Musikmärkte

Musikmärkte

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593511733
Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Autor:
Kristin Bothur
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
24.06.2020

Digitalisierungsprozesse modifizieren die Erwerbsarbeit grundlegend. Dabei führt das Feld der Pop- und Rockmusik vor, wie neue Technologien die Genese und den Zusammenbruch von Märkten, Geschäftsmodellen und Einkommensquellen bedingen können. Das Buch gibt Einblicke in die Arbeits- und Lebenswelt von Musikschaffenden, die trotz beachtlicher Produktivität, Leistungs- und Lernbereitschaft, Flexibilität gegenüber ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen, hohem Kultur- und Sozialkapital und Reputation um ihren Status als Musiker*innen und Erwerbstätige bangen müssen.

Autorentext
Kristin Bothur, Dr. rer. pol., arbeitet als Forschungsmanagerin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Zuvor war sie als Forschungskoordinatorin am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik in Bremen tätig. Nach ihrem Studium der Philosophie und den Politik- und Verwaltungswissenschaften wurde sie an der Universität Bremen in Soziologie promoviert.

Leseprobe
1. Einleitung Digitalisierungs- und Technologisierungsprozesse modifizieren die Arbeitswelt grundlegend; sie lassen neue Beschäftigungsfelder entstehen und andere verschwinden. Während sich für die einen Akteure neue Erwerbschancen auftun, droht anderen das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Geringqualifizierte werden besonders mit diesem Risiko konfrontiert sein. Der Bedarf nach immer wieder neuen Kompetenzen und Fähigkeiten schwächt die Bedeutung der ersten Ausbildungsphase und stärkt die des lebenslangen Lernens, um der Technologisierung und Digitalisierung mit Bildungsinvestitionen und der eigenen Arbeitskraft entgegenzutreten. Welche Implikationen haben solche Wandlungsprozesse für den Wert individueller Arbeitskraft sowie für Bildungs- und Erwerbsbiographien? Was kann einem Werteverlust und einer Zementierung struktureller Ungleichheiten entgegengesetzt werden? Und verkommt das Mühen um den Verbleib in der Erwerbsarbeit und den Erhalt des sozioökonomischen Status auch bei Arbeitnehmer*innen zur individuellen Verantwortung? Wie passt das mit den Wohlfahrtsarrangements konservativer Staaten wie Deutschland zusammen, in denen Normalbiographien honoriert und multiple Wechsel zwischen selbstständigen und abhängigen Erwerbsformen vernachlässigt werden? Diese gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen können nicht im Rahmen dieses Dissertationsprojekts adressiert werden. Gleichwohl wende ich mich Märkten zu, die Einblicke in die Implikationen solcher umfänglichen Strukturveränderungen auf Erwerbs- und Bildungsverläufe, Arbeitsbedingungen, Verdienstmöglichkeiten und sozioökonomische Status bieten. Im Zentrum stehen Pop- und Rockmusikmärkte, die vorgeführt haben, wie Digitalisierungs- und Technologisierungsprozesse die Genese und den Zusammenbruch von Märkten, Geschäftsmodellen und Einkommensquellen herbeiführen können. Sorgten Innovationen der Aufnahme- und Rezeptionstechnologien in den ersten hundert Jahren für ein beständiges und zeitweise exorbitantes Wachstum dieser Statusmärkte, hatten die digitalen Neuentwicklungen der zurückliegenden 20 Jahre weitereichende strukturelle Folgen für alle Marktakteure. Der beständige Ausbau digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien erlaubte auf der einen Seite die Erschließung globaler Märkte. Auf der anderen Seite sorgten diese etwa für die unkontrollierte Distribution musikalischer Arbeiten, ohne die daran beteiligten Produzent*innen, Komponist*innen, Musiker*innen und Musikdienstleister*innen (angemessen) zu entlohnen, was die Musikwirtschaft viele Jahre zum Erliegen brachte. Eine Abwertung der Arbeitskraft schlug sich in niedrigen und für einige Akteure und Firmen existenzbedrohenden Umsätzen nieder. Die Marktzwänge nahmen zuverlässig zu, während die Existenzgrundlage der Akteure dahinschmolz. Mehr als zehn Jahre später vermeldeten der Bundesverband Musikindustrie (BMVI 2017) und die British