Genre:
Philosophie-Lexika
Herausgeber:
BoD - Books on Demand
Erscheinungsdatum:
15.09.2026
Warten. Wenn die Zeit stillsteht Wir warten ständig: auf Züge, Menschen, Nachrichten, Entscheidungen und bessere Zeiten. Meist nehmen wir es kaum wahr. Erst wenn sich wenige Minuten dehnen, spüren wir, wie unterschiedlich Zeit erlebt werden kann. Dieses Buch beginnt mit dem Warten auf einen Zug. Der Bahnsteig ist mehr als ein Ort des Reisens. Hier begegnen sich Menschen, die einander nicht kennen und doch für eine Weile dieselbe Situation teilen. Jeder wartet auf etwas anderes: auf die Heimfahrt, einen Termin, einen Besuch oder den Urlaub. Gemeinsam ist ihnen nur eines: Sie sind noch nicht dort, wo sie hinwollen. Der Bahnhof wird damit zu einem kleinen Ausschnitt unserer Gesellschaft. Hier zeigen sich Ungeduld und Geduld, Einsamkeit und Gemeinschaft, Hoffnung und Enttäuschung. Ein verspäteter Zug kann ärgern, aber auch Fremde miteinander ins Gespräch bringen. Warten ist niemals nur eine Frage von Minuten. Eine Stunde bleibt auf der Uhr eine Stunde, wird aber von jedem Menschen anders erlebt. Wer auf einen geliebten Menschen, einen Befund oder eine Entscheidung wartet, erlebt Zeit anders als jemand, der sich auf den Urlaub freut. Die Zeit der Uhr und die Zeit des Menschen sind nicht dasselbe. Wir leben in einer Welt, die ihre Zeit planen und kontrollieren möchte. Fahrpläne, Kalender und Echtzeitinformationen versprechen Sicherheit. Doch immer wieder stoßen wir an eine Grenze: Der Zug kommt nicht, eine Antwort bleibt aus, eine Entscheidung steht noch bevor. Wir können planen, die Zukunft aber nicht erzwingen. Als Theologe und Pensionär habe ich gelernt, dass ein Leben nicht nur aus dem besteht, was wir tun. Es besteht ebenso aus dem, was wir erwarten, erhoffen, erinnern und nicht beeinflussen können. Das Warten ist deshalb keine leere Zeit. Es gehört zum Menschsein. Vielleicht lohnt es sich, den Bahnsteig mit anderen Augen zu betrachten. Hinter einem ungeduldigen Blick kann sich eine ganze Geschichte verbergen, hinter der Stille eines Wartenden eine Hoffnung oder Sorge. Denn während wir auf den Zug warten, geschieht bereits etwas: Wir leben. Das Leben besteht nicht nur aus den Augenblicken, in denen etwas geschieht, sondern ebenso aus den Zwischenräumen, aus Warten, Hoffen und Erinnern. Wir besitzen die Zeit nicht. Wir dürfen nur mit ihr reisen.
Autorentext
Johannes Simang, geb.1952, aufgewachsen in Berlin. Nach einer Handwerkslehre habe ich ev. Theologie studiert. Berlin ist eine rastlose Stadt. Als Pfarrer muss man aber überall etwas früher sein, ob auf dem Friedhof, bei Gesprächen in der Gemeinde. Nur bei Besuchen ist Pünktlichkeit auf die Minute gefragt. Das hat damit zu tun, dass man Menschen sonst im Ungewissen lässt. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir eine andere Sicht auf das Warten haben. Es stimmt natürlich, die Bahn lässt uns im Ungewissen, aber wir nehmen als Wartende das Leben anders war, nehmen unsere Mitmenschen wahr. In größter Eile gibt es selten Rücksichtnahme, nach dem Erleben des gemeinsamen Wartens schon. Es wäre hoffnungsvoll, wenn unsere Gesellschaft dahingehend verändert.
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