. in ihren konkreten Ursachen, ihrem Verlauf und ihren Folgewirkungen betrachtet werden. Auf dieser Basis wird eine Krisenheuristik entwickelt. Zum Abschluss dieses Buches wird der politisch höchst aktuellen Frage nachgegangen, wie die jüngste Krise mit dem Erstarken nationalistischer Kräfte zusammenhängt. Diese Dissertation wäre nicht möglich gewesen ohne die Hilfe und Unterstützung zahlreicher Personen. Ich danke vor allem meinem Erstbetreuer Stephan Lessenich, der mich frühzeitig ermutigt und es mir überhaupt erst ermöglicht hat, eine Dissertation zu schreiben, sowie meiner Zweitbetreuerin Silke van Dyk für Unterstützung, Beratung, wertvolle Anregungen und stets hilfreiche Hinweise. Ich danke meiner Familie für die uneingeschränkte Unterstützung und den aufmunternden Beistand. Besonders danke ich Lena, die mir wirklich immer und bei allem bedingungslos zur Seite stand. Ihr widme ich dieses Buch. Berlin/Dortmund im Februar 2019 Joris Steg 1 Einleitung Wir leben in Krisenzeiten. Der Krisenbegriff ist heutzutage allgegenwärtig und omnipräsent. Es existiert derzeit wohl kaum ein anderer Begriff, der den medialen, politischen, wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs in vergleichbarer Weise prägt. Allenthalben werden Krisen konstatiert bzw. verschiedenste Ereignisse und Entwicklungen als krisenhaft qualifiziert: Flüchtlings- und Migrationskrise, Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise, Staatsschulden- und Eurokrise, Krise der Demokratie und der (Volks)Parteien, Vertrauens- und Repräsentationskrise, Krise des Sozialstaats, Armutskrise, Medienkrise, Bildungskrise, demographische Krise, Klima-, Umwelt- und ökologische Krise, Ernährungskrisen, humanitäre Krisen. Kriege werden als Krisen wahrgenommen. Darüber hinaus gibt es Krisen in sozialen Beziehungen wie die Beziehungs-, Ehe- oder Familienkrise und Krisen auf der individuellen Ebene, Krisen des Selbst wie die Depression, den Burnout oder die Midlife-Crisis. Fortwährend befinden sich einzelne Wirtschaftsbranchen oder Unternehmen in einer Krise, auch einzelne Sportler und Sportvereine befinden sich permanent in einer Form- bzw. Ergebniskrise. Bereits der kursorische Überblick über in Wissenschaft, Medien und Alltag verhandelte Krisenphänomene verdeutlicht: Der Krisenbegriff zeichnet sich durch eine erhebliche Variationsvielfalt in der Bedeutung aus und wird zur Klassifizierung und Etikettierung verschiedenster gesellschaftlicher Problemlagen verwendet. 1.1 Problemaufriss und forschungspraktische Relevanz Krisendiagnosen haben derzeit Konjunktur. Die Krisenmetapher scheint mithin die »Grundstimmung einer Epoche« (Prisching 1986: 15) zu repräsentieren. Aufgrund des geradezu inflationären Gebrauchs und der Allgegenwart des Krisen-Topos wird behauptet, dass sich die Krise »zur strukturellen Signatur der Neuzeit« (Koselleck 1982: 627) entwickelt habe. Mitunter wird gar behauptet, dass es gegenwärtig in modernen Gesellschaften eine »mediale Proliferation von immer neuen Krisen« (Nün…
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