Das entwertete Selbst

Das entwertete Selbst

Einband:
Kartonierter Einband
EAN:
9783593512235
Genre:
Arbeits-, Wirtschafts- & Industriesoziologie
Autor:
Anne Röwer
Herausgeber:
Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum:
30.04.2020

Wenn Menschen sowohl unter ihrer Arbeit als auch unter Arbeitslosigkeit leiden, drängt sich der Verdacht auf, dass ein Zusammenhang mit der gegenwärtigen Bedeutung und Gestalt von Erwerbsarbeit besteht. Diese Untersuchung stellt die Identität erwerbstätiger und erwerbsloser Subjekte in den Mittelpunkt. Sie verknüpft die Anerkennungstheorie mit der Belastungsforschung sowie mit zeitdiagnostischen Überlegungen zum Wandel der Arbeitswelt und zur Transformation des Wohlfahrtsstaats. So entsteht ein umfassendes Bild des psychosozialen Belastungserlebens Erwerbstätiger und Erwerbsloser, das die Wechselbeziehung von Arbeit, Anerkennung und Identität sichtbar macht.

»Röwer legt in ihrem Buch [] theoretisch begründet und empirisch fundiert dar, weshalb Menschen in Erwerbsarbeitsgesellschaften sowohl unter der Erwerbsarbeit als auch unter dem Fehlen ebendieser leiden. Sie zeigt auf, wie nicht bewältigte/zu bewältigende Negationserfahrungen die Identität (d.h. hier insbesondere Selbstwert und Kontrollüberzeugung) schädigen können.« Dr. des. Benedikt Hassler, socialnet.de, 09.10.2020 »Flankiert von einer Vielzahl an sozialdiagnostisch anschlussreichen Beobachtungen, legt Röwer einen empirisch fundierten Beitrag zu einer Anerkennungssoziologie der Arbeit vor, die Modi der Nichtanerkennung in ihrer gelebten Relevanz beleuchtet.« Veronika Zink, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (2021) 73: 159162

Autorentext
Anne Röwer, Dr. phil., hat am Institut für Soziologie der Universität Jena promoviert.