Phonographic Industry (BPI 2017) eine Erholung der Musikwirtschaft. Das Internet als einstiger Zerstörer einer Branche, verhelfe nun mit Musikstreamingdiensten und Onlinestores, die auf neuen Distributions- und Konsumpraktiken aufbauen, zu Erholungseffekten. Auch Vinyl-Schallplatten erfreuen sich einer neuen Beliebtheit. Während einige Unternehmen genesen konnten, gelang das den soloselbstständigen Kreativen und Independent-Firmen in der Mehrzahl nicht. An den neuen und rettenden Geschäftsmodellen werden diese lediglich mit einem überaus geringen Anteil des Umsatzes bedacht, obwohl es deren Inhalte ohne die Schöpfer*innen nicht gäbe. Musiker*innen der Pop- und Rockmusikmärkte, in denen die selbstständige Beschäftigungsform alternativlos ist, sind den Zwängen und Wandlungsprozessen dieser Statusmärkte eigenverantwortlich und mit geringer staatlicher Unterstützung ausgeliefert. Digitale Produktions- und Distributionstechnologien treiben die Überproduktion in den Märkten, in denen es jederzeit herausfordernd war, dauerhaft Erfolge zu erzielen, weiter an. Der sinkende Wert der kreativen Arbeit spiegelt sich in wegfallenden Einkommensquellen wider. Die Komplexität der Musikmärkte lässt nur wenig Raum für gestaltendes und planendes Handlungsentscheiden. Die Musiker*innen stehen unter einem überaus hohen Adaptionsdruck. Wie bewältigen Sie das? Wie sorgen sie für den Verbleib in der künstlerischen Erwerbsarbeit? Welche Bildungsinvestitionen und Handlungsstrategien zahlen sich aus? Im Zentrum dieses Dissertationsprojektes steht, wie die Akteure ihre Märkte und deren Dynamiken wahrnehmen, wie sie ihre Arbeitsbedingungen und sozioökonomische Situation beschreiben und wie sie mit den komplexen und sich wandelnden Marktstrukturen sowie den sozioökonomischen Risiken des Musikerberufs umgehen. Die Forschungsfragen gründen auf der Annahme, dass technologische Errungenschaften den Möglichkeitsraum von Rock- und Popmusiker*innen einerseits erweitern, andererseits jedoch zu wachsenden Marktabhängigkeiten und einem höheren Prekarisierungsrisiko führen. Amtliche Statistiken zeichnen ein düsteres Bild von der Arbeits- und Lebenssituation selbstständiger Musiker*innen. Ungleichheiten zementieren sich mit statushomogenen Kollaborationen, die wenige Superstars heroisieren, während der Großteil um eine (dauerhafte) wirtschaftliche Existenz ringt. Grundlage für Problemaufriss und die Kontextualisierung sind Arbeiten, die sich mit Künstler(arbeits)märkten und den darstellenden wie bildenden Künstler*innen beschäftigten, denn es gibt nur wenige Forschungsarbeiten über Pop- und Rockmusiker*innen. Die soloselbstständigen Akteure teilen strukturelle Herausforderungen in den Statusmärkten sowie Arbeitsbedingungen und sozioökonomische Risiken. Künstlerische Arbeit als sozioökonomisches Risiko Carl Spitzweg hat den Zusammenhang zwischen künstlerischer Arbeit und Prekarität mit seinem Werk »Der arme Poet« (1839) verbildlicht. Der Frage, ob sich dieser auch empirisch nachweisen lässt oder einem Mythos gleichkommt, ging Filer im Jahr 1986 erstmals nach. Er sah mithilfe von US-amerikanischen Zensusdaten einen Mythos bestätigt und schlussfolgerte, dass »contrary to widely held beliefs, artists do not appear to earn less than other workers of similar training and personal characteristics (Filer 1986: 56). Weniger als 10 Prozent Einkommensdifferenz glaubte er gegenüber nichtkünstlerischen Berufen festgestellt zu haben und argumentierte, dass dafür Künstler*innen durchschnittlich fünf Jahre länger arbeiten. Allerdings differenzierte er nicht zwischen den verschiedenen Einkommensquellen Kunstschaffender. Darunter waren auch nichtkünstlerische Arbeiten, um die individuelle sozioökonomische Situation zu verbessern. Auch unterschied er nicht zwischen Kunstsparten, deren Strukturen heterogen sind (Menger 1999: 553; Wassal/Alper 1992). Seither gab es allerhand Untersuchungen zu Künstlerarbeitsmärkten mit diversen methodischen und theoretischen Zugängen aus verschiedenen Ländern und Disziplinen. Diese zeichnen ein düsteres Bild projektbasierter, unregelmäßiger un…


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