Leseprobe
Einleitung Psychische Leidenserfahrungen sind in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit und medialen Berichterstattung gerückt. Besondere gesellschaftliche Aufmerksamkeit wird dabei den psychischen Erkrankungen Beschäftigter zuteil und im Zusammenhang mit psycho-sozialen Belastungen einer sich wandelnden Arbeitswelt diskutiert. Von den Leidenserfahrungen Arbeitsloser ist hingegen wenig zu hören. Unabhängig von ihrer öffentlichen Rezeption zeigt die wissenschaftliche Befundlage allerdings deutlich, dass Erwerbslose mit einer Reihe unterschiedlicher Belastungen konfrontiert und doppelt so häufig von psychischen Störungen betroffen sind wie Erwerbstätige. Offenbar leiden Menschen an (Erwerbs-)Arbeit und an ihrer Abwesenheit. Die Vermutung, dass diese trivial anmutende Feststellung etwas mit der Bedeutung von Erwerbsarbeit in demokratisch-kapitalistischen Gesellschaften zu tun hat, drängt sich geradezu auf. Obgleich die bisherige Forschung sowohl für das Feld der Erwerbstätigkeit als auch das der Erwerbslosigkeit eine Vielzahl von Stressoren und Einflussfaktoren identifiziert hat, ist unzureichend aufgeklärt, wie diese auf das gesundheitliche Befinden wirken. Stressoren sind keine »Gummibälle«, die nach den Betreffenden geworfen werden und »Eindrücke« in den Individuen hinterlassen. Um einen Beitrag zum Schließen dieser Lücke zu leisten, werden die, in ihrer für den Stressprozess konstitutiven Funktion ausgewiesenen, subjektiven Deutungen zum zentralen Gegenstand der Untersuchung. Entscheidend für das Vorgehen ist, dass Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit nicht, wie sonst üblich, getrennt voneinander betrachtet, sondern als zwei »Ausprägungen« einer zentralen gesellschaftlichen Institution begriffen werden. Wenn es darum geht, die Bedeutung von Erwerbsarbeit in ihrer Relevanz für das subjektive Belastungserleben näher zu betrachten, ist naheliegend, diese systematisch von beiden Seiten aus zu erschließen. Die Rede von Bedeutung meint zudem zweierlei: Es geht um die gesellschaftliche und die subjektive Bedeutung von Erwerbsarbeit, die freilich aufs Engste miteinander verstrickt sind. Erwerbsarbeit ist konstitutiv für das normative Selbstverständnis und das institutionelle Arrangement einer »(Erwerbs )Arbeitsgesellschaft«. Sie ist zentral für die Identität und den Lebensvollzug der in dieser lebenden Subjekte, denn Erwerbsarbeit dient nicht allein der materiellen Sicherung des Lebensunterhalts, sie ist zentraler Integrationsmodus und Anerkennungsraum. Diese latente und doch grundlegende Funktion von Erwerbsarbeit soll im Rahmen der Untersuchung genau betrachtet werden. Erwerbsarbeit ist eine Quelle für identitätskonstitutive Anerkennungs-erfahrungen, jedoch zugleich von Nichtbeachtungs- und Missachtungserfahrungen (vgl. Voswinkel und Wagner 2013: 75). »[] Mißachtung kommt für die psychische Integrität der Menschen dieselbe negative Rolle zu[], die die organischen Erkrankungen im Zusammenhang [mit] der Reproduktion seines [sic!] Körpers übernehmen: durch die Erfahrung von sozialer Erniedrigung und Demütigung sind menschliche Wesen in ihrer Identität ebenso gefährdet, wie sie es in ihrem physischen Leben durch das Erleiden von Krankheiten sind.« (Honneth 1994: 218) Wie Gabriele Wagner (2004: 285) bereits konstatiert, stellt eine an-erkennungstheoretische Perspektive »Fragen nicht komplett neu, aber sehr wohl anders []« und »neue Fragestellungen [können] [] neue Antwortrichtungen generieren.« Sie erlaubt es insbesondere, den im Rahmen der Belastungsforschung in seiner potenziellen Relevanz zwar durchaus erkannten, aber kaum systematisch erforschten »Faktor Kultur« in die Untersuchung hereinzuholen und in Bezug zu den subjektiven Leidenserfahrungen zu setzen. Erwerbsarbeitsbezogene Belastungserfahrungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen werden sicherlich häufig als individuelles Problem erlebt, doch wie Mohr und Duresso (2012: 198) zu Recht betonen, ist »Erwerbslosigkeit [] kein psychologisches, sondern ein gesellschaftliches Problem.« Gleiches lässt sich für die Belastungen in der Erwerbstätigkeit feststellen. Eben dies scheint gegenwärtig jedoch infrage zu stehen. In gesellschaftskritischer Absicht nachzuweisen, dass psychische auf soziale Pathologien verweisen, stellt ein schwieriges Unterfangen dar. Es hat in der Soziologie (insbesondere der Kritischen Theorie) eine lange Tradition und kritische Sozialwissenschaftler*innen und Sozialphilosoph*innen werden nicht müde, es zu versuchen. Als ein solcher Versuch versteht sich die vorliegende Arbeit und will dies über ein interdisziplinär und integrativ angelegtes Vorgehen leisten. Denn grundsätzlich gilt, dass weder Belastungen noch deren subjektive Deutungen im Vakuum entstehen, sondern in einem Raum gesellschaftlicher Deutungen und Wertungen sowie deren Manifestation in öffentlichen Diskursen, politischen Programmen und Maßnahmen sowie sozialen Praktiken und Strukturen (ähnlich bereits Pearlin 1989: 242). Seit geraumer Zeit thematisieren soziologische Zeitdiagnosen die sich wandelnden sozial-strukturellen Bedingungen und sozio-kulturellen Deutungsmuster demokratisch-kapitalistischer Gesellschaftsformationen sowie ihre Konsequenzen für die in ihnen lebenden und arbeitenden sowie arbeitslosen Subjekte. Gerade vor dem Hintergrund eines umfassenden Wandels von Gesellschaft und Erwerbsarbeit gilt es der Frage nach Zusammenhängen zwischen diesen Prozessen und dem subjektiven Belastungserleben sowie gesundheitlichen Beeinträchtigungen nachzugehen. Die Verknüpfung der entsprechenden Forschungsfelder ist daher nicht nur naheliegend, sondern geradezu geboten. Das Anliegen der Untersuchung ist folglich ein zweifaches: Zum einen soll ein tieferes Verständnis für die Wirkungsweise jener Umstände der Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit entwickelt werden, die subjektiv als psychosoziale Belastungen erlebt werden und mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden sind. Zum anderen soll in der Frage nach dem Ursprung dieser subjektiven Leidenserfahrungen über die konkrete Erwerbssituation hinausgegangen und der Blick auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen gerichtet werden. Eine anerkennungstheoretische Perspektive stellt die Beantwortung dieser Fragen in Aussicht. »[D]ie Anerkennungstheorie [erweist sich] als besonders geeignet für die Beschäftigung mit einem der wesentlichen Bereiche sozialbedingten [sic!] Leidens in gegen…


